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Einführung in die islamische Philosophie (Teil 2)

V. Die Begegnung mit anderen Kulturkreisen

über die Zeit nach 1200 weiss man betreffend der islamischen Philosophie viel weniger als über die Zeit davor. Der Grund mag wohl darin liegen, dass die Zeit nach 1200 die anderen Kulturkreise kaum beeinflusst hat. Das Paradigma heisst nicht mehr Aristoteles, sondern Avicenna. Der Schauplatz verlegt sich nach Spanien. Als Vorbereitung der Rezeption in Spanien kann der Einfluss der islamischen Philosophie auf die jüdische Philosophie und Theologie betrachtet werden:

1. Islamische Philosophie und jüdische Philosophie

Die jüdische Philosophie und Theologie ist zutiefst gepr?gt von der islamischen Philosophie: Erst unter dem Einfluss des Islam schafft das jüdische Denken seit dem 9. Jahrhundert neue philosophische Ans?tze. Vor allem die in Spanien lebenden Juden waren durch ihre geographische und politische Lage zur kulturellen Produktion herausgefordert.Hauptvertreter der jüdischen Philosophie im islamischen Kulturkreis sind:

  • Ishaq al- Isrá’?lí (gestorben ca. um 950) Ishaq al- Isrá’?lí kommt aus ?gypten und geht etwa um 905 nach Tunesien, wo er Hofrat des ersten Fatimidenherrschers wird. Er schreibt wie seine umliegende Kultur arabisch. Im lateinischen Westen geniesst er grosse Reputation als Arzt. Weniger bekannt sind seine philosophischen Werke: Das “Buch über die Definitionen” und das “Buch über die Elemente” sind ebenso wie seine anderen Werke eng verknüpft mit al- Kind?.Die Existenz Gottes wird bei Ishaq al- Isrá’?lí vorausgesetzt und nicht gross begründet. Gott erschafft ex nihilo eine erste Materie und eine erste Form (—> ebenso wie von Kind? h?ngt er auch vom Neuplatonismus ab). Aus diesen setzt sich der Intellekt zusammen. Der Intellekt bringt seinerseits durch Emanation die Seele hervor, welche ganz nach Aristoteles eingeteilt wird. Der vegetative Seelenteil bringt wiederum durch Emanation die Himmelssph?re, bestehend aus ?ther, hervor. Dies ist die sublunare Welt, welche als Basis die vier Elemente hat. Durch Reinigung ist es m?glich, rückw?rts durch die Emanationsschritte zu Gott zu gelangen. Dies ist jüdische Philosophie, aber man h?tte im Einzelnen Mühe, die jüdischen Elemente herauszusch?len.
  • Salomon ibn Gabirol (Avicebron, ca. um 1021 – 1058) Salomon ben Jehuda ibn Gabirol, lateinisiert Avicebron oder Avencebrol wurde in Málaga geboren. Sein Werk “Lebensquell”, ein neuplatonischer Dialog in arabischer Sprache, war den europ?ischen Scholastikern in seiner lateinischen übersetzung, “Fons vitae”, bekannt und wurde als Werk eines christlichen Philosophen angesehen.Seine Lehre von der Universalit?t der Materie, von Johannes Duns Scotus vortrefflich verteidigt, wurde jedoch von Thomas von Aquin heftig kritisiert. Ibn Gabirol verstand die Materie nicht als K?rperlichkeit, sondern als Prinzip der Verschiedenheit geistiger Wesen.
    Er spricht in der “Fons vitae” auch von einem selbst?ndigen Heraustreten des Menschen aus der Finsternis, von einer t?tigen Rückkehr zum Ursprung. Kein Wort von g?ttlichem Eingreifen – der gesamte Text enth?lt kein Bibelzitat. Als er im 12. Jahrhundert dem Westen zug?nglich wird, best?tigt er eine vorhandene Tendenz: durch Wissen und Handeln die Finsternis überwinden.
    Auf die jüdische Philosophie übte die “Fons vitae” indessen nur einen geringen Einfluss aus. Sie wurde im Judentum so wenig rezipiert, dass von dem ursprünglich arabisch geschriebenen Original – ausser wenigen Fragmenten – nur die lateinische übersetzung erhalten blieb. Fachleute behaupten jedoch, dass das Werk eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Kabbala gespielt habe. Jedenfalls gilt er dem Mittelalter als grosser hebr?ischer Poet.Das bekannteste Werk seiner tiefempfundenen religi?sen Dichtung ist die “K?nigskrone”, welche philosophische und religi?se Ansichten vorbringt. Sie schliesst mit einem Sündenbekenntnis, das heute in der Liturgie zum Feiertag des Jom Kippur enthalten ist. Ibn Gabirols weltliche Dichtung setzt sich mit den Themen Natur und Liebe auseinander und bietet eine Beschreibung seines eigenen Lebens.
  • Bachja bin Baquda (um 1100) “Anleitung zu den Pflichten des Herzens” mischt neuplatonisches, mystisches und theologisches Gedankengut und erinnert stark an al- Ghazal?s “Wiederbelebung der religi?sen Wissenschaften”.
  • Abraham bar Chija (erste H?lfte 12. Jahrhundert)
  • Joseph ibn Zaddiq (gestorben 1149)
  • Abraham ibn Ezra (gestorben 1164)
  • Jehuda ha- Levi (gestorben nach 1140)
  • Abraham ibn Daud (gestorben 1180)
  • Moses Maimonides (1138 – 1204) Rabbi Moses ben Maimon (oder auch unter dem Anagramm seiner Initialen, Rambam, bekannt) stammte aus dem spanischen Córdoba. Als 1148 die Almohaden Córdoba eroberten und den Christen als auch den Juden den Islam aufzwangen, begab sich Maimonides mit seiner Familie ins Exil. Nachdem sie jahrelang umhergezogen waren, liessen sie sich schliesslich in ?gypten nieder. Hier wurde Maimonides zum obersten Rabbiner von Kairo und Leibarzt Saladins, des Sultans von ?gypten und Syrien, ernannt.Der grosse Beitrag, den Maimonides zur Entwicklung des Judentums leistete, brachte ihm den Namen ‘zweiter Moses’ ein. Sein bedeutendstes Werk auf dem Gebiet des jüdischen Rechtes ist die auf hebr?isch verfasste “Mischne Thora” (“Wiederholung des Gesetzes”), die aus 14 B?nden besteht, die zwischen 1170 und 1180 erschien. Sie enth?lt eine systematische Darstellung des jüdischen Gesetzes, die der Autor bis zu seinem Tod immer wieder überarbeitete. Darüber hinaus schrieb er ein Glaubensbekenntnis in 13 Artikeln, das zahlreiche orthodoxe Juden noch heute verwenden.Maimonides gilt als wichtigster jüdischer Philosoph des Mittelalters. Der in arabischer Sprache ver?ffentlichte “Führer der Unschlüssigen” (um 1190) will Glauben und Vernunft miteinander in Einklang bringen. Es gab also “Unschlüssige”, Schwankende. Sie wussten nicht, wohin zwischem buchst?blichem Traditionalismus und wissenschaftlichem Fortschritt. Maimonides bemüht sich hier, das rabbinische Judentum mit der arabisierten Form der aristotelischen Philosophie zu verknüpfen, die Elemente des Averroes als auch des Neuplatonismus mit einschliesst. Er wollte beweisen, dass die Bibel die Philosophie schon enthalte. Das Buch, in dem Maimonides Betrachtungen über die Natur Gottes und der Sch?pfung, die Willensfreiheit und den Zusammenhang von Gut und B?se anstellt, beeinflusste unter anderem christliche Philosophen wie Thomas von Aquin und Albertus Magnus. Maimonides bedient sich einer allegorischen Bibelinterpretation, die den Anthropomorphismus der Heiligen Schrift reduziert. Besonders die orthodoxen Rabbiner lehnten diese Art der Interpretation jahrhundertelang ab. In der heutigen Zeit dagegen ist dies kein Streitpunkt mehr.Mindestens genauso berühmt wie als Philosoph war Maimonides als Arzt und jüdischer Rechtsgelehrter. Darüber hinaus verfasste er Texte zur Astronomie, Logik und Mathematik.

2. Islamische Philosophie und christliche Scholastik

Wie sah das Bild aus, welches Europa sich über den Islam zurechtlegte?

  1. Zeit: Bis 1100: Im europ?ischen Mittelalter ist wenig Wissen über den Islam vorhanden. Die Kontaktpunkte bilden Spanien und Sizilien, aber es dringt wenig nach Norden. Um 100 beginnen die Kreuzzüge.
  2. Zeit: 1100 bis 1140: Die Anf?nge sind ebenso zart wie unklar. Wahrscheinlich um 1100 besch?ftigte man sich in Salerno bereits mit Mathematik und Astronomie: Gebert von Aurillac baut jedenfalls Elemente arabischer Mathematik in seine Schriften ein. Auch in Toledo gibt es Anf?nge des Einflusses in der Medizin. Die Kreuzzüge wecken das Interesse und die Anerkennung der h?heren Kultur. Es entstehen erste Erkl?rungen über den Islam, dessen Erfolg und kulturelle überlegenheit. Mohammed wird zum Zauberer.
  3. Zeit: 1140 bis 1200: Petrus Venerabilis l?sst übersetzungen von islamischen Texten und des Korans (mit vielen Schw?chen) anfertigen und vermittelt Kenntnis des Islam in Europa. Die Widerlegung der islamischen Lehre wird interessant für christliche Theologen. Es entstehen viele Traktate, die im “Corpus islama- christianum” zusammengefasst werden. Nun ist ein gewisses – wenn auch falsches und verzerrtes – Bild des Islam vorhanden und ist vorbereitet auf das, was kommt. In Abaelards Dialog zwischen einem Philosophen, einem Christen und einem Juden kann man sich die Argumentation und Thesen des Philosophen ohne arabischen Einfluss (wahrscheinlich durch Avempace) nicht erkl?ren. In Toledo wird fleissig übersetzt:
    • Dominicus Gundissalinus übersetzt al- Kind?, Ihwan as- Safa’, al -Farab?, Avicenna, al- Ghazal?, Ishaq al- Isrá’?lí und ibn Gabirol
    • Gerhard von Cremona übersetzt al- Kind?, al -Farab? und Proklos’ “Liber de causis” in der Annahme, es handle sich um ein Werk von Aristoteles

    Die Texte, für die man sich interessiert, haben bestimmte Themen: Metaphysik und Seelenlehre. Diese Texte sind wichtig für die eigene Orientierung und man verbindet sie mit dem Augustinismus —> der avicennisierende Augustinismus (Gilson: “l’ augustinisme avicennisant”).

  4. Zeit: 1200 bis 1300: Mit dem Schwert konnte man die Muslime nicht bezwingen. Milit?risch- politisch kommt man nicht weiter und ist vom Mongolensturm bedroht. Dies weckt ein H?hepunkt des Interesses am Islam. Es wird Arabisch gelernt, soweit dies m?glich ist. Man versucht, logisch zu argumentieren und greift zur überzeugungskraft – zur Mission. Ein vernünftiger Muslim musste einfach anerkennen, dass das Christentum die überlegene Religion sei. In diesem Zusammenhang sind wichtige Werke entstanden, wie:
    • Thomas von Aquin: “Summa contra Gentiles”
    • Raimundus Marti (Dominikaner): “Pugio fidei”
    • Ricoldus de Monte Crucis
    • Raimundus Llullus: “Ars magna et ultima”

    Aufkommender Aristotelismus: Avicenna wird weiter übersetzt mit der Perspektive, Aristoteles besser zu verstehen, wobei Avicenna nach wie vor in die Philosophie hineinwirkt. Es entsteht das berühmte Konzept, wonach der Lehrer Aristoteles und der Kommentator Avicenna ist.
    Indem man die arabische Philosophie immer mehr als die Averroistische wahrnimmt, wird sie zu etwas beunruhigendem. Siger von Brabant wird zum Beispiel polemisch auferlegt, er sei ein Averroist.

  5. Zeit: 1300 bis 1453: Europa ist nicht mehr in der Hand der Muslime und die Araber sind keine Bedrohung mehr. Der Islam hat eine sinkende Bedeutung in Europa und damit nimmt auch das Interesse allm?hlich ab. Europa hat nun andere Interessen und Probleme.
  6. Zeit: Ab 1453: 1453 wird Konstantinopel erobert. Schlagartig wird das Interesse wieder geweckt und zum ersten Mal ein Dialog gesucht. Nikolaus von Kues vertritt diesen Vorschlag des Dialogs und bereitet ihn mit seinen Werken “De pace fidei” und “Cribatio Alkorani” vor, auch wenn die Auslegeweise zugunsten des Christentums verl?uft. Die Renaissance des 15. Jahrhunderts in Italien zeigt grosses Interesse an Averroes: Jacobus Mantinus übersetzt neu ins Lateinische. Entstehung der Arabistik in Europa, Einrichtung von Lehrstühlen an den Universit?ten.

VI. Das hohe Mittelalter: der Triumph Ibn S?nas

1. Philosophie im Zeichen Ibn S?nas

Gemeint ist Philosophie im Osten, die Generation nach Avicenna. Die ganze nachfolgende Liste nimmt sich an wie eine todo- list für weitere Forschung:

A: 11. Jahrhundert: Ausgehend vom Iran

  • Al- G?zgan?
    Schreibt zweiten Teil von Avicennas Autobiographie und eigene Texte.
  • Al- Ma’s?m? (1029)
  • Bahmanyar (1066)
    Gilt als Hauptschüler. Logik, Metaphysik und Physik gem?ss Avicennas Ordnung systematisch als Schulbuch zusammengefasst.
  • Ibn Zaila (1067)
    Kommentar zum aktiven Intellekt und Musiktheorie.
  • Gegenreaktion: al- Ghazal? (1111)

B: 12. Jahrhundert

  • Al- Laukar? (1123)
    Fasst für die Schule Aristoteles‘ Naturphilosophie mit Kommentar von Avicenna zusammen.
  • Al- ?laq?
    Abhandlung über philosophische Termini und “Die Ursachen und Anzeichen” für Krankheiten.
  • ‘Umar bin Sahlan as- Saw? (nach 1140)
    Logik, Meteorologie
  • Gegenreaktion: as- Sahrastan? (1153)
    Schildert Ansichten Avicennas und widerlegt sie, ist aber gleichzeitig auch ein Bewunderer Avicennas. Auch er k?mpft mit sich selber.

C: Nach 1200: Auseinandersetzung mit der Logik

Logik ist Pflichtprogramm mit dem Zweck der Verbesserung der Argumentation. Das Niveau der Theologie ist dadurch stark gestiegen.

  • Fahradd?n ar- Raz? (1209)
    Sein “Grosses Buch über die Logik” l?st die nachfolgende Lawine aus. Eigentlich ein Kritiker des Avicenna, aber nicht in der Logik.
  • Afdaladd?n al- H?nag? (1248)
  • At?radd?n al- Abhar? (um 1265)
    Seine “Einführung in die Logik” wird bis in unser Jahrhundert von islamischen Schulen benutzt
  • Nagmadd?n al- Katib? (1276)
  • Sa’dadd?n at- Taftazan? (1389)
  • Ab? ‘Abdallah as- San?s? (um 1490)
    Lebte in Nordafrika und schreibt das bis heute in Nordafrika g?ngige Glaubensbekenntnis.
  • ‘Abdarrahman al- Ahdar? (1546)

D: Nach 1200: Auseinandersetzung mit Physik und Metaphysik

  • Fahradd?n ar- Raz? (1209)
  • Saifadd?n al- ?mid? (1233)
  • Nas?radd?n at- T?s? (1274)
  • Badradd?n at- Tustar? (1307)
  • Qutbadd?n at- Tahtan? (1364)

  • ‘Abdallat?f al- Bagdad? (1232)
  • Kamaladd?n bin Y?nus (1242)
  • Theodor von Antiochien
  • Ibn Wasil (1298)
  • At?radd?n al- Abhar? (um 1265)
  • Nagmadd?n al- Katib? (1276)
  • Qutbadd?n as- S?raz? (1311)

Das 13. Jahrhundert hat die meisten islamischen Philosophen hervorgebracht. Es wurde nie so viel geschrieben wie im Jahrhundert nach 1200. Die Philosophie bleibt nicht auf sich selbst beschr?nkt, sondern wirkt tief in theologische und metaphysische Str?mungen.

2. Theologie im Zeichen Ibn S?nas

  1. Wandel der Struktur im Aufbau der Traktate

    A. Alte Struktur (seit ca. 800, vor al- Ghazal?)
    Einleitung: Die Wege der Erkenntnis Klarwerden, was Erkenntnis ist Rationale Auseinandersetzung mit theologischen Fragen
    I. Die Welt Analyse der Welt —> verweist auf Urheber
    II. Gott Beweis, dass es diese Ursache, den Urheber, gibt Beruhen auf Offenbarung
    III. Prophetentum Der Gott ist fürsorglich. Beweis des Prophetentums und des einen Propheten – Mohammed
    IV. G?ttliche Bestimmung/ Handlungen der Menschen Wie die Menschen mit der Vorsehung umgehen
    V. Glaube und Sünde Was ist Glaube und Sünde?
    VI. Imamat Wie wird die Gemeinde geleitet? Woran erkennt man einen Imam?
    B. Fahradd?n ar- Raz? (1209)
    I. Pr?liminarien Erste Begriffe, Methoden der Beweisführung. Logik in der Tradition von Aristoteles/ Avicenna wird hier zur Einleitung Philosophischer Teil
    II. Das Sein und seine Unterteilungen Die ontologischen Begriffe Avicennas: Substanz/ Akzidenz, notwendig/ m?glich, eines/ vieles usw. Was sind diese Begriffe?
    III. Rationale Theologie Gottes Wesen, Attribute, Namen und Handlungen Nun folgt die eigentliche Theologie. Vorher war das Kapitel 2
    IV. Geoffenbarte Theologie Prophet, Eschatologie, Glaube und Sünde, Imamat Die vorherigen Kapitel 3 bis 7 sind in diesem einen Kapitel zusammengetragen
    C. ‘Adudadd?n al- ?g? (1355)
    I. Pr?liminarien Wissen, Erkenntnis, die Methode der Erkenntnis. Entspricht Fahradd?n ar- Raz? Nimmt den gr?ssten Teil des Buches ein!
    II. Die allgemeinen Prinzipien Begriffsapparat und Ontologie des Avicenna: Sein und Nichtsein, Essenz, notwendig und m?glich, eines und vieles, Ursache und Wirkung
    III. Die Akzidenzien Speziell ausgegliedert: Akzidenzien allgemein, Qualit?t, Quantit?t, Relation
    IV. Die Substanz Ausgegliedert. K?rper, Seele, Intellekt
    V. Rationale Theologie Gottes Wesen, Attribute, Namen, Handlungen Die alte Theologie ist immer noch da, aber die Freude an der Philosophie ist gross.
    VI. Geoffenbarte Theologie Prophet, Eschatologie, Glauben und Sünde, Imamat

  2. ?nderung der Terminologie in der Theologie: Die Theologie bedient sich der Sprache Avicennas und kommt damit zu einer andern Darlegung ihres Inhalts. Bemühung um Integration dessen, was an Avicenna fasziniert —> Anschluss an die philosophische Diskussion.
  3. ?nderung der Ontologie: Die Begriffe der
    • Notwendigkeit
    • M?glichkeit
    • Unm?glichkeit

    ergeben andere Bestimmungen dessen, wie das Sein aufgefasst werden kann. Die Kategorienlehre beeinflusst die Struktur der Ontologie. Es gibt einen Begriff der geordneten Struktur, welcher sich als schwer vereinbar mit der kontingenten Natur der Sch?pfung erweist (notwendiges Sein/ kontingentes Sein). Aber auch in vielen anderen Bereichen sieht man den Einfluss der Philosophie und die damit einhergehende Ver?nderung der Theologie:

    Mit der Logik und deren Denkstruktur ergibt sich auch für die Erkenntnistheorie ein Problem: Nicht Gott gibt die Erkenntnis, sondern Erkenntnis logisch als Prozess ist unabh?ngig von einem Akt Gottes. Die Anthropologie ist in der ?lteren Theologie nie ein Thema für sich. Mit der Rezeption Avicennas wird der Seelenbegriff als eigene Substanz aufgefasst.

3. Die Begegnung von Philosophie und Mystik

Die Sufik ist von Anfang an als Versuch der unmittelbaren Beziehung des Individuums zu Gott entstanden und nicht etwa aus neuplatonischen Einflüssen. Sie sucht die Innerlichkeit in der Religion und beeinhaltet

  • Selbstbeobachtung, Selbsterforschung —> Selbsterkenntnis
  • L?uterung des Selbst
  • Askese
  • Ann?herung an Gott, Bedenken Gottes

Auch hier übte Avicenna massgebenden Einfluss aus und war sp?ter aus der Sufik nicht mehr wegzudenken. Er setzte die Akzente neu:

  • Ann?herung an Gott nicht durch einen k?rperlichen Zustand, sondern durch den Geist
  • Die Psychologie Avicennas ist für die Sufik sehr interessant: Das unzerst?rbare Selbst
  • Erkenntnislehre im Sinne von Erleuchtung durch den aktiven Intellekt. Eine Stelle, die vorher von der Sufik nicht bestimmt war
  • Suggestive Art der Vermittlung durch Avicenna, die mystisch gedeutet werden kann

Die Sufik organisiert sich im hohen Mittelalter neu (Suhraward?, Aminrazavi) —> Philosophie aus Intuition und unmittelbaren Erfahrungen, Begriff des Lichts, welches alles verbindet —>Erleuchtungswissen. Hauptvertreter der Illuminationsphilosophie sind:

  • Sihabadd?n as- Suhraward? (1191)
    Bgründer der Illuminationsphilosophie
  • At?radd?n al- Abhar? (um 1265)
  • Sa’d bin Mans?r Ibn Kamm?na (1284)
  • Samsadd?n as- Sahraz?r? (1288)
    Verantwortlich für die Verbreitung der Illuminationsphilosophie
  • Qutbadd?n as- S?raz? (1311)
  • Ibn Ab? Gumh?r al- Ahsa’? (um 1500)
  • Galaladd?n ad- Dawan? (1502)
  • Giyatadd?n ad- Dastak? (1541)

4. Der Widerstand gegen Avicenna

Die Logik als Handwerk wird von den bereits besprochenen Gegnern akzeptiert, jedoch die Metaphysik bek?mpft. Mit der Zeit verbreitet sich die Meinung, dass es unsinnig sei, die Logik anzunehmen und die Metaphysik abzulehnen. Man müsse Avicenna fundamentaler entgegnen:

  • Ib as- Salah as- Sahraz?r?
  • Ibn Taim?ya (bis 1328)

Ibn Taim?ya war der Meinung, dass die Philosophie (im Sinne Avicennas), die Mystik (im Sinne Ibn al- ‘Arab?s) und die Theologie (Fahradd?n ar- Raz?, Saifadd?n al- ?mid?, Urmaz?) falsch seien. Falsch die Auffassung, man k?nne mit Hilfe des “Organons” eine Lehre aufbauen. Die Logik als System mit bestimmten Vorgaben (beispielsweise die Trennung zwischen Essenz und Existenz) und Definitionen, über die man zu Syllogismen kommt, ist also der Urgrund der falschen Entwicklung. So klar und logisch sind diese Punkte nach Ibn Taim?ya gar nicht, denn sie entsprechen keiner objektiven Gegebenheit, sondern einer Konvention, die auf Intention und Sprache beruht. Wenn mit den Definitionen keine Existenz beschrieben ist, hat man ein Problem mit den Universalien, die nur mental vorhanden sind. Mit formal korrekten Satzreihen gewinnt man keine eigentliche Erkenntnis. Sie sind eigentlich nur linguistische Analysen oder Analogieschlüsse (qiyas). Nach Ibn Taim?ya kann sich Erkenntnis nur auf real existierende Dinge, Partikul?res beziehen. Er meint damit die Struktur der Ratio erkannt zu haben und nimmt für sich in Anspruch, in Einklang mit der Offenbarung zu sein.

VII. Ein geschichtsphilosophischer Entwurf: Ibn Hald?n

‘Abd ar- Raman Ibn Hald?n (1332 – 1406) hinterliess eine Autobiographie (Ta’r?f), die viel Aufschluss über sein gesamtes Leben gibt: Er wurde am 27. Mai 1332 in Tunis als Sohn einer spanisch- arabischen Familie geboren, bekleidete ?mter an verschiedenen H?fen in Nordafrika und in Granada und war zweimal im Gef?ngnis. Ab 1375 lebte er vier Jahre zurückgezogen in der N?he des heutigen Frenda (Algerien) und verfasste die umfangreiche “Muqaddama” (“Vorrede”), den Einführungsband zu seinem “Buch der Beispiele”. Als er sich 1382 auf Pilgerfahrt nach Mekka befand, bot ihm der Sultan von Kairo einen Lehrstuhl an der berühmten islamischen Universit?t El- Azhar an und ernannte ihn zum Oberkadi. 1400 begleitete er den Nachfolger des Sultans auf einem Feldzug gegen die Invasion des Mongolenherrschers Timur- i- Leng nach Damaskus. Dort hatte er als Unterh?ndler bei der übergabe von Damaskus an Timur zu agieren. Ibn Hald?n wurde in der belagerten Stadt zurückgelassen und verbrachte dann mehrere Wochen als Ehrengast bei Timur- i- Leng. Einerseits berüchtigt für seine Grausamkeit im Krieg und die vielen Greueltaten, die seine Armee begangen hatte, war Tamerlan zugleich ein engagierter F?rderer von Wissenschaft, Handwerk, Kunst und Literatur: Nach diesem Aufenthalt kehrte Ibn Hald?n nach Kairo zurück, wo er auch am 17. M?rz 1406 starb.

Ibn Hald?n wusste gut über die Philosophie Bescheid und hat sich ihr gegenüber kritisch ge?ussert: Die Philosophen schrieben viel über Dinge, die man nicht wissen k?nne, zum Beispiel über die Himmelssph?ren, was dann einfach in simplen Analogien münde. Auch die Logik sei nur eine Deskription der Denkregeln, die sowieso jeder kenne.
Das “Buch der Beispiele” ist eine sehr wertvolle Geschichte der Araber sowie anderer nordafrikanischer St?mme und der Berber. Es umfasst drei B?nde:

  • I. Allgemeine Einleitung in die Geschichtswissenschaften
  • II. Geschichte der Araber und derjenigen V?lker, welche mit den Arabern zu tun haben
  • III. Geschichte der Berber

Die zwei historischen B?nde (II und III) sind konventionell und werden von der ungeheuren Bedeutung der “Muqaddama”, dem Prolegomenon zur Historiographie, übertroffen. Darin entwirft Ibn Hald?n eine Geschichtsphilosophie und Gesellschaftstheorie, die in den Schriften der Antike und des Mittelalters ohne Beispiel sind und die auch im Abendland der Neuzeit grosse Beachtung fanden. Diese Einleitung hat folgende Komponenten:

  1. Vorwort: Bedeutung der Historiographie insgesamt
  2. Zivilisation: Bedeutung; Bedingungen (conditio humana naturale und supranaturale)
  3. Die Zivilisation der Beduinen (Landbev?lkerung)
  4. Dynastien (Herrschaft)
  5. Stadtleben (im Gegensatz zu den Beduinen)
  6. Berufe: Handwerk Handel usw.
  7. Wissenschaft (Abhandlung der Wissenschaften)

Ibn Hald?n m?chte sich über die Grundbedingungen des Zusammenlebens und der Geschichte klar werden. Er sucht als Triebkraft der Geschichte keine relativen Erkl?rungen (Religion), sondern nüchterne Tatsachen: Die Menschen m?chten zusammenleben, denn die Kooperation bringt für alle Vorteile (Gedanke des zoon politikons). Der Zusammenhalt besteht durch die Solidarit?t innerhalb einer Gruppe. Solidarit?t tritt am ehesten in intakten Familien auf, ist aber nicht auf diese beschr?nkt. Solche Gemeinschaften üben Macht über andere aus. Die Führungspers?nlichkeit einer Gruppe ist dann m?chtig, wenn er eine Gruppe mit starken inneren Bindungen hinter sich bringen kann. Besitzt er in dieser Gruppe Autorit?t, kann er eine Dynastie gründen. Dynastien beginnen bei den Beduinen (st?rkstes Beispiel sind die Mongolen); es entstehen zwei natürliche Gesellschaftsformen: das einfache Beduinentum und die daraus entwickelte st?dtische und staatliche Zivilisation. Aus dem Beduinentum entsteht immer wieder die Stadtform durch Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung. Der Preis der Stadtform ist der Nachlass der Solidarit?t wegen dem Reichtum und dem damit verbundenen Individualismus, Korruption, Dekadenz usw. Diese innere Schw?che verursacht den Niedergang der Dynastie. Dynastien werden deshalb immer wieder von anderen V?lkern abgel?st. Dies ist die Gesetzm?ssigkeit der Geschichte: ein nicht endendes Auf und Ab (Dauer: etwa drei Generationen), das sich empirisch erforschen l?sst. Fazit dieser kulturvergleichenden Geschichtsphilosophie: Es gibt keinen Fortschritt in der Geschichte. Sie verl?uft weder zum Guten noch zum Schlechten.

Dieser Entwurf ist vor Ibn Hald?n in der islamischen Welt noch nie genannt worden. Viele Str?mungen im 19. und 20. Jahrhundert haben ihn als deren Begründer angesehen (‘Vater des Marxismus’ oder ‘Vater der Soziologie’ usw.). Westlich orientierte islamische Staaten haben sich im 20. Jahrhundert mit Ibn Hald?n um eine Wiederanknüpfung an die rationale Philosophie bemüht. Er wurde aber vor allem bei den Osmanen rezipiert.

VIII. Philosophie im Osmanischen Reich

Die Osmanen sind etwa ab dem 15. Jahrhundert kulturell etabliert. Mitte des 15. Jahrhunderts beginnt ein Aufschwung, der sich lange h?lt. Die Niederlage gegen den Mongolen Timur -i- Leng erwies sich nur als vorübergehender Rückschlag für die Osmanen, die ihr Reich umgehend wiederaufbauten, festigten und ausdehnten. 1453 eroberte Sultan Muhammad II Konstantinopel (Istanbul) und machte es zur dritten Hauptstadt des Osmanischen Reiches. Die Osmanen nehmen den Faden der islamischen Philosophie wieder auf:

  • Hidr Beg (14599
  • ‘Al? al- Qushg? (1474)
  • Hasan Celeb? al- Fanar? (1481)
  • ‘Ala’dd?n at- T?s? (1482)
  • Muslihadd?n Hagazade (1488)
  • Molla Lutf? (1494)
  • Kamalpashazade (1533)
  • Muhammad Am?n al- Uskudar? (1736)
  • Muhammad ad- Das?q? (1815)
  • Ibrah?m al- Bag?r? (1860)

Muhammad II ist nicht nur als Eroberer Konstantinopels gel?ufig, sondern organisierte das gesamte Osmanische Reich. Dazu geh?rte auch die Einrichtung von acht Madrasas. Dazu galt es, eine Lehrplan einzurichten. Diese Aufgabe wurde in Form einer Preisfrage angegangen: Sollte man sich an Avicenna oder al- Ghazal? halten? ‘Ala’dd?n at- T?s? und Muslihadd?n Hagazade verfassen je Abhandlungen dazu und beurteilen die Situation verschieden. T?s? h?lt sich an al- Ghazal?, Hagazade kritisiert subtil al- Ghazal?und stellt Avicennas Lehre in den Vordergrund. Schlussendlich wird der Abhandlung von Hagazade den Vorzug gegeben.

Die Liste mit ihrer Lücke im 16. bis 18. Jahrhundert spiegelt den Niedergang der Madrasa und ihr Schattendasein im 18. Jahrhundert wieder (die Madrasa unterrichtet in Arabisch). Diese Lücke geh?rt also zum Gesamtph?nomen der Bildung im Osmanischen Reich. Wie weit das Engagement der Osmanen in der Philosophie geht, ist noch wenig erforscht. Genau wie im politischen Bereich wird aber st?ndig versucht, das Terrain der Philosophie auszudehnen.

IX. Philosophie im Iran

1. Die Kontinuit?t der Tradition

Die Kontinuit?t der Tradition erh?lt sich vor allem im Iran:

  • Qutbadd?n as- Sh?raz? (1311)
  • Al- ‘Allama al- Hill? (1325)
  • Qutbadd?n at- Tahtan? (1364)
  • Haidar al- ?mul? (nach 1389)
  • Ibn Turka (1432)
  • Ibn Ab? Gumh?r al- Ahsa’? (um 1500)
  • Galaladd?n ad- Dawan? (1502)
  • Giyatadd?n ad- Dashtak? (1541)

Die Schule von Isfahan:

  • M?r Damad (1631)
  • Mulla Shadra (1640)

  • ‘Abdarrazzaq al- Lahig? (1661)
  • Mulla Muhsin Faiz Kashan? (1680)
  • Qad? Sa’?d Qumm? (1691)
  • Mulla ‘Al? N?r? (1831)
  • Mulla Had? Sabzawar? (1872)
  • ‘Allama Tabataba’? (20. Jahrhundert)

Man liest auch heute noch Avicenna und Suhraward?, aber Mulla Shadra ist der Herausragende obiger Liste. Das iranische Selbstverst?ndnis der Philosophen ist nicht nur alles zu verwalten und zu kommentieren, sondern alles ist eine Weiterentwicklung.

2. Mulla Shadra (gest. 1640)

Mulla Shadra hat natürlich seinen Vorg?nger der Schule, M?r Damad, gründlich studiert. Er hat viel geschrieben über Aristoteles, Suhraward?, Kommentare zum Koran usw. Seine Bemühungen münden im Hauptwerk “Die vier Reisen” (gemeint sind die Reisen der Seele oder der Erkenntnis). Es ist der Versuch, ein umfassendes Gesamtwerk vorzulegen, wobei sich seine Philosophie um die Existenz des Seins dreht. Demnach denkt Gott in zwei Aspekten von sich (Selbstauslegung Gottes):

  1. Refexion: Absolutes Sein
    Aus seinem absoluten Sein bringt Gott reine Existenz hervor.
  2. Reflexion: Gottes Attribute, seine Vielheit
    Das Sein ist unterschiedlich. Gottes Attribute sind Paradigmen für die Welt und somit Avicennas Intellekte oder Platons Ideen —> Ideen im Geiste Gottes.

Das Sein hat aus sich heraus Bewegung und Dynamik. Daraus entsteht die innere Bewegung des Menschen, die Erkenntnis. Der Mensch strebt nach Vervollkommnung. Es ist dieselbe Idee der Sufik – der vollkommene Mensch – oder Avicennas Intellekt, der sich selbst aktualisiert und zu Gott hin strebt.

X. Neuere Tendenzen

1. Das Interesse an Europa

Die islamische Philosophie hat nie aufgeh?rt zu wirken, allerdings Regional sehr unterschiedlich. Mit dem Niedergang der Madrasa sind uns auch weniger philosophische Werke überliefert. Im 19. Jahrhundert kann man jedoch wieder eine vermehrte T?tigkeit verzeichnen. 1867 entsteht mit der Reform eine philosophische Wissenschaft, 1871 ist die Philosophie als Fach neben den religi?sen Institutionen ebenfalls vertreten. Westlich orientierte Staaten haben sich bis Mitte 20. Jahrhundert um eine Wiederanknüpfung an die rationale Philosophie bemüht. Nach dem ersten Weltkrieg kommt alles in Schwung. Mushtafa ‘Abd ar- Raziq erh?lt zum ersten Mal in Kairo den Lehrstuhl für Philosophie und editiert in diesem Rahmen diverse philosophische Kommentare und Texte.

Zun?cht ist ein Interesse für westliche Philosophie vorhanden: es werden zum Beispiel Hegel und Schopenhauer ins Arabische übersetzt. Ab Mitte des Jahrhunderts gibt es in der arabischen Welt Existentialisten, Positivisten oder Marxisten. Man versucht, die neuzeitliche Philosophie Europas mit der arabischen Philosophie des Mittelalters zu verbinden, denn in Europa hat ja nachweislich die arabische Philosophie mitgewirkt. Sp?ter ist man um eine Rückbesinnung auf das eigene Erbe bemüht.

2. Die Besinnung auf das eigene Erbe

An die eigene Philosophie wird auch deshalb wieder angeknüpft, weil die Europ?er die arabische Philosophie sehr sch?tzen. Es wird eine neuer, zeitgen?ssischer Blick auf die Autoren geworfen und man versucht sie neu zu deuten. Die Grunddebatte dreht sich um die Wahrnehmung des Averroes in der heutigen Welt. Es kommt zu einem neuen arabischen Averroismus, wobei dieser aber unterschiedlich interpretiert wird. Das Grundparadigma hat sich im 19./ 20. Jahrhundert nochmals von Avicenna, der als mittelalterlich, irrational und metaphysisch angesehen wird, zu dem rationalen und modernen Averroes ge?ndert. Dieser aktuelle Versuch, rational und modern zu sein, ist natürlich problematisch. Aber die arabische Philosophie lebt.

Einführung in die islamische Philosophie (Teil 1)

Literatur:
Majid Fakhry: A history of Islamic philosophy, London/New York 1970 (und sp?tere Auflagen)
Gotthard Strohmaier: Denker im Reich des Kalifen, Jena/Berlin 1979
Henry Corbin: History of Islamic philosophy, London/New York 1993 (englische übersetzung der franz?sischen Ausgabe von 1964/1974)
S. H. Nasr, O. Leaman: History of Islamic philosophy, I – II, London/New York 1996

Inhaltsverzeichnis

I. Die Voraussetzung: Philosophie am Ausgang der Antike

  1. Philosophie im Islam
  2. überblick über die sp?tantike Philosophie
  3. Porphyrios
  4. Jamblichos
  5. Die Schule von Athen
  6. Die Schule von Alexandria
  7. Die Schule von Gaza

II. Die übernahme des Erbes

  1. Die griechisch- arabischen übersetzungen
  2. al- Kind? (Alkindus, gestorben um 870 n. Chr.) und seine Schule
  3. ar- Raz? (gestorben um 930 n. Chr.)

III. Die Ausarbeitung einer islamischen Philosophie

  1. al -Farab? (Alpharabius, gest. 950 n. Chr.)
  2. Isma’?liten und Ihwan as- Safa’
  3. Ibn S?na (Avicenna, gest. 1037 n. Chr.)

IV. Das Ringen um den rechten Weg

  1. al- Ghazal? (Algazel, gest. 1111 n. Chr.)
  2. Ibn Bagga (Avempace, gest. 1138 n. Chr.)
  3. Ibn Tufail (gest. 1185 n. Chr.)
  4. Ibn Rushd (Averroes, gest. 1198 n. Chr.)

V. Die Begegnung mit anderen Kulturkreisen

  1. Islamische Philosophie und jüdische Philosophie
  2. Islamische Philosophie und christliche Scholastik

VI. Das hohe Mittelalter: der Triumph Ibn S?nas

  1. Philosophie im Zeichen Ibn S?nas
  2. Theologie im Zeichen Ibn S?nas
  3. Die Begegnung von Philosophie und Mystik

VII. Ein geschichtsphilosophischer Entwurf: Ibn Hald?n

VIII. Philosophie im Osmanischen Reich

IX. Philosophie im Iran

  1. Die Kontinuit?t der Tradition
  2. Mulla Shadra (gest. 1640)

X. Neuere Tendenzen

  1. Das Interesse an Europa
  2. Die Besinnung auf das eigene Erbe

I. Die Voraussetzung: Philosophie am Ausgang der Antike

1. Philosophie im Islam

Mit der Frage, was das Gute sei oder was gut ist, stiessen die islamischen auf die griechischen Philosophen – vor allem auf Aristoteles. Die griechischen Werke wurden übersetzt. Die Rezeption und die Entwicklung einer eigenen Philosophie verhalf zu einem Aufschwung und einer Blüte der Wissenschaften (vgl. der Traum al- Ma’múns, 813 – 833).

  • Was heisst Philosophie im islamischen Kulturkreis? “Die Philosophie ist das Wissen um die ewigen, universalen Dinge, ihr Sein, ihr Wesen und ihre Ursachen – in dem Masse, wie der Mensch es zu fassen vermag.” (al- Kind?, 9. Jahrhundert) “Das Ziel der Philosophie besteht darin, das Wesen aller Dinge zu begreifen – in dem Masse, wie es den Menschen m?glich ist.” (Ibn S?na, frühes 11. Jahrhundert)Islamische Philosophie will gem?ss der aristotelischen Definition von Philosophie keine Teilgebiete behandeln (keine Teilwissenschaften wie Theologie, islamisches Recht oder Logik usw.) sondern sie lehrt universal, was zu wissen sei.
  • Methode: Erkenntnis durch den Verstand, mit der Einschr?nkung “soweit es den Menschen m?glich ist”. Offenbarung ist Ausgangspunkt für andere Wissenschaften (Religion, Recht). Erst in einem zweiten Schritt n?hert man sich an die Offenbarung heran.
  • Quellen: Philosophie der Antike bis zum Neuplatonismus. Aristoteles ist die Autorit?t. Auf die Ergebnisse früherer Philosophen wird aufgebaut.
  • Zeitpunkt: Der Islam entsteht im frühen 7. Jahrhundert. Die islamische Philosophie beginnt im 9. Jahrhundert.
  • Personen: Unter der Herrschaft des in Bagdad von 813 bis 833 regierenden Kalifen al- Ma’mún wurde die übersetzung griechischer Schriften unterstützt. übersetzer der griechischen Texte ins Arabische waren die Syrer – also griechisch gebildete Christen in arabischer Kultur. Sie waren massgeblich beteiligt an der Entwicklung der islamischen Philosophie.

Das Verh?ltnis der Philosophen zum Islam hat verschiedene Komponenten. Die Wirkungsfelder von Islam und Philosophie sind zun?chst mal getrennt. Die Berufsbilder von Theologen (—> Juristen, islamisches Recht) und Philosophen (—> eher ?rzte) sind schon anders. Dann gibt es eine theoretische Ebene zur Offenabrung (Frage der überordnung, Unterordnung oder Trennung). Weiter gibt es natürlich ein pers?nliches Verh?ltnis zum Islam und die Frage, ob man sich mit der Philosophie wirklich aus der Offenbarung heraushalten kann. Hier gibt es eine gewisse Parallele zum lateinischen Mittelalter, aber auch gewaltige Unterschiede:

  • Unterschiedliche Voraussetzungen bei den Offenbarungen (das Neue Testament enth?lt schon viel Neuplatonismus)
  • Kulturelles Umfeld verschieden
  • Hellenismus wird zu einem ganz anderen Zeitpunkt kennengelernt mit ganz anderen Akzenten
  • Intensit?t der Begegnung beim Islam viel gr?sser (diese Aussage kann auch bezweifelt werden)
  • Unterschiedliche Rezeption

2. überblick über die sp?tantike Philosophie

Zeit Vertreter
200 Plotin (270)
300 Porphyrios (305)
Jamblichos (330)
400 Schule von Athen
Proklos (485)
Schule von Alexandria

Ammonios (520)

500 Schule von Gaza
600

Plotins Enneaden kommen nicht geschlossen bei den islamischen Philosophen an. Vor allem Buch IV und V üben einen grossen Einfluss aus.

3. Porphyrios (234 – 305)

Porphyrios aus Tyros (vorderasiatisches Gebiet; heute Sur, Libanon) kam über Athen nach Rom und wurde Plotins Schüler, dessen Werke er überlieferte (Herausgeber der “Enneaden”). Porphyrios vertritt eigentlich auch die Lehre Plotins, setzt aber andere Akzente, welche grosse Auswirkungen auf die islamische Philosophie ausübten:

  • Die Rolle Aristoteles: Porphyrios kennt Aristoteles aus Alexander von Aphrodisias Kommentar und Interpretation zu Aristoteles. Porphyr erl?utert in seinem Buch “Eisagoge, Einführung in die Logik des Aristoteles von Porpohyrios” die aristotelischen Begriffe ‘Gattung’, ‘Art’, ‘Unterschied’, ‘Eigenschaft’ und ‘Akzidenz’. Er vertritt die Meinung, dass eine Harmonie zwischen Aristoteles und Platon besteht, diese sich einig sind.
  • Die Seele: Porphyr spekuliert nicht so sehr über die Hypostasen und die Rückfindung. Ihn interessiert mehr die menschliche Seele als die Weltseele. Diese ist in der Materie verhaftet und muss sich befreien. Zwischen der Seele und der Materie sieht er als vermittelnde Instanz das Pneuma, gewissermassen als Fahrzeug der Seele im Weg entlang der Hypostasen hinab und hinauf. Die Askese gilt ihm als Vorbereitung zur M?glichkeit des Erkennens (“de abstinentia”).
  • Philosophiegeschichte: Porphyr war einer der besten Kenner der antiken Philosophie. Seine Philosophiegeschichte hat auch ihren Weg ins Arabische gefunden. Dahinter steht die Meinung, dass die Philosophie eine Bewegung ist, die sich bei ?lteren Vertretern genauso findet wie bei Plotin. Pythagoras als Hauptzeuge für die Askese ist sein wichtigster Philosoph.

4. Jamblichos (330)

Jamblichos zeigt ein ungeheures Interesse an Religion, Orakel und Magie. Seine Schrift “Chald?ische Orakel” ist eine Anleitung zur Beschw?rung von Helios und zur Einwirkung auf die G?tter. Es geht darum, etwas über die Zukunft zu erfahren. Diese Beschw?rung wird zu einer Wissenschaft, der Theurgie. Die Erkenntnis wird h?her durch die Theurgie.

Plotin kannte die Orakel auch, zeigt aber kein Interesse am Thema. Porphyrios verbietet sie nicht – aber Jamblich h?lt es für ein Gebot, sich mit ihnen zu befassen. Auch er beansprucht Pythagoras zur Rechtfertigung für den Ausbruch aus dem als zu eng empfundenen rationalen Korsett.

Jamblichos gilt als grosser Systematiker. Er reglementierte für die Ausbildung genau, welche Texte in welcher Form zu lesen sind. Die wichtigsten Texte waren 12 Dialoge von Platon. Von dieser Seite her war er die Zentralfigur für die Zeit danach, denn wenn sich im Islam etwas auf Platon bezog, dann war es etwas aus den 12 Dialogen, die Jamblichos festgelegt hatte. Die Methode zur Erschliessung eines Textes war ein Fragenkatalog, welcher die Aussagen auf Ethik, Physik und Metaphysik prüfen sollte. Auch diese Methode machte Schule.

5. Die Schule von Athen

  • Plutarch von Athen (gestorben 431/432)
  • Syrianos (gestorben ca. 438)
  • Domnios
  • Proklos (gest. 485)
  • Marinos (485 – ca. 490)
  • Isidoros (ab 490)
  • Zenodotos
  • Damaskios (mit Simplikios und Priskianos Lydos, bis 529)

Grundzug der Schule war die Meinung, dass eine Harmonie zwischen Aristoteles und Platon bestehe. Die beiden Philosophen erg?ntzen sich, so die Meinung – es kommt ganz auf das Thema an, an wen man sich h?lt. Das Zentrum dieser Philosophie sind Texte über das G?ttliche. Man h?lt sich also eher an Platon.

Proklos Lehre macht ihren Weg zum Islam und fliesst von dort ins lateinische Mittelalter. Er flechtet die Hypostasenreihe auf und bildet Triaden:

Sein, Leben, Geist
Ruhe, Hervortreten, Rückkehren

Der mittlere Begriff impliziert die beiden ?usseren. Jeder Begriff muss bei Platon irgendwo vorkommen. Diese Vorgehensweise st?sst bei den Christen auf reges Interesse in Bezug auf die Trinit?t. Proklos folgt Jamblich sowohl in der Frage, wie ein Text auszulegen sei als auch in der Religion (zwei Wege zur Erkenntnis: Theurgie und Philosophie). Man weiss, dass er sich die ?gyptischen religi?sen Feiertage aufgeschrieben hat. Proklos verankert sich in der Kultur der Antike und macht Offensive gegen das Christentum. Seine letzte antike Verteidigung der Ewigkeit der Welt wird auch im Islam immer wieder zitiert.

Diese Offensive hat Proklos selbst nicht geschadet, wohl aber der Schule nach ihm. 529 erl?sst Kaiser Justinian das Edikt, alle Schulen zu schliessen, an denen der Unterricht nicht von Christen durchgeführt wird. Dies trifft mehrere Schulen. Die Schule von Athen aber ist prominent wegen ihrer Vertreter (Damaskios usw.).
Die Schule soll man sich nicht mit einem fortlaufenden Unterricht bis 529 vorstellen. Je nach Oberhaupt der Schule gab es unregelm?ssigen Unterricht. Die Philosophen kommen nach der Schliessung überein, nach Persien zu emigrieren und lehren am Hofe Chosroes. Nach etwa einem Jahr kehren sie unter seinem Schutz wieder ins R?mische Reich zurück. Danach verliert sich ihre Spur für uns, obwohl sie noch einige Schriften ver?ffentlicht haben.

6. Die Schule von Alexandria

  • Hierokles (nach 400)
  • Hermias (bis ca. 470)
  • Ammonios (ca. 470 – 520)
    • Asklepios (der Arzt)
    • Johannes Philoponos (ca. 475 – 565)
    • Schule von Gaza
  • Eutokios
  • Olympiodor (ca. 525 – nach 565)
  • Elias
    Ab Elias ist die Leitung der Schule offenbar in christliche H?nde übergegangen. Dies hat aber keine Konsequenzen auf das Programm der Schule
  • David
  • Stephanos (bis ca. 610, danach in Byzanz)

Es hat immer wieder einen Austausch zwischen den Schulen von Alexandria und Athen gegeben. Die Schule von Alexandria passt sich dem Christentum besser an als diejenige von Athen. Die grunds?tzlichen Koordinaten sind dieselben, aber Alexandria ist offener gegen aussen. Alexandria lehrt vielfach dasselbe wie Athen, hat aber nicht den Bezug zur antiken Religion.

Ammonios (Schüler des Proklos) wird zur pr?genden Gestalt der Schule. Er wird bekannt als Mann, der den Kompromiss mit den Autorit?ten der Kirche gesucht hat. Das Konkordat zwischen dem Patriarchen Athanasios II und ihm bringt der Schule die Freiheit, ihren Unterricht weiter fortzusetzen. Dafür macht Ammonios Konzessionen in der Lehre: Er versucht die Kluft zwischen dem Gott des Aristoteles (Gott=causa finalis) und dem des Platon (causa efficiens) zu überwinden und dem Christentum anzugleichen. In Athen ?rgert man sich darüber. Das geringe Interesse Alexandrias an der Religion erm?glichte den Abschluss des Konkordats. Ammonios hat damit die Philosophie weiter verbreitet.

Stephanos ist wieder ein Arzt. Dieses Schema hat sich langsam angebahnt: Man heile den K?rper und die Seele. Diese Liaison wird in Byzanz und im Islam weiterleben. Um 610 wird Stephanos an die kaiserliche Akademie nach Konstantinopel abberufen. Hier hat er zum Aufschwung der Philosophie beigetragen. Das heisst, dass es die Schule von Alexandria bereits nicht mehr gab, als die Araber nach nach Alexandria kamen. Es waren nicht die Araber, welche die Bibliothek angezündet haben.

Johannes Philoponos wurde in Alexandria geboren und studierte an der Schule. Er war Schüler und Gehilfe des Ammonios. Er ist sowohl Philosoph als auch Theologe. Er schreibt Kommentare zur Genesis und zur Trinit?t (“De Trinitate”), was zu dieser Zeit etwas heikel ist. Seine Lehre wird 628 als ketzerisch verurteilt. Dies hat dazu geführt, dass er eher im Islam rezipiert wurde. In seinem Buch “Gegen Proklos” zeigt er sich als guten Kenner des Neuplatonismus, deutet diesen aber christlich um. Das Werk ist uns vollst?ndig erhalten, wogegen das Werk “Gegen Aristoteles” nur noch durch Bemerkungen bei anderen Autoren bekannt ist. Er deckt darin offenbar die Schw?chen in Aristoteles’ Argumentation durch neue Erkenntnisse in der Wissenschaft auf (Astronomie).

Der Einfluss in den Islam kommt unter den drei Schulen eindeutig von Alexandria – sowohl im Lektüreplan als auch didaktisch. Unterrichtet wurde in den F?chern Logik, Ethik, Physik, Theologie und Mathematik. Der Neuplatonismus war verh?ltnism?ssig wenig interessiert an der Politik. Vernachl?ssigt werden die Ethik (man liest Epiktet und Pythagoras). Mathematik (Euklid usw.) ist abh?ngig vom jeweiligen Schulleiter. In der Logik (“Organon”), Physik (“Physik”) und Theologie (“Metaphysik”) liest man Aristoteles. Die “Metaphysik” dient eher als übergang, denn die eigentliche Theologie entnimmt man Platon —> Prolegomena (Einführungen). Der alexandrinische Lehrplan sieht folgendermassen aus:

I. Aristoteles

A. Logik
  1. Die “Isagoge” des Porphyrios
    • Einführung in die Philosophie (4 Fragen)
    • Einführung in die “Isagoge”
    • Lektüre des Textes
  2. Die “Kategorien”
    • Biographie des Aristoteles
    • Einführung in die aristotelische Philosophie (10 Fragen)
    • Einführung in die “Kategorien” (7 Fragen)
    • Lektüre des Textes
  3. “De interpretatione”
    • Einführung in “De interpretatione”
    • Lektüre des Textes
  4. “Analytica priora”
    • usw.
B. Physik
  1. Die “Physik”
    • Einführung in die “Physik” (7 Fragen)
    • Lektüre des Textes
  2. “De caelo”
    • usw.
C. Metaphysik
  1. Die “Metaphysik”
    • Einführung in die “Metaphysik” (7 Fragen)
    • Lektüre des Textes

II. Platon

A. Einführung
  1. Biographie Platons
  2. Einführung in die platonische Philosophie (10 Fragen)
B. Ausgew?hlte Dialoge (12 Dialoge)
  1. “Alkibiades I”
    • Einführung in den “Alkibiades I” (8 Fragen)
    • Lektüre des Textes
  2. “Gorgias”
    • Einführung in den “Gorgias” (8 Fragen)
    • Lektüre des Textes
  3. “Phaidon”
  4. “Kratylos”
  5. “Theaitetos”
  6. “Sophistes”
  7. “Politeia”
  8. “Phaidros”
  9. “Symposion”
  10. “Philebos”
  11. “Timaios”
  12. “Parmenides”

7. Die Schule von Gaza

  • Aeneas (floruit um 500)
  • Zacharias (gestorben vor 553)
  • Prokop (gestorben ca. 540)

Die Schule von Gaza ist stark mit derjenigen von Alexandria verbunden. Sie versucht aber nicht eine Fortsetzung, sondern deren ‘Irrtum’ zu widerlegen. Das Werk “Theophrast” von Aeneas ist in einem platonischen Stil geschrieben – der Inhalt ist das Gegenteil. Zacharias schreibt in “Ammonios, oder über die Erschaffung der Welt” gegen die These der Ewigkeit der Welt. Prokop sieht die Lehre von der Prophetie als Lehre vom Intellekt.

II. Die übernahme des Erbes

1. Die griechisch- arabischen übersetzungen

Die Muslime nehmen das auf, was in Alexandria bereitgestellt wird. Um 610 wird Alexandria von den Arabern erobert. Es gibt aber kein unmittelbares Anknüpfen an das Erbe Alexandriens. Vorerst hat man keinerlei Interesse an der Schule, auch nicht irgend etwas zu zerst?ren. Es geht erst mal um die Verwaltung und die übersetzung der Verwaltungslisten in Griechenland und Persien. Der Austausch der Kultur beginnt erst im 8. Jahrhundert. Gründe des Interesses:

Interesse seitens der Herrscher
Es geht in der Dynastie der Abbasiden um die Legitimation der Herrscherschaft, die sich als Nachfolge der Griechen pr?sentieren soll. In ihrem propagandistischen Vorgehen verkünden die Herrscher, dass die Byzantiner dekadent seien und ihnen deshalb das Erbe zukomme.

  • al- Manschur (754), der Gründer Bagdads
  • al- Ma’mún (ab 813)
Praktische Notwendigkeit
Man kann sich Vorteile aus der Kenntnis antiker Wissenschaften holen: Mathematik (Berechnung der Sternen, Zeitmessung für die Gebetszeiten), Mechanik, Agrikultur. Auch das islamische Recht brauchte Regeln für die Argumentation, ebenso die Theologie. Beide Wissenschaften sind stoisch ausgerichtet. Zuerst sind es Gelehrte, die sich treffen und diskutieren. Sp?ter will man es genauer wissen und macht sich hinter die antiken Bücher. Philosophie ist erst mal eine Hilfswissenschaft und nützlich für die Methodenlehre. Es kommt aber ab Mitte des 8. Jahrhunderts zu einer unheimlichen Dynamik, bei der viele Bücher übersetzt werden.

Dieser Prozess wurde durch den iranischen und vor allem auch durch den syrischen Kulturraum vorbereitet. Die syrischen Christen spalten sich in Nestorianer und Jakobiten auf. Es sind Personen, welche eine gl?nzende Bildung haben und dreier Sprachen m?chtig sind. Die kleine Sekte der Nestorianer findet ihren Weg bis nach China. Sie beginnen ziemlich früh, ab dem 5 Jahrhundert, mit übersetzungen. Die Jakobiten bleiben eher in Syrien. Sie sind dem Griechischen l?nger verpflichtet durch ihre N?he zu Byzanz und beginnen ab dem 6. Jahrhundert mit übersetzungen. Die griechisch- arabischen übersetzungen erfolgte in verschiedenen Etappen (etwa von 750 bis 950):

  • 1. Phase (ca 750 – 820)
      Die Philosophie steht noch nicht im Vordergrund

    • Ibn al- Muqaffa’
    • Theodor ab? Qurra, schreibt in drei Sprachen
  • 2. Phase (ca 820 – 850)Der Kreis um den Philosophen al- Kind?:
      Dieser braucht übersetzungen und erteilt Auftr?ge. Die übersetzer bilden Gruppen in der Bibliothek.

    • Ibn Na’ima
    • Ustat
    • Yachyá ibn al- Bitr?q
  • 3. Phase (ca 850 – 900)Die Schule des Hunain ibn Ishaq:Hunain ibn Ishaq
      arbeitet methodisch anders: Er stützt sich nicht nur auf einen Text, sondern sammelt alles Material, das er finden kann. Er macht Studien über die Grammatik. Erst dann wagt er sich an die eigentliche übersetzung des Textes. Alle übersetzer der Schule kennen noch Griechisch.

    • Hunain ibn Ishaq
    • Ishaq ibn Hunain
    • Hubais
  • 4. Phase (ca. 900 – 950)Der Kreis um den Philosophen al- Farab?:
      Hier finden wir nur noch syrische Christen, die kein Griechisch mehr k?nnen. Sie übersetzen vom Syrischen ins Arabische.

    • Ab? Bisr Matta
    • Yachya ibn ‘Ad?
Methode der übersetzer
Das Niveau ist bei allen übersetzern durchg?ngig hoch. Eine methodische Sicherheit wird in der 3. Phase bei Hunain ibn Ishaq erreicht:

  1. Sammeln
  2. Kollationieren
  3. Textedition erstellen
  4. Vergleich mit syrischen Texten
  5. übersetzen ins Arabische
Bedeutung der übersetzungen für die arabische Sprache
Nicht nur Vermittlung, sondern Neusch?pfung einer wissenschaftlichen Sprache. Die arabische Sprache verfeinert sich innerhalb zwei bis drei Generationen enorm. Die Sprache der Philosophie wird geschaffen.
Resultat
übersetzungen von allen Werken Aristoteles, den antiken Schulen und Kommentaren dazu. Platons Wirkung ist nur kurz und interessiert vor allem in der Politik. Man kennt ihn eher durch das “Kompendium platonischer Philosophie” von Galen. Man kennt keine Stoa als Text, ebenso keine Vorsokratiker und Epikur. Man fragt die “alten Weisen” eher sachbezogen nach Themen.

Der Neuplatonismus ist ein Sonderfall:
Obwohl der Neuplatonismus als unmittelbarer Vorg?nger der arabischen Philosophie gelten kann, gibt es keinen Text, der unver?ndert ins Arabische übertragen worden w?re. Es gibt Paraphrasen über die “Enneaden” IV, V, VI und VII, bekannt als die “Theologie des Aristoteles”. Auch Proklos “Institutio theologica” existiert um etwa 840 in zwei Paraphrasen:

  • “Liber de causis”, Aristoteles zugeschrieben
  • “Proclus Arabus”, (Proklos oder Alexander von Aphrodisias zugeschrieben)

Daneben wandert ein Haufen Nebenüberlieferungen und Popul?rphilosophie ins Arabische, wie zum Beispiel “Das Buch des Ammonios über die Ansichten der antiken Philosophen”. Dies ist ein Buch über Metaphysik, wobei alle antiken Philosophen herbeigezogen werden. Darin diskutieren diese Dinge, welche sie nie gesagt haben über Themen, welche sie so nie behandelt haben. Das Buch soll den Eindruck vermitteln, es gebe eine alte Weisheit.
Ein solches Buch kann zur Hauptquelle eines anderen Philosophen, zum Beispiel Sahrastání, werden (als Vorlage diente das Werk Hippolytos von Rom über die H?resien).

Zusammenfassend kann man über die griechisch- arabischen übersetzungen sagen:

  • Man begegnet einer ?lteren Kultur und setzt sich auf vielschichtige Weise damit auseinander, mit einer
  • ungew?hnlichen Dynamik, auf
  • zwei Ebenen: Einerseits wissenschaftlich hochstehend als Kern (Schulen mit Platon, Aristoteles usw.). Andererseits geschieht eine Umformulierung im Moment der Aneignung und zwar so früh, dass es die sp?teren Philosophen nicht merken.
  • Die islamische Philosophie w?chst auf breitem Boden

2. Abú Yúsuf al- Kind? (Alkindus, 800 – 870)

Kind?, beseelt von den neuen M?glichkeiten, war überaus an der Metaphysik interessiert und nahm aktiv am übersetzungsprozess teil. Er selbst kannte zwar die griechischen und syrischen Originaltexte nicht, gab aber Vorschl?ge und erteilte Auftr?ge. Seine Textbasis hat sich st?ndig ge?ndert, das heisst er hatte mit der Zeit mehr Texte zur Verfügung. Kind? hat den Neuplatonismus unmittelbar bearbeitet und in einen religi?sen Kontext gestellt, der für ihn akzeptabel war. Sein Anliegen war es, eine philosophische Grundlage für die spekulative Theologie der Mutasiliten zu schaffen, die sp?ter von den Imamiten, einer schiitischen Gruppe, übernommen wurde.

Biografie

Al- Kind? (auch Alkindus) wurde in Kufa geboren und studierte in Basra und Bagdad (heute Irak). Er stammt aus einer reichen Familie aus dem altarabischen K?nigsgeschlecht der Kinda. Dies erm?glicht ihm Privilegien in jeder Hinsicht: er ist ausgezeichnet gebildet in allen Wissenschaften seiner Zeit (Zeit des al- Ma’mún, dem F?rderer der Wissenschaften) und einer der frühen muslimischen Studenten der griechischen Philosophie des Altertums. Um etwa 840 wird er Prinzenerzieher in Bagdad. Nach dem Wechsel im Kalifat um 847 wird er jedoch vom Hof verbannt und seine Bibliothek konfisziert. Dieser Bruch wird heute folgendermassen interpretiert:

Privat
Konkurrenz mit Músá bin Sákirs S?hnen. Neid am Hofe, Streit um Gunst usw.
Religionspolitisch
Kind? hat rationale Argumente im Vordergrund, welche zu dieser Zeit ziemlich unpopul?r geworden sind. As- Safi’i (820) Vertritt die die Meinung dass das, was in Koran und Hadith steht, nicht rational erfassbar ist. Es steht in der Zeit also zur Debatte, ob man Philosophie betreiben soll oder nicht.
Werke

Wie auch immer die Lebensumst?nde waren, al- Kind? hat geschrieben bis zu seinem Lebensende. Sein Werk umfasst über 270 Arbeiten. Die zumeist kürzeren Abhandlungen befassen sich mit Themen der Philosophie, Medizin, Mathematik, Optik und Astrologie. Einige seiner Werke wurden w?hrend des Mittelalters ins Lateinische übersetzt und beeinflussten die christlichen Gelehrten Europas.

  1. “über die Definitionen und Beschreibungen der Dinge”Kl?rt Begriffe und ist nützlich als Einführung in seine Philosophie
  2. “über die erste Philosophie”Nicht vollst?ndig erhalten. Den Rahmen bildet Aristoteles (in der übersetzung Ustats.“Wir (=Muslime) dürfen uns nicht sch?men, die Wahrheit anzunehmen, woher sie auch kommt; sei es von früheren Generationen oder von fernen V?lkern.” (al-Kind?)
    • Für Kind? gibt es keinen Konflikt zwischen Religion und Philosophie. Beide Wissenschaften suchen die Wahrheit, und Wahrheit kann es nur eine geben
    • Die Welt ist endlich und geschaffen in der Zeit (—> Philoponos)
    • Sein Beweisgang bis Gott ist neuplatonisch
    • Gott steht über allem (Negative Theologie des Neuplatonismus)
    • Letzte Seite des Buches: “Creatio ex nihilo”

    Kind? ist st?rker am Islam gebunden als seine Nachfolger.

  3. “über die Anzahl der Bücher des Aristoteles”Was ist Wissen? Was ist g?ttliches, was menschliches Wissen?
    • Menschliches Wissen: Langer Prozess, mit Mühsal erworben
    • G?ttliches Wissen: Vollkommen. Offenbarung ist unantastbar und sagt all das, was der Mensch nur mühsam und unvollst?ndig erarbeiten kann

    Die Lehre des Koran wird als heiliges, die Philosophie als menschliches Wissen gedeutet.

    Weiteres Thema: Gott hat den Leib als etwas Neues und Unverg?ngliches erschaffen. Nach dem Tod wird der Leib ein zweites Mal für die Ewigkeit geschaffen —> Suhre 36, Vers 78 ff.
    Lange Zeit folgt Alkindus der Philosophie, an entscheidender Stelle steht aber ein klares Bekenntnis zum Islam.

  4. “über den vollkommenen, ersten, wahren Handelnden und den, der unvollkommen und im übertragenen Sinne handelt”Gegenüberstellung zwischen Gott und dem Menschen. Ausserdem eine Hinführung zu der These, dass Gott etwas aus dem Nichts erschaffen kann (creatio ex nihilo).
  5. “Die Lehre von der Seele; Zusammenfassung nach dem Buch Aristoteles’, Platons und der übrigen Philosophen”Die Seele ist vom K?rper getrennt. Den Menschen überkommen immer wieder Zorn und Begierden, doch diese Affekte sollen mit der rationalen Seele beherrscht werden. Man soll die k?rperlichen Begierden hinter sich lassen und die Seele reinigen mit dem Ziel, gott?hnlich zu werden. Dann muss die Seele nicht sterben.
    Die bekannte Einteilung der Seele in drei Seelenteile steht mit der platonischen Tradition in Verbindung. Auch die Str?mung des Hermetismus (2. bis 4. Jahrhundert) findet sich im Text wieder. So kann man vermuten, dass Kind? die Str?mungen der platonischen Tradition verarbeitet hat, aber nicht unbedingt voneinander unterscheiden konnte. Speziell bei Kind? ist die These, dass der Leib nicht verg?nglich ist, sondern mit der Seele in die Ewigkeit eingeht.
  6. “über den Intellekt”Das Thema hat keinen Konflikt mit der Religion. Kind? geht von Aristoteles’ “De anima” aus und stellt die Frage, was denn eigentlich der Intellekt sei, ob er zum Beispiel individuell oder überindividuell sei. Kind? kennt auch die entsprechenden Texte von Alexander von Aphrodisias und Philoponos. Der Intellekt hat nach al- Kind? vier Teile:
    • Der aktive Intellekt (intellectus agens)Dieser ist der prim?re Intellekt und das universale Prinzip aller sekund?ren Intellekte. Er enth?lt die Ideen, also alle geistigen Inhalte. Er ist das überindividuelle, geistige Wesen.
    • Der potentielle Intellekt (intellectus potentialis/ materialis)Die Denkf?higkeit der einzelnen Seele. Die Erkenntnisf?higkeit, welche bei der tabula rasa aktiviert werden kann.
    • Der aktualisierte Intellekt (intellectus adeptus)Das Verm?gen des einzelnen Menschen zu denken. Das Verm?gen, das Erworbene zu aktivieren. Der Zustand, dass man eigentlich etwas kann, dies aber gerade nicht ausübt (zum Beispiel der Zustand im Schlaf).
    • Der sichtbare Intellekt (intellectus demonstrativus)Die Stufe, in der man sein K?nnen tats?chlich ausübt. Der Intellekt wird dadurch sichtbar.

    Aus den zwei Aufteilungen des Aristoteles sind hier deren vier geworden. Aristoteles wird neuplatonisch umgedeutet: Die Dauert?tigkeit vom intellectus agens ist die Garantie für den intellectus adeptus.
    Die sp?teren Philosophen knüpfen an dieses Schema an, auch im lateinischen Mittelalter.

  7. “über die Ursache des Werdens und Vergehens”
  8. “über die Darlegung der Endlichkeit des Weltk?rpers”
  9. “über den Aufweis, dass sich die Natur der Himmelssph?re von den Naturen der vier Elemente unterscheide”7), 8) und 9) enthalten eine aristotelisch gepr?gte Kosmologie. Kind? kennt Philoponos‘ Aristoteleskritik. Auch seine Welt ist endlich (eigentlich eine aristotelische Welt, mit dem Unterschied, dass diese entstanden ist).
  10. “über den Aufweis, dass sich der ?usserste Himmelsk?rper vor Gott niederwerfe”Kind? geht von folgenden Voraussetzungen aus:
    • Der Koran hat immer recht
    • Wenn man den Koran richtig versteht, besteht auch kein Unterschied zur Philosophie

    Als Beispiel die Auslegung von Suhre 55, Vers 6: B?ume und Sterne werfen sich vor Gott nieder. Wie soll das geschehen? al- Kind? meint, die Stelle meine ‘gehorchen’. Die Voraussetzungen für ‘gehorchen’ sind Leben und Vernunft. Schon in Aristoteles Kosmologie sind diese Eigenschaften für Sterne und B?ume gegeben. Somit kann man mit Aristoteles den Koran besser verstehen. Kind? übertr?gt die Bedeutung und veredelt diese mit Philosophie.

Bei al- Kind? gibt es drei Ebenen:

Thema

Quelle

Zum Vergleich: Alexandria

Ontologie Aristoteles Physik (Sph?re unterhalb des Mondes)
Spezielle Metaphysik Neuplatonismus Traditionelle Theologie
Eigentliche Theologie Offenbarung Christliche Theologie (Philoponos)

Dies ist ein sp?tantikes System! Zusammenfassend kann man bei Kind? festhalten:

  • Er verarbeitet sofort alle Str?mungen, welche ihm begegnen
  • Für ein System reicht seine Zeit nicht
  • Für die letzten Entscheidungen wird die Religion so eingebaut, dass ihre Grunds?tze nicht gest?rt werden
  • Philosophie betreibt al- Kind?mit einer religi?sen Anbindung, die einzigartig ist und sp?ter im Islam nicht mehr vorkommen wird

Sp?tere Denker, die an al- Kind? orientiert sind:

  • Sarahsí (835 – 899)
  • Balchí
    Al- Kind?, Sarahsí und Balchí hatten ein grosses Interesse an Geographie
  • Ishaq al- Isrá’?lí (bis 955)
    Einer der ersten orientalischen Autoren, die ins lateinische Mittelalter eingeflossen sind (übersetzt von Constantinus Africanus: “Ysaac”) und der Beginn des Neuplatonismus im Judentum.
  • ‘Amirí (bis 992)

3. Ab? Bakr ar- Raz? (bis 925)

Auch der Iraner Ar- Raz?, ein hochangesehener Arzt, der in Bagdad lebte, verfasste etwa 150 Schriften und galt als der strikteste Rationalist unter den islamischen Philosophen. Ar- Raz? kümmerte sich im Gegensatz zu al- Kind? in keiner Weise um Religion. Er lehrte, dass Gott den Menschen die Vernunft gegeben habe und versuchte eine systematische Kritik von Bibel und Koran. Er galt dann auch als Ketzer und H?retiker im Islam. Deshalb sind wohl seine philosophischen Bücher, im Gegensatz zu seinen medizinischen (Standardlehrbücher über Jahrhunderte), weitgehend verloren. In seiner Schrift “Zweifel an Proklos” kritisiert er den neuplatonischen Gedanken der Ewigkeit der Welt. Ar- Raz? kannte offenbar Demokrit und Epikur. In seiner “Abhandlung über die Metaphysik” lehrt Ar- Raz? einen Atomismus mit fünf urewigen Prinzipien der Welt:

  • Der Sch?pfer (Gott)
  • Die Universalseele (ewiges Prinzip des Lebens)
  • Die erste Materie (atomistisches Verst?ndnis von Materie)
  • Der absolute Raum (mit Vakuum)
  • Die absolute Zeit (atomistisches Verst?ndnis der Zeit)

Man nimmt an, dass diese fünf Prinzipien vom “Timaios” abgeleitet sind – nebst anderen Elementen, wie zum Beispiel der Befreiung der Seele durch Erkenntnis und Erfahrung. Die Weltseele ist der Mittelpunkt seiner Philosophie – sie ist es, welche alles in Gang bringt. Gott schuf die Welt aus Barmherzigkeit gegenüber der Seele.
Ar- Raz? ist kein Atheist. Entscheidend ist für ihn, wie man zu Gott in Kontakt tritt. Religion ist nicht nur überflüssig, sie ist sogar sch?dlich, denn sie ist ein Irrweg. Die Rückführung zu Gott geschieht durch Erkenntnis, die jedem Menschen offen steht. Seine Kritik an der Religion umfasst unter anderem folgende Argumente:

  • Die Religion lehrt, dass Gott perfekt ist. In der Offenbarung findet man das Gegenteil davon.
  • Die meisten Kriege auf der Welt lassen sich auf Konflikte zwischen den Religionen zurückführen.
  • Die Propheten sind Betrüger: Moses, Jesus und Mohammed (“de tribus impostoribus”). Der wahre Imam ist Sokrates.

Ar- Raz? stellt in seiner Ethik Sokrates als grosses Vorbild in den Mittelpunkt. In seinem Werk “Die philosophische Lebensführung” verteidigt sich ar- Raz? gegen den Vorwurf , er rede zwar von Sokrates, aber handle überhaupt nicht gem?ss seiner Tugend:

1. Vorwurf
Ar- Raz? verhalte sich anders als Sokrates, Pflege Umgang mit den Reichen und achte auf seinen Geldverdienst. Sokrates sei ein armer, asketischer Mann gewesen.
2. Vorwurf
Selbst wenn ar- Raz? in allen Punkten Sokrates folgte, würde er nichts sinnvolles tun. Sokrates habe von Askese und Einsamkeit gesprochen, aber Aristoteles lehre den Umgang mit anderen Menschen.

Das Bild des asketischen Sokrates ist verschmolzen mit Diogenes. Diese Verschmelzung beginnt in der Sp?tantike und wird im Islam dominant. Ar- Raz? verteidigt sich:

1. Argument
Das Bild des Sokrates sei einseitig. In der Jugend lebte Sokrates asketisch und zurückgezogen. Sp?ter nicht mehr: er sei Krieger gewesen, habe geheiratet und Kinder bekommen (dieses Bild entspricht dem Kenntnisstand der damaligen Zeit).
2. Argument
Seine Lebensführung stimme mit dem reifen Sokrates überein – als Ideal, das er zu erfüllen versuche.

Nun folgen in seiner Schrift sechs Grunds?tze seiner Philosophie:

  1. Es gibt ein Leben nach dem Tod. Ob man danach glücklich ist oder nicht, h?ngt von diesem Leben ab.
  2. Der Mensch ist nicht für das Vergnügen geschaffen worden, sondern um
    • Wissen, Erkenntnis und
    • Gerechtigkeit

    zu erlangen.

  3. Die menschliche Natur will sinnliche Genüsse. Der Verstand zeigt oftmals, dass es besser ist, auf den direkten Genuss zu verzichten, um sp?ter einen h?heren Gewinn zu erreichen.
  4. Gott hat die Welt aus Barmherzigkeit geschaffen und will deshalb, dass auch die Menschen barmherzig sind – auch zu den anderen Kreaturen (Ar- Raz? ist beispielsweise gegen die Jagd).
  5. Man soll nicht nur andern keinen Schmerz zufügen, sondern auch sich selber nicht überm?ssig (—> gegen Askese und Selbstverstümmelung der Sufis).
  6. Gott hat jedem genügend Mittel für das Leben mitgegeben, und zwar in Bezug auf
    • den Lebensunterhalt und
    • die Erkenntnisf?higkeit

In dieser Ethik finden sich Platon und Epikur – überh?ht durch einen Gottesbegriff (Theismus in philosophischem Rahmen). Es geht um einen auf Gott ausgerichteten Ausgleich (Harmonie). Man dient Gott, indem man ihn nachahmt (“… in dem Masse, wie es dem Menschen m?glich ist”).

Bei al- Kind? muss sich die Philosophie in die Religion einordnen. Bei ar- Raz? ist dies nicht mehr der Fall. Wenn die Philosophie ernsthaft betrieben werden will, muss sie sich von der Religion l?sen. Auf lange Sicht haben aber weder ar- Raz?noch al- Kind? einen tieferen Einfluss auf die sp?tere islamische Philosophie ausgeübt.

III. Die Ausarbeitung einer islamischen Philosophie

1. Ab? Nasr al- Farab? (Alpharabius, ca. 873 – 950)

Al- Farab?, auch unter dem Namen Alpharabius bekannt, ist der erste bekannte islamische Philosoph, der den Primat der philosophischen Wahrheit über die religi?se Offenbarung stützt und behauptet, dass im Gegensatz zum Glauben der verschiedenen Religionen die philosophischen Wahrheiten auf der ganzen Welt dieselben seien. Damit setzt er die Grundkoordinaten neu.

Al- Farab? wurde in Farab, Turkistan (dem heutigen Usbekistan, N?he Taschkent), als Sohn türkischer Eltern geboren. Zun?chst studierte er in Chorasan (im Iran) und danach in Bagdad, wo er syrische Christen (Nestorianer) als Lehrer hatte, die auch mit der griechischen Philosophie gut vertraut waren (vor allem mit der Logik). Seine Lehrer kamen nicht aus der Richtung al- Kind?s. Sie haben sich u. a. durch die übersetzung der alexandrinischen Texte ins Arabische verdient gemacht. Schliesslich kam al- Farab? an den Hof von Sayf al- Dawla, dem Herrscher Aleppos in Syrien.

Der Stellenwert der Religion ist relativ gering bei al- Farab?. Sein erstes Interesse gilt der Logik, dann der Grammatik. In seinen metaphysischen Ansichten ist al- Farab? stark vom Neuplatonismus Plotins beeinflusst. Er postuliert ein g?ttliches Wesen, welches die Welt aus seiner rationalen Intelligenz heraus geschaffen hatte. Da Gott als erste Ursache sich selbst erkennender Geist ist, wird er als formgebendes Vorbild aller Realit?t verstanden. Die Welt als Produkt des st?ndigen Denkens Gottes ist ewig, weil Gott ewig ist. Al- Farab? glaubt, dass diese rationale Kraft zugleich als unsterblicher Teil in der menschlichen Existenz verankert sei. Daher erhebt er ihre Entwicklung zum h?chsten Ziel des Menschen. Das Seiende wird in einem Stufenmodell vorgestellt:

  1. Gott
  2. zehn Intellekte (Sph?rengeister oder eine Art transzendentale, geistige Wesenheiten)
  3. menschliche Vernunft
  4. Seele
  5. Form
  6. Materie

Diese Stufen beschreiben zugleich den Prozess der menschlichen Erkenntnis und der Evolution des Denkens, und zwar erg?nzend, nicht etwa abl?send:

Stufe

Repr?sentation der Wahrheit

Entwicklung des einzelnen Menschen

Sprache Religionen Ern?hrung
5 Sinne
Ged?chtnis
Poesie Vorstellungskraft
Prosa Denkf?higkeit —> das Denken der Menge
Rhetorik
Grammatik Theologie Denkf?higkeit —> das Denken der Theologen
Mathematik
Physik
Dialektik (Platon)
Sophistik
Politik (Platon) Philosophie Denkf?higkeit —> das Denken der Philosophen
Demonstrative Logik (Aristoteles)

Nach diesem Stufenplan entwickelt al- Farab? in seiner Schrift “Der Musterstaat” eine politische Theorie des theokratischen Führerstaates. Darin passt er das platonische System (wie es in der “Politeia” und den “Nomoi” dargestellt ist) an die politische Situation des Islam an.

Von seinen rund 100 Werken sind viele, darunter auch seine Erl?uterungen zu Aristoteles, verloren gegangen. Andere sind nur in der mittellateinischen übersetzung erhalten geblieben. Neben seinen philosophischen Schriften stellte er in “Die Aufz?hlung der Wissenschaften” einen Wissenschaftskatalog zusammen, das erste islamische Werk, in dem der Versuch einer Systematisierung des menschlichen Wissens unternommen wurde:

  1. SprachwissenschaftDie Sprachwissenschaft hat nach al- Farab? zwei Aufgaben:
    • Behandelt die W?rter
      Bewahrt wird die Bedeutung des einzelnen Wortes und der zusammengesetzten Ausdrücke
    • Regelt den Gebrauch dieser W?rter
      Richtiger Gebrauch von einfachen und zusammengesetzten Ausdrücken, Orthografie, Aussprache, Rezitation, Betonung und Metrik

    Die Sprache ist also nach al- Farab? gegeben, sie muss nur noch richtig gebraucht werden. Auch gibt es viele Sprachwissenschaften —> sie behandelt also etwas, was die Menschen unterscheidet.

  2. LogikDie Logik untersucht etwas, was den Menschen gemeinsam ist. Sie untersucht das Denken, die innere Sprache des Menschen mit Regeln, die allen verbindlich sind. Aristoteles Teil IV des “Organon” dient al- Farab? als umfassende Methodenlehre.
  3. MathematikArithmetik, Geometrie, Optik, Astronomie, Musik, Mechanik, Statik (Gewichte) und Ingenieurwissenschaften
  4. Physik und MetaphysikIn der Physik will al- Farab? keine Frage offen lassen und ist daher ziemlich umfassend. Wo von Aristoteles nichts vorhanden ist, werden Pseudo- Schriften herangezogen: das “Steinbuch” oder “De plantis”. Die Metaphysik ist relativ blass. Auch hier wird mit der “Theologie des Aristoteles” eine Pseudo- Schrift eingearbeitet.
  5. Politik, Recht und TheologieDie Politik wird zum zentralen Element. Das Ziel ist ein Staat zu bilden, in dem die “Politeia” verwirklicht ist (medina=polis). Die Politik ist in jedem Staat gleich, egal auf welchem Recht oder auf welcher Theologie er sich abstützt. Das Recht und die Theologie garantieren nur, dass bestehende Staaten gut funktionieren. Der Staatenlenker soll Philosoph und Prophet sein (Platon und Mohammed), denn es geht um die Wahrheit. Nur der Prophetenphilosoph kann die Wahrheit allen Menschen im Staat zuteil werden lassen. Der Staatengründer hat die Aufgabe, die Menschen durch die Wahrheit zum Glück zu führen, denn Glück ist der Zweck des ganzen Gebildes (siehe “Die Erlangung des Glücks”).Der aktive Intellekt widerspricht sich nicht selber, deshalb kann er als Quelle der Wahrheit für Offenbarung und Philosophie gelten – deshalb kann beides wahr sein. Vollkommene Erkenntnis ist im Diesseits m?glich, denn der Mensch kann vom aktiven Intellekt aktiviert werden.
  • —> Emanzipation der Philosophie
    Die Philosophie dominiert bei al- Farab? eindeutig die Wissenschaften. Sie wird universal gedeutet und steht über den Einzelwissenschaften (im Gegensatz zu al- Kind?). Laut Farab? ist Medizin keine Wissenschaft, sondern ein Handwerk. Alchemie ist sowieso nur Unfug.
  • —> Neuordnung der Philosophie
    Al- Farab? macht keine Einteilung in theoretische und praktische Wissenschaften. Beides kommt in allen Wissenschaften vor: zuerst die Erfahrung, dann leitet man davon Regeln ab. Die Theorie ist h?her und das Ziel der Wissenschaft. Damit folgt er nicht mehr der aristotelischen Einteilung der Wissenschaften, sondern denkt eher modern.
  • —> Einteilung der Wissenschaften
    1. Universale Wissenschaft
      Philosophie: Logik, Mathematik, Physik, Metaphysik, Politik
    2. Partikulare Wissenschaft
      Arabische Sprachwissenschaft: Islamische Theologie, islamisches Recht
      Griechische Sprachwissenschaft: Christliche Theologie, christliches Recht
      Indische Sprachwissenschaft: …

Problematisch: Was al- Farab? schreibt, betrifft nicht den einzelnen Menschen, sondern immer eine Gemeinschaft. Das Schicksal des Individuums ist abh?ngig vom Staat, in dem es lebt (auch im Hinblick auf das Leben nach dem Tod).

2. Isma’?liten und Ihwan as- Safa’

Literatur:
Friedrich Dieterici. Die Philosophie bei den Arabern im X. Jahrhundert nach Christus. Gesamtdarstellung und Quellenwerke (16 B?nde). Hildesheim: Olms 1969

Ihwan as- Safa’ =die Lauteren Brüder. Diese Leute wahren wahrscheinlich in Basra beheimatet. Ihr Textkorpus ist das umfangreichste philosophische Werk aus dem islamischen Bereich. Die popul?re, einfache und zug?ngliche Form hatte eine grosse Breitenwirkung. Die Lektüre dringt dadurch auch in den Islam ein, wobei der sunnitische Islam dafür weniger ansprechbar war. Dia Schia (genauer: die Isma’?liya =die Siebener- Schia) hatte mehr Verwendung dafür:

Bis etwa 900 vertritt die Isma’?liya eine gnostische Lehre. Man spricht darin von Weltzeitaltern, die jeweils mit einem Propheten beginnen. Diese Kosmologie wird im 10. Jahrhundert durch die neuplatonische Philosophie überw?lbt (Nasaf?, 942):

  1. Gott (fiat…)
  2. Intellekt
  3. Seele
  4. Planeten
  5. Welt

In dieser Zeit sind auch die Schriften der Lauteren Brüder entstanden. Es sind 52 von einander unabh?ngige, abgeschlossene Schriften, in der die Philosophie zusammengefasst und dargestellt wird. Die Ausrichtung ist neuplatonisch im Zeichen des Pythagoras (entspricht ebenfalls dem Kenntnisstand der Zeit). Es ist der Versuch, dieses Wissen als Anleitung zum besseren Leben zu vermitteln —> L?uterung der Seele, auf dass die Menschen wie Brüder leben k?nnen. Der Tonfall der Texte ist würdevoll und initiiert eine Weisheit. In einer der Abhandlungen steht, dass vier Arten von Quellen benutzt worden seien:

  1. Mathematisch- naturwissenschaftliche Werke
    • Aristoteles
    • Pythagoras
    • Euklid
    • Ptolem?us
    • Porphyrios
  2. Thora, Evangelien, Koran und andere religi?se Schriften
  3. Bücher über die Physik, damit man die inneren Gegebenheiten der Dinge erkenne
  4. G?ttliche Bücher: Gemeint ist wohl eine intuitive Einsicht, die hinter diesen Büchern der Ihwan as- Safa’ steht

Auff?llig an diesen Texten ist die Aufforderung zur Askese (—> Sufismus, eine asketisch- mystische Richtung im Islam) und damit die Forderung zum Z?llibat, ebenso wie das Geschichtsbild der sieben Weltzyklen (—> Isma’?liya). über die Autorschaft hinter den Lauteren Brüdern gibt es verschiedene Theorien (zwei Philologen gelten als gesichert):

  1. Offizielle Doktrin der Fatimiden. Propagandistische Darstellung der Lehre der Isma’?liya (Y. Marquet)
  2. Der Versuch, im Islam neuplatonisch zu denken (S. Diwald)
  3. Der Textkorpus geh?rt zur Isma’?liya, aber ganz sicher nicht als offizielle Lehre, sondern zu einer Art Geheimbund (A. Bausani)
  4. Der Textkorpus geh?rt nicht zur Isma’?liya. Er will neuplatonisch sein als legitimer Nachfolger des sp?tantiken Neuplatonismus (I. R. Nelton)
  5. Der Versuch neu zusammenzufassen, was nach der politischen Erschütterung die Karmatiden noch glauben k?nnen (W. Madelung)

3. Ibn S?na (Avicenna, ca. 980 – 1037)

Der in der arabischen Welt unter dem Namen Ibn S?na bekannte persische Denker und Arzt stammte aus der N?he der usbekischen Stadt Buchara. Dort studierte der Sohn eines staatlichen Würdentr?gers (Verwaltungsposten) den Koran, Literatur, islamisches Recht, Mathematik und Philosophie. Seine Familie (Vater und Bruder) folgte der Isma’?liya. Der Legende nach ernannte ihn im Alter von 18 Jahren der Samanidenherrscher von Buchara als Anerkennung für seine grossartigen medizinischen F?higkeiten zum Leibarzt. Dieses Amt hatte er bis zum Fall des Samanidenreiches 999 inne, was ihm erlaubte, die Bibliothek der Samaniden zu benutzen. Hier will er viele Bücher gesehen haben, die es sp?ter nicht mehr gab. Die letzten 14 Jahre seines Lebens verbrachte er als wissenschaftlicher Berater und Arzt am Hof des Fürsten von Isfahan.

Avicenna vollbrachte herausragende Leistungen auf den Gebieten der Medizin und der Philosophie und gilt den Muslimen als einer der wichtigsten Denker aller Zeiten. Sein Werk “Kanon der Medizin” z?hlte im Mittleren Osten wie in Europa lange zu den bedeutendsten Lehrbüchern. Es enth?lt eine für damalige Verh?ltnisse einzigartige systematische Klassifikation, die das gesamte medizinische und heilkundliche Wissen der Epoche umfasst. Die erste lateinische übersetzung wurde im 12. Jahrhundert angefertigt, die hebr?ische Ausgabe wird auf 1491 datiert. Auf arabisch erschien die Schrift 1593 als zweites in dieser Sprache gedrucktes Buch überhaupt.

Avicenna kennt sowohl die Texte der Ihwan as- Safa’ als auch der anderen Isma’?liten. In Bezug auf al- Farab? und Aristoteles entwirft er seine Philosophie, welche die arabische Welt ausserordentlich gepr?gt hat. Eine Besch?ftigung mit Philosophie und Metaphysik im Islam nach 1200 ist immer auch eine Besch?ftigung mit Avicenna. In seiner Trennung zwischen Essenz und Existenz übt er ab 1200 einen grossen Einfluss in Europa aus, namentlich auf Thomas von Aquin. Als rationeller Philosoph hat er es verstanden, die ihm vorliegenden Probleme zu vereinen und neu zu systematisieren. Er wird nach Aristoteles zum neuen Vorbild der systematischen Philosophie erkoren. Avicennas Schwerpunkte sind von Anfang an die Metaphysik und die einzelne Seele des Menschen, womit er auch eine Verbindung zwischen Philosophie und Islam schafft (Kompensation der Schw?chen des al- Farab?). Seine Durchsetzungskraft beruht auf diesen “transformierten Teilen des Islam” (Kritik des Averroes). Die Werke Avicennas (Auswahl):

  • 997: “Kompendium über die Seele”
  • ca. 1000: “Fragen und Antworten” (mit/ gegen al B?run?)
  • 1001: “Die Philosophie für ‘Arud?”
  • 1002/ 3: “Das Verfügbare und das Gültige” sowie “Fr?mmigkeit und Sünde”
  • 1013: “Der Ursprung und die Bestimmung”
  • 1014: “Der Zustand der menschlichen Seele”
  • 1020 – 27: “Die Heilung”
  • 1027: “Die Rettung”
  • 1027: “Die Philosophie für ‘Ala'”
  • ca. 1028: “Die ?stlichen” oder “Die ?stliche Philosophie”
  • 1028 – 29: “Die gerechte Beurteilung”
  • 1030 – 34: “Die Hinweise und Erinnerungen”
  • 1037: “über die rationale Seele”

“Die Hinweise und Erinnerungen” ist das Buch, welches die orientalische Rezeption massgebend beeinflusst hat. Avicennas im Westen bekanntester Titel heisst hingegen “Die Heilung” (Kitab ash-Shifa) und enth?lt eine Sammlung von Abhandlungen über aristotelische Logik, Metaphysik, Psychologie, Naturwissenschaften und andere Themen. Avicennas eigenes Konzept verbindet Ideen des Aristoteles mit dem Gedankengut des Neuplatonismus.

Autobiographie

Avicenna beschreibt in seiner Autobiographie das Curriculum seiner Zeit:

  1. Studium des Koran
  2. Literatur
  3. Jurisprudenz
  4. Mathematik
  5. Philosophie

Er berichtet über seinen Erkenntnisfortschritt, den er von frühester Jugend an besonders schnell und sicher auf h?chstem Niveau vollzieht, gem?ss seinem Satz “… in dem Masse, wie es den Menschen m?glich ist.” Avicenna spricht damit die Intuition an, womit er die h?chste Form der Rationalit?t meint. In seinem Buch “Die Rettung” beschreibt er diese Intuition: Sie vollzieht sich in der Verbindung des potentiellen Intellektes mit dem aktiven Intellekt und stellt somit die bestm?gliche Art des Erkennens dar. Die st?rkste rationale Seele erfasst alles intuitiv in kürzester Zeit, wie er das in seiner Autobiographie eindrücklich schildert. Er nennt drei Beispiele, die er in einer Situation der geistigen Blockade anwendet. Diese k?nnen überheblich wirken – gemeint sind aber M?glichkeiten, sich dem aktiven Intellekt zu ?ffnen:

  • Das Beten in der Moschee
    Beispiel dafür, wie Avicenna die Religion an einem bestimmten Platz einbaut
  • Trinken von Wein
    Medizinischer Gedanke. Wein gilt (im Masse) als Medikament
  • Das Tr?umen
    Illumination durch den aktiven Intellekt

Konsequenzen für die Prophetie: Der aktive Intellekt schenkt dem Propheten Bilder und Vorstellungen durch die Intuition. Der Koran ist etwas, das die Philosophie in verschlüsselter Form darstellt. Die Philosophie kann diese Bilder auswerten, auslegen und begründen:

  1. Form: Imagination (Symbole und Bilder)
  2. Form: Intuition (rationaler Teil, Intellekt)

Dabei gilt Avicenna die Philosophie als die h?here Form der Erkenntnis. Aber die Auslegung der Offenbarung geschieht bei ihm in religi?ser Sprache, mit Respekt vor dem Koran. Der Kenner des Koran wird abgeholt und für die Philosophie gewonnen. Beispiel Suhre 24, Vers 35 (Lichtvers): “Gott ist das Licht von Himmel und Erde …”. Für Avicenna ist das Licht die Illumination, die Erkenntnis. Das Feuer der aktive Intellekt und die Nische, welche beleuchtet werden kann, ist der potentielle Intellekt.

Metaphysik

Der Gottesbeweis ist für Avicenna wichtig. Damit steht er in einer Tradition:

  1. Aristoteles: Metaphysik XII, Die Bewegung
  2. Al- Kind?: Neuplatonischer Beweis
  3. Islam: Seiendes wechselt st?ndig in seinen Zust?nden. Seiendes besteht deshalb aus Atomen und deren Akzidenzien. Akzidenzien sind in der Zeit entstanden. Keines der seienden Dinge kann vor den Akzidenzien bestanden haben. Das heisst, auch die Dinge sind geschaffen in der Zeit. Wenn alles in der Zeit entstanden ist, muss es einen Urheber geben

Die ersten beiden Gottesbeweise werden von Avicenna nicht aufgegriffen. Der islamische Beweis geht von zwei Axiomen aus:

  1. Axiom: Alle Dinge müssen Akzidenzien haben
  2. Axiom: Alle Akzidenzien sind in der Zeit entstanden

Dem in der Zeit Entstandenen steht allein Gott, der Ewige, gegenüber. Avicenna meint, entscheidend sei, dass Seiendes wesenhaft Kontingentes ist, also eigentlich nicht sein müsste. “In der Zeit entstanden” steht gegenüber “ewig”, Kontingenz gegenüber Gott. Darauf aufbauend entwickelt er seinen eigenen Gottesbeweis: Seiendes muss entweder m?glich oder notwendig sein. Wenn aber etwas m?glich ist, dann h?ngt es von etwas Notwendigem ab, welches es m?glich gemacht hat (3. Axiom: Kontingentes h?ngt von etwas aus sich heraus Notwendigem ab). Also ist Gott dasjenige, was notwendigerweise existiert. Dabei ist das Wirken ein essentielles Attribut der Ursache, damit die Notwendigkeit gegeben ist —> Gleichzeitigkeit (Koexistenz) der Kontingenz mit der Notwendigkeit.

Die Freiheit Gottes (unter Umgehung der causa secunda direkt etwas herzustellen) hat für Avicenna keine beweiskraft. Die Parallele zur Theologie ist also vorhanden, das Ergebnis war aber sowohl für islamische als auch christliche Theologen nicht ganz das gewünschte: Einschr?nkung der Allmacht Gottes, Sch?pfung nicht im Sinne der Offenbarung, sondern im Sinne des Neuplatonismus. Avicenna legt seine Kosmologie auch ziemlich nach dem Vorbild des al -Farab? an.

Als Grundlage für den Gottesbeweis dient Avicenna die Unterscheidung zwischen Existenz und Essenz. Auch Aristoteles hat die beiden Begriffe verwendet, wenn es um das Denken oder um die Logik ging, nicht aber für die Ontologie. Denn dass die Substanzen existieren, ist Ausgangspunkt der aristotelischen Philosophie. Anders bei Avicenna: die Existenz ist nicht notwendigerweise mit der Essenz verbunden:

  1. Die konkrete, partikulare Existenz
  2. Der universale Begriff, die Existenz in der Vorstellung
  3. Das Wesen einer Sache —> Essenz

Essenzen sind kontingent. Gott bildet eine Ausnahme, da es zu seinem Wesen geh?rt, dass er ist. Hier erscheint eine neue Dichotomie: selbst?ndiges Sein – abh?ngiges Sein. Damit ist die alte Substanzenlehre des Aristoteles zerst?rt.

Seelenlehre

Der Mensch hat immer ein Bewusstsein seiner Existenz. Dieses Bewusstsein ist nicht k?rperlich begründet, denn es ist zum Beispiel auch im Traum vorhanden. Man stellt sich unter seinem Selbst auch nicht seine K?rperteile vor. Also ist dieses Bewusstsein die Seele. Ohne diese unk?rperliche Kraft würde der Mensch auseinander brechen. Mit dem “fliegenden Menschen” macht Avicenna ein ?hnliches Gedankenexperiment wie Descartes nach ihm: Man ist sich immer seiner Selbst bewusst und braucht dazu keine Beziehung zur Umwelt. Im Unterschied zu Descartes ist dieses Sein aber kein Ergebnis, welches man durch Zweifel feststellt, sondern ein apriorischer Begriff.

Die Seele geht nach Avicenna aus dem aktiven Intellekt hervor und bleibt fortan immer bestehen als etwas Unzerst?rbares. Damit mündet seine Psychologie auch wieder in einer Erkenntnistheorie:

  1. Der potentielle Intellekt
  2. Der Intellekt mit Disposition (Notwendigkeit, M?glichkeit, Sein und einige Axiome)
  3. Der aktuelle Intellekt
  4. Der erworbene Intellekt —> Vereinigung mit dem aktiven Intellekt

Avicenna kommt dem Islam zwar nahe, kümmert sich aber keinesfalls darum, dessen Lehre zu erfüllen. Er folgt in zentralen Punkten dem Islam, lehnt aber zum Beispiel die Auferstehung des Leibes ab. Er verwendet islamische Begriffe und füllt diese mit neuem Inhalt. Dies musste fast zwangsl?ufig Kritik hervorbringen:

IV. Das Ringen um den rechten Weg

1. Al- Ghazal? (Algazel, ca. 1058 – 1111)

Der vom Sufismus gepr?gte al- Ghazal? (lat. Algazel) schwebt zwischen Bewunderung und Ablehnung des Avicenna. Geboren wurde al- Ghazal? in Tus bei Meshed (Persien, heute Nordosten Irans). Seine Familie waren fromme Leute. Seine Ausbildung war diejenige eines islamischen Gelehrten: Koran und Kommentare, islamisches Recht und Hilfswissenschaften (zum Beispiel Grammatik) und die Biografien früherer Gelehrter. Da er als Gelehrter einen ausgezeichneten Ruf hatte, wurde al- Ghazal? 1091 von Nizam al-Mulk, dem Wesir des Seldschuken-Sultans, als Professor an die Nizamiya-Universit?t in Bagdad berufen.

Ziemlich bald aber hat al- Ghazal? zwischen 1091 bis 1095 mit Zweifeln zu ringen: Ist dieser wissenschaftliche Betrieb an seiner Universit?t wirklich dazu angetan, zu Gott zu führen oder nur um zu blenden? Kann man überhaupt etwas sicher erkennen? Falls ja, woher holt man sich die Erkenntnis?

  • Angebot 1: Islamische TheologieDie Theologie hat nach al- Ghazal? vor allem die Aufgabe, den Glauben zu verteidigen. Sie ist sinnvoll, st?sst aber nie ganz zu den eigentlichen Gründen vor. Al- Ghazal? hat sich deshalb bemüht, die Theologie seiner Zeit durch aristotelische Argumentation im Niveau zu heben.
  • Angebot 2: Philosophie (al- Farab?, Avicenna)Gegenüber der Philosophie hat al- Ghazal? eine ambivalente Haltung: Einerseits scheint sie ihm hochstehend und überlegen, andererseits abwegig und irreführend. Er m?chte einerseits, dass Avicenna studiert wird, andererseits will er zeigen, dass Avicenna nicht recht hat:
    • 1094: “Die Absichten der Philosophen” (Keine Kritik, nur Beschreibung der Philosophie des Avicenna, was al- Ghazal? im lateinischen Mittelalter den Ruf als besten Avicenna- Schüler eingebracht hat)
    • 1095: “Die Inkoh?renz der Philosophen” (Eigentliche Kritik)

    Gegen die elit?re Position des Ibn Bagga wendet er ein, wenn die Philosophie nicht für die Massen gut sei, dann sei sie es überhaupt nicht.

  • Angebot 3: Isma’?liya (politisch stark zu der Zeit)Lehnt al- Ghazal? ab, da man Erkenntnis nicht durch irgendeinen Imam bekomme, der einen in Geheimnisse einweiht.
  • Angebot 4: Mystik (Sufik)Nach al- Ghazal? ist das kontemplative Leben der beste Weg für einen Gl?ubigen. Nicht alle Sufis sind ernstzunehmen, aber es ist die beste Art, tugendhaft zu leben.

Im Jahr 1095 gibt al- Ghazal? aufgrund dieser pers?nlichen Glaubenskrise die Stelle auf, verl?sst seine Familie und wird Sufi. Die Krise des al- Ghazal? ist eine beispielhafte Dokumentation für die Konflikte seiner Zeit, die auch andere Menschen erleben. Er war sich der Beispielhaftigkeit seiner Auseinandersetzung bewusst, weshalb er dieses Ringen um den rechten Weg autobiografisch beschrieb in seinem Werk “Der Erretter aus dem Irrtum” (1007). Darin postuliert er die “Gewissheit” als zentralen Begriff seiner Erkenntnislehre im Wahrheitsbewusstsein. Diese Gewissheit lernt man weder in der Erziehung durch die Eltern noch durch die Religion. Als weitere Quellen bieten sich nach al- Ghazal? die Evidenzen der Sinneswahrnehmung und der Denknotwendigkeiten (Axiome). Dabei unternimmt er zwei skeptische Schritte:

  • 1. skeptischer SchrittDie Sinneswahrnehmung ist nur vordergründig zul?ssig, denn sie kann leicht get?uscht werden. Im Grunde genommen ist alles Illusion.
  • 2. skeptischer SchrittSchlafen/ Wachen: Der Wachzustand bietet auch keine Gew?hr, dass die Axiome gültig sind. Das ganze Diesseits k?nnte einem Schlaf entsprechen. Das Bewusstsein ist ausserstande, die Wirklichkeit zu erfassen.

Daraus folgt: Man arbeitet immer mit Voraussetzungen, die zweifelhaft sind. Ein Beweis l?sst sich nicht führen, wenn man die Axiome nicht anerkennt. Das Eingreifen Gottes ist demnach notwendig, um zur Erkenntnis zu gelangen. Al- Ghazal?s mystisches Sp?twerk “Die Nische der Lichter” (Interpretation der 24. Koransure) vergleicht das wirkliche Wissen mit einem Lichtstrahl, den Gott als Gnadengeschenk in das Herz der Menschen sendet. Das Objekt der Erkenntnis (Gott) wird nicht erschlossen, sondern man wird von ihm erschlossen (Parallele bei Augustin).

Da für al- Ghazal? die Philosophie ein grosses Problem ist – sie kann mal wahr, mal falsch sein – sucht er einen mittleren Weg und erarbeitet eine Theologie, welche im Vergleich zur alten Theologie umfassender und tragf?higer ist. Al- Ghazal? geht von der Gotteserfahrung aus und baut darauf seine Argumentation auf. In seinem Buch “Die Wiederbelebung der religi?sen Wissenschaften” (1099) beschreibt er seine Gesamtansicht von der Religion, in der er Elemente aus den drei, ehemals als gegens?tzlich erachteten Erkenntnisquellen vereint: Tradition, Vernunft und Mystizismus. Das Werk wurde neben dem Koran als bedeutendstes Buch des Islam angesehen. Al- Ghazal? übte damit grossen Einfluss auf die nachfolgenden Denker aus und trug zu wesentlichen Ver?nderungen bei:

  • Die Philosophie wurde von al- Ghazal? in Form der Logik an die Theologie herangeführt und integriert,
  • Theologie und Mystik mit grossem Erfolg zusammengebracht und
  • die Philosophie ver?ndert.

Bezeichnend ist der Titel seines Werkes “Der innere Widerspruch der Philosophen”, in welchem er 20 Thesen gegen die Inkoh?renz in der Philosophie (vor allem Teilen al- Farab?s und Avicennas) vorbringt:

  1. Widerlegung ihrer Lehre von der Anfangslosgkeit der Welt;
  2. Widerlegung ihrer Lehre von der Endlosigkeit der Welt, der Zeit und der Bewegung;
  3. Er?rterung ihrer vorget?uschten Aussage, Gott sei Sch?pfer der Welt und die Welt sei von ihm gemacht: dass dies bei ihnen eine blosse Metapher ohne Wahrheitsgehalt sei;
  4. Er?rterung ihrer Unf?higkeit, den Beweis für die Existenz des Sch?pfers der Welt zu erbringen;
  5. Er?rterung ihrer Unf?higkeit den Beweis darüber zu führen, dass nur ein Gott sei und dass es nicht zwei Wesen geben k?nne, deren Existenz notwendig und ohne Ursache sei;
  6. Widerlegung ihrer Lehre, Gott habe keine Eigenschaften, wie etwa Allwissen und Allmacht;
  7. Widerlegung ihrer Aussage, dass es nicht m?glich sei, dass der Erste mit einem Anderen an einem Genus teilhabe, und er sich von ihm im Hinblick auf die Spezies unterscheide;
    Die Punkte 6 und 7 zielen auf den neuplatonischen Begriff des Einen, über das nichts ausgesagt werden kann.
  8. Widerlegung ihrer Aussage, dass der Erste einfach (ohne Eigenschaften) existiere, d. h. dass er reine Existenz sei;
  9. Er?rterung ihrer Unf?higkeit den Beweis zu erbringen, dass der Erste unk?rperlich sei;
  10. Er?rterung ihrer Unf?higkeit den Beweis zu führen, dass die Welt einen Sch?pfer und eine Ursache habe;
  11. Darlegung der Unf?higkeit derjenigen unter ihnen (der Philosophen), die der Ansicht sind, der Erste kenne zwar anderes ausser sich selbst, aber nur Gattungen und Arten im universellen Sinne;
    Zielt auf das Problem der Pr?destination
  12. über ihre Unf?higkeit den Beweis zu führen, dass Er auch sich selbst kenne;
  13. Widerlegung ihrer Aussage, dass Gott – erhaben sei Er – keine singularia kenne;
  14. über ihre Unf?higkeit den Beweis zu erbringen, dass der Himmel ein Lebewesen sei, das Gott in freiwilliger Bewegung gehorche;
  15. Widerlegung ihrer Aussage, dass es für die Himmelsbewegung einen Zweck gebe;
  16. Widerlegung ihrer Aussage, dass die Seelen der Himmel um alle in dieser Welt geschehenden singularia wüssten;
  17. Die Verknüpfung zwischen dem, was man gew?hnlicherweise als Ursache bezeichnet und dem, was man für die Wirkung h?lt, ist für uns nicht notwendig;
    Aufbau des Kapitels:
    • Prolog: Exposition des Themas
    • I. Die erste Stufe (maqám) der Erkenntnis
      Die Kausalit?t liegt bei Gott
    • II. Die zweite Stufe der Erkenntnis
      Die h?here Ursache wirkt durch Emanation auf die niedere Ursache je nach Disposition des Substrates
      1. Der erste Weg
        Occasionalismus: Gott kann unter Umgehung der causa secunda direkt etwas herstellen. Auswirkung auf die Erkenntnistheorie: Erkenntnis, weil Gott die Korrelation zwischen Wissen und der Wirklichkeit herstellt (kein genius malignus wie bei Descartes diskutiert)
      2. Der zweite Weg
        Kontingenz und M?glichkeit von Wundern. Eigentlich eine rationale Erkl?rung für Wunder, da Gott wirken kann, wie er will (‘Wunder’ nur aus Sicht der Menschen)
    • III. Die dritte Stufe der Erkenntnis
      Die Grenzen der Allmacht Gottes: Der Satz vom Widerspruch, Implikationsverh?ltnisse (Spezielles erm?glichen was im Allgemeinen nicht vorhanden ist), physikalische Verh?ltnisse (keine Wandlung der Akzidenzien bei gleichem Substrat)
  18. Die Untauglichkeit rationaler Beweisführung darüber, dass die menschliche Seele als geistige Substanz in sich selbst existiere, keinen Sitz im K?rper habe und weder selbst K?rper noch einem K?rper eingepr?gt sei und weder mit einem K?rper in Verbindung stehe noch von ihm getrennt sei;
  19. Widerlegung ihrer Aussage, dass die menschlichen Seelen nicht vergehen k?nnten, nachdem sie einmal existierten, und dass sie ewig seien und ihre Verg?nglichkeit unvorstellbar sei;
  20. Beweisführung, dass sie (die Philosophen) zu Unrecht die Auferstehung der menschlichen K?rper, die Rückkehr der Seelen in die K?rper, die materielle Existenz der H?lle, des Paradieses, der Paradiesjungfrauen und alles andere leugneten, was den Menschen im Jenseits versprochen ist.

Al- Ghazal? richtet sich nicht allgemein gegen die Philosophie, sondern macht sich einerseits daran, die neuplatonischen Theorien der anderen moslemischen Philosophen zu widerlegen. Diese widersetzten sich den religi?sen Lehren von der Sch?pfung, der Unsterblichkeit der Seele und der g?ttlichen Vorsehung (Thesen 1, 13 und 20 bedeuten ‘Unglaube’). Immer wenn er den Ausdruck ‘Widerlegung’ gebraucht, setzt er sich von den Philosophen ab (—> H?resie).
Andererseits kritisiert er deren Argumentation: Wenn er Dinge wie ‘Unf?higkeit’ anführt, ist er mit den Philosophen einer Meinung, ?rgert sich aber über deren Beweisführung (—> Methodik). Das heisst, in mindestens 8 Punkten teilt er die Thesen der Philosophen und hebt sich damit auch nicht in seinem bedeutendsten Werk von der Philosophie ab. Al- Ghazal? tr?gt im Gegenteil dazu bei, dass sich die Philosophie ihres – zu der Zeit etwas dogmatischen – Standpunktes bewusst wird. Es ist die Einsicht, dass man mit der menschlichen Vernunft nicht alles erkennen kann.

In seinen Widerlegungen hat al- Ghazal? mit zwei islamischen Traditionen umzugehen:

  1. Der Aufbau der WeltDie Frage danach, was ein Seiendes ist. Die Theologen behaupten, jedes Ding, das geschaffen ist, muss entweder etwas K?rperliches oder ein Akzidenz sein. K?rperliches besteht aus Atomen. Akzidenzien k?nnen nicht für sich existieren, sondern bedarfen eines Substrates —> Die Theologie war stark physikalisch interessiert (Weltmodell) —> Metaphysik.
  2. Die Dauer von SeiendemSeiendes existiert so lange, wie Gott ihm das Akzidens ‘Dauer’ gibt. ‘Dauer’ ist nicht stabil, sondern muss in jedem Moment von Gott erhalten werden (atomistisches Zeitmodell, welches von der anerkannten aristotelischen Definition abweicht).

Diese Punkte wirken sich auf die Kausalit?t aus: Ein Seiendes kann nichts bewirken, sondern nur Gott, welcher alles zentral steuert. Gott hat sich nicht an die physikalischen Gesetze zu halten, sondern tut es, weil er es so will; die Gewohnheit Gottes sorgt dafür, dass die Ereignisse stabil ablaufen. Naturwissenschaft beschreibt also die Gewohnheit Gottes. An Stelle eines kausalen Gesetzes ist Gott getreten, d. h. die Kausalit?t geht vom Sch?pfer aus.
In der europ?ischen Philosophiegeschichte hat man das sp?ter Occasionalismus genannt, weil Gott bei Gelegenheit eines Ereignisses etwas bestimmtes unternimmt. Diese Theorie hat bis ins europ?ische 17. Jahrhundert gewirkt:

  • Moses Maimonides
  • Thomas von Aquin: “Loquentes in lege Maurorum”. Thomas argumentiert dagegen
  • Malebranche reagiert im 17. Jahrhundert auf den Descart’schen Leib/ Seele- Dualismus (Problem der mentalen Verursachung) mit der These der islamischen Theologen: Gott Verursacht beides

Die Verknüpfung aus Kapitel 17 kommt also zustande, weil Gott diese nach seiner Festlegung erschafft. Geschaffenes ist Kontingentes – die Dinge k?nnten auch anders sein und sind deshalb zu hinterfragen. Diese Kontingenz steht damit gegenüber der aristotelischen Notwendigkeit in der Kausallehre.

Die philosophische Wirkung al- Ghazal?s war nicht so gross, da der Text “Die Inkoh?renz der Philosophen” sehr kompliziert ist und wohl nicht in seiner Ganzheit verstanden wurde. Mit dem Erfolg des theologisch einflussreichen al- Ghazal? enden die rationalistischen Bestrebungen im Osten Arabiens. Im islamischen Spanien blühte die arabische Philosophie für kurze Zeit noch einmal auf. Das 12. Jahrhundert bedeutet für die islamische Philosophie ein Scheideweg. Drei Modelle stehen zur Verfügung:

  • Altes Modell: al -Farab?
    Dieser orientiert sich stark an Aristoteles und ist deshalb sperrig zum Islam
  • Avicenna
    Avicenna orientiert sich ebenfalls an Aristoteles und macht starke Konzessionen an den Islam
  • Al- Ghazal?
    Brachte die Philosophie ins Wanken mit dem Zugest?ndnis, dass man Teile davon dringend brauche (zum Beispiel die Logik)

Der Schauplatz hat sich vom Iran/ Irak nach Spanien verlegt. In Spanien gab es zuvor nur jüdische Philosophen. Die ersten islamischen Philosophen waren:

  • Ibn Masarra (bis 931)
    Was vor 1970 über Ibn Masarra geschrieben wurde, kann man als falsch deklarieren. Man weiss nicht viel von ihm. Es gibt jedoch zwei bekannte Thesen:
    1. Es gibt nach Ibn Masarra zwei Formen des Wissens in Gott: Das Wissen über die ewige geistige Welt und das zeitliche Wissen über die sinnliche Welt. Daraus abgeleitet wird die Lehre des freien Willens. Da der Mensch frei ist, kann auch Gott nicht vorher wissen, was er tun wird. Hier besteht ein Spannungsfeld zwischen der Allmacht Gottes und dem freien Willen des Menschen.
    2. Gottes Macht ist Gottes Thron. Es ist diese Macht, welche die Welt regiert. Gottes Wesen bleibt dabei unberührt und hat keinen Kontakt zur Welt. Das vorher erw?hnte Spannungsfeld soll damit aufgehoben werden, wirkt also wie ein bewusster Verzicht Gottes auf die Vorsehung.
  • Ibn Hazm (bis 1064)
    Im Anschluss an Avicenna versuchte Ibn Hazm die Logik zur Koranauslegung zu nutzen. Er lehrte, dass die Offenbarung unabh?ngig von einer besonderen Sprache (und also das Arabische nicht notwendig die Sprache der Offenbarung) sei.
  • Ibn al- ‘Arab?

2. Ibn Bagga (Avempace, um 1095 – 1138)

Trotz seiner vielf?ltigen Leistungen und Einflüsse ist von seinem Leben wenig bekannt. Er wurde am Ende des 11. Jahrhunderts in Zaragoza geboren. Zu dem Zeitpunkt herrschten die muslimischen Hudiden in Spanien. Im Alter von 20 Jahren begann er seine politische Karriere. Unter den muslimischen Berbern, den Almorassiden, die Zaragoza im Jahre 1110 von den Hudiden eroberten, wurde er zweimal Wesir. Zweimal kam er auch ins Gef?ngnis, zuerst wegen Verrats und sp?ter wegen Ketzerei. Nachdem seine Heimatstadt Zaragoza im Jahre 1118 von den Christen erobert wurde, ging er erstmals nach Sevilla und Granada und dann ins Exil. Er starb verh?ltnism?ssig jung in Fes (Nordafrika) im Jahre 1139.

Avempace war der erste bedeutende Philosoph des islamischen Spanien. Sowohl Ibn Khaldun wie auch Moses Maimonides verglichen ihn mit Averroes, al -Farab? und Avicenna. Avempace bezieht sich direkt auf Aristoteles, was vor ihm noch kein Spanier gemacht hat. Sein Kommentar zur “Physik” ist nicht ins Lateinische übersetzt worden, aber Averroes wurde übersetzt und dieser hat viel aus Avempaces Kommentar zitiert. Ebenso verfasste er Kommentare zur “Logik”, eine “Opera metaphysica” und ein Buch über die Seele, in welchem er sich an Aristoteles orientiert. Seine drei Hauptwerke sind:

  • “Abschiedsbrief”
  • “Abhandlung über die Einheit von Geist und Mensch”
  • “Weisung für den Einsamen”

In allen drei Werken vertritt er die Ansicht, dass des Menschen h?chstes Lebensziel und Glückseligkeit in dem ‘Kontakt’ (d. h. der Einheit) zwischen Seele und dem aktiven Intellekt begründet ist (al -Farab?s 10 Intellekte stecken dahinter). Den aktiven Intellekt versteht Avempace als Ausstrahlung des Ersten Bewegers. Er ist das h?chste g?ttliche Wesen, das sich der Mensch vorstellen kann. Diese F?higkeit bleibt nur einigen Auserw?hlten, zum Beispiel den Philosophen, vorbehalten. Der g?ttliche ‘Kontakt’ ist nur aufgrund einer geistigen Entwicklung m?glich, wobei eine Hierarchie geistiger Stadien durchlaufen werden muss, die von der materiellen Welt zum rein Geistigen aufsteigt. Ein System dieser Art ist zum grossen Teil dem Neuplatonismus verhaftet, wobei es nicht so sehr religi?se Betrachtungen einbezieht als vielmehr reine Philosophie und Logik. Avempaces Begriff des g?ttlichen ‘Kontakts’ stand in krassem Gegensatz zu dem, was die muslimischen Zeitgenossen – mit Ausnahme der muslimischen Mystiker, der Sufi – unter g?ttlicher Einheit verstanden, n?mlich ein Stadium, das in einem Menschenleben unerreichbar ist.

In “Weisung für den Einsamen” werden, in der Tradition von al -Farab? und Platon, die Bedingungen behandelt, die ein tugendhafter Mensch (oder der wahre Philosoph) erfüllen muss, um sein volles Potential auszusch?pfen. Ein solcher Schritt ist entweder das Agieren in einem korrupten Staat als “unbequemes Unkraut” (wie Sokrates) oder der Rückzug in eine Welt der Einsamkeit und des Nachdenkens, damit man nicht ins Verderben gezogen wird. Politik ist also bei Avempace nur noch ein Ideal in einem idealen Staat.

Neben seinen philosophischen Beitr?gen komponierte Avempace Volkslieder und Verse und widmete sich auch mit Leidenschaft dem Studium der Mathematik, Astronomie und Botanik.

3. Ibn Tufail (Abubacer, 1105 – 1185)

Ibn Tufail vertritt die selbe Reserve des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft wie Avempace. Ibn Tufail war Staatssekret?r bei den Almohaden. Deren Herrscher Abu Yusuf wünschte Kommentare zu Aristoteles und vergibt den Auftrag Tufail. Dieser organisiert den jungen Averroes, welcher diese Kommentare verfasst.

Literarisch bedeutsam ist der Arzt Ibn Tufail durch seine Erz?hlung “Der lebt und der Sohn des Wachsamen ist” (gemeint ist der aktive Intellekt). Es ist die Geschichte von einem auf einer einsamen Insel ausgesetzten Waisenkind, das autodidaktisch in empirisch- induktiver Methode das Studium der Natur (Botanik, Mineralogie) beginnt, dann durch einen Wesir von der Nachbarinsel mit den Lehren des Propheten bekannt wird und schliesslich auf eine bewohnte Insel übersiedelt, um dort sein Wissen zu verkünden. Er versucht zu ermitteln, was ein Kaspar Hauser erlebt – was das Lebensprinzip ist – und endet bei der Seele.

Dass die Erkenntnis mit dem Verstand zu finden sei, ist nicht das Problem der Philosophie, sondern dasjenige der Theologie: Man hat in der islamischen Theologie lange darüber gestritten ob es akzeptabel sei, dass man auch ohne Offenbarung zu Gott finden k?nne. Die beiden Schulen

  • Mu’tazila (pro) und
  • As’ariya (kontra)

nehmen in der Frage die Gegenpositionen ein. Ibn Tufail l?st den Konflikt zwischen al- Ghazal? und der Philosophie, indem er die Philosophie esoterisch deutet und sie auf diese Weise mit al- Ghazal? verbindet. Sein Buch ist also der Versuch, eine Linie herzustellen zwischen der Sufik und der Philosophie.

Die Wirkung Ibn Tufails ist speziell: In der islamischen Welt ist kaum eine Rezeption über sein eigenes philosophisches Werk vorhanden. In Europa wird das Werk erst in der Neuzeit entdeckt. Im Jahre 1671 erfolgt die übersetzung ins Lateinische, was eine Welle der Begeisterung und Rezeption ausl?st. Der Ausl?ser dieser Rezeption ist das Zeitalter, welches sich für die Vernunft interessiert und Spinoza, der die lateinische übersetzung 1671 liest und die holl?ndische übersetzung in Auftrag gibt. Es folgen weitere übertragungen ins Englische (1674) und Deutsche (1728). Aber der Blick der Rezeption legt sich nur auf das Thema der Vernunft fest. Auch die Literatur zieht nach: 1719 erscheint “Robinson Crusoe”.

4. Ibn Rushd (Averroes, 1126 – 1198)

Averroes gilt als einer der bedeutendsten islamischen Denker des Mittelalters. Darüber hinaus besass er hervorragende Kenntnisse in der Medizin, der malikitischen Rechtslehre und der Theologie. Er stammte aus dem spanischen Córdoba, wo sein Vater, ein Richter, ihn in muslimischem Recht unterwies. Hier studierte er auch Theologie, Philosophie und Mathematik bei Ibn Tufail; der islamische Arzt Avenzoar erschloss ihm das Gebiet der Medizin. 1169 wurde Averroes in Sevilla zum Richter ernannt, ab 1171 bekleidete er dasselbe Amt in Córdoba. Ab 1182 schliesslich diente er als Leibarzt des Kalifen von Marokko und des muslimisch besetzten Teils von Spanien, Abu Yaqub Yusuf.

In seinen Schriften r?umt Averroes der Vernunft den Vorzug vor dem Glauben ein. Diese Ansicht führte 1195 dazu, dass Abu Yusuf Yaqub al Mansur ihn verbannte. Erst kurz vor seinem Tod wurde er rehabilitiert. Ibn Rushd zufolge drücken sich metaphysische Wahrheiten entweder in den Lehren des Aristoteles und der sp?tantiken Neuplatoniker oder – aber im vereinfachenden und allegorischen Stil der biblischen Offenbarungen – durch die Religion aus. Zwar behauptet Averroes nicht, dass beide einander widersprechen müssen, doch legten einige christliche Denker seine Worte in diesem Sinne aus und polemisierten über eine doppelte Wahrheit. Auf jeden Fall enthielt er Sprengstoff: Eine Reihe pointierter Thesen widersprachen der Theologie des lateinischen Westens. So wies Averroes den Gedanken einer innerzeitlichen Sch?pfung der Welt zurück, da diese keinen Anfang habe. Gott ist die ?Erste Ursache”, der Unbewegte Beweger, der M?glichkeit zu Wirklichkeit werden l?sst. Die einzelne menschliche Seele geht aus der unsterblichen g?ttlichen hervor.

Averroes verfasste ausführliche Kommentare zur Gesamtheit der Aristotelischen Werke und zeigte erstmals im Detail, was es hiess, sich an Aristoteles zu orientieren. Diese Kommentare wurden ins Lateinische und Hebr?ische übersetzt und beeinflussten sowohl die christliche Scholastik und Philosophie des europ?ischen Mittelalters als auch die jüdischen Denker dieser Epoche. Sein bedeutendstes Werk tr?gt den Titel “Tahafut al-Tahafut” (arabisch: “Widerlegung der Widerlegung”) und richtet sich gegen das Werk von Al- Ghazal?, worin er die M?glichkeit von Wissenschaft verteidigt: Jedes Wissen enthalte allgemeine und notwendige Inhalte, und auch Al- Ghazal? habe seinen Versuch, alle metaphysische Gewissheit zu zerst?ren, für allgemein gültig und gewiss gehalten. Die geschichtliche Stellung des Averroes kann begriffen werden als Wiederherstellung des Wirklichkeitsgehalts eines streng begrifflichen Denkens, als Verteidigung einer wissenschaftlichen Metaphysik (gegen Al- Ghazal?) und als Unterscheidung des reinen Aristotelismus von Mischformen.

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Geschichte abendl?ndischer Philosophie: Ein sehr kurzer überblick

“Wer nicht von dreitausend Jahren
Sich weiss Rechenschaft zu geben,
Bleib im Dunkeln unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben.”
(Johann Wolfgang Goethe)

Inhaltsverzeichnis

Die Mythen

Ein Mythos ist eine G?ttererz?hlung, die das Leben und die Welt erkl?ren will. Indische, griechische und nordische Mythologie (indogermanischer Bereich) zeigen klare Ans?tze zu einer spekulativen Betrachtungsweise, bei der versucht wird, Einblick in den Weltverlauf zu gewinnen. Das mythische Weltbild sieht eine prek?re Machtbalance zwischen guten und b?sen Kr?ften. Durch religi?se Handlungen und Rituale konnten die Menschen selber am Kampf gegen das B?se teilnehmen. Opfer dienten zur St?rkung der guten G?tter, damit diese das Chaos besiegen konnten.

Ca. 700 v. Chr. schrieben Homer und Hesiod grosse Teile des griechischen Mythenschatzes auf. Jetzt konnte man darüber richtig diskutieren. Hier nahm die Philosophie ihren Anfang, indem sie Kritik an der G?tterlehre übte. Ca. 570 v. Chr. kritisiert Xenophanes, dass die Menschen die G?tter nach ihrem eigenen Bild erschaffen h?tten.

Um diese Zeit entstanden in den Kolonien Stadtstaaten, mit ihnen kamen Handel und Reichtum. Die freien Bürger konnten sich der Politik und Kultur widmen. Mehr Denkfreiheit (die Leute waren nicht mehr von Wind und Wetter abh?ngig). Es fand eine Entwicklung statt von einer mythischen Denkweise hin zu einem Denken, dass auf Erfahrung und Vernunft aufbaute. Ziel: Natürliche Erkl?rungen für Naturprozesse zu finden.

Die Naturphilosophen

Die Philosophie befreite sich von der Religion; die Naturphilosophen unternahmen erste Schritte in Richtung einer wissenschaftlichen Denkweise. Dies war der Anstoss zur sp?teren Naturwissenschaft.

Die Naturphilosophen gingen davon aus, dass es etwas schon immer gegeben hatte. Die Entstehung der Dinge war nicht die Frage, sondern die Ver?nderung. Sie dachten, dass ein bestimmter Urstoff hinter allen Ver?nderungen steckt. Doch wie h?ngen die Ver?nderungen der Natur mit dem Urstoff zusammen?

Drei Philosophen aus Milet

Anaximenes (570 – 526): Die Luft (Lufthauch) ist der Urstoff. Wasser ist verdichtete Luft, Feuer ist verdünnte Luft.
Thales (ca. 585 v. Chr.): Wasser ist der Urstoff, der Ursprung aller Dinge. Alles ist ?voll von G?ttern“, d. h. eventuell: Alles ist voller winziger Lebenskeime.
Anaximander: Unsere Welt ist eine aus vielen, die wieder vergehen und aufgehen in das “Grenzenlose” (das Unendliche).

Die Eleaten (Kolonie Elea in Süditalien)

Befassten sich mit dem Problem der Ver?nderung. Der Bekannteste unter ihnen war Parmenides (ca. 540 – 480). Seine Behauptung: Aus nichts kann nicht etwas werden. Und nichts, was existiert, kann zu nichts werden. Es sind überhaupt keine wirklichen Ver?nderungen m?glich. Nichts kann etwas anderes werden als das, was es ist. Da sich die Dinge aber offensichtlich ver?ndern, setzt er den Verstand über die Sinne und traut nur seiner Vernunft. Wir haben hier offensichtlich einen ersten Vertreter des Rationalismus.

Heraklit (ca. 540 – 480) aus Ephesos: ?Alles fliesst“, deshalb k?nnen wir ?nicht zweimal in denselben Fluss steigen“, denn ich selbst sowie der Fluss haben sich ge?ndert (der Gegensatz zu Parmenides). Sowohl Gut als auch B?se haben einen notwendigen Platz in der Ganzheit. Ohne B?ses kein Gut. ?Gott (logos) ist Tag und Nacht, Winter und Sommer, Krieg und Frieden, S?ttigung und Hunger“. Ohne das dauernde Spiel zwischen Gegens?tzen würde die Welt aufh?ren.

Empedokles (ca. 494 – 434) l?st die Spannung auf: Es gibt nicht nur einen Grundstoff, sondern vier (Erde, Luft, Feuer, Wasser). Ver?nderungen in der Natur ergeben sich durch Mischen dieser Grundstoffe. Grundstoffe ver?ndern sich aber nicht. Zwei Kr?fte wirken: Liebe und Streit. Liebe verbindet, Streit l?st.

Anaxagoras (500 – 428): Die Natur ist aus vielen winzigsten Teilchen zusammengesetzt, und in jedem steckt etwas von allem (Keime). Dazwischen wirkt eine Kraft, die Ordnung und die Dinge schafft (Geist).

Demokrit (ca. 460 – 370) aus Abdera: Atome, die Unteilbaren Grundsteine, die ewig halten. Es gibt unendlich viele Atome, sie sind fest und massiv, von verschiedener Morphologie, mit Haken und ?sen. Das einzige was es gibt, sind Atome und leerer Raum. Alles folgt den unwandelbaren Naturgesetzen . Es gibt auch Seelenatome und deshalb keine unsterbliche Seele. Wir haben hier einen Vertreter des Materialismus.

übersicht: Luft, Wasser, Feuer, Erde

Mileten Projekt: Der Urstoff
Anaximenes Luft
Thales Wasser
Anaximander das “Grenzenlose”
Eleaten Projekt: Die Ver?nderung
Parmenides Keine Ver?nderung
Heraklit Feuer
Empedokles Luft, Wasser,Feuer, Erde

Der Aufstieg Athens

Um etwa 450 v. Chr. wurde Athen zum kulturellen Zentrum der griechischen Welt. Es entwickelte sich eine Demokratie mit Volksversammlungen und Gerichten. In diesen politischen Prozessen wurde die Rhetorik verfeinert.

In Athen wurden viele Geschichten von Menschen erz?hlt, die von ihrem Schicksal eingeholt wurden. Ein bekanntes Beispiel ist die Trag?die K?nig ?dipus von Sophokles. Schicksalsgl?ubigkeit bedeutet den Glauben daran, dass im Voraus feststeht, was passieren wird (Vorsehung). Diese Auffassung finden wir in der ganzen Welt – sowohl heute als auch zu jedem anderen Zeitpunkt der Geschichte. In Delphi gab es zum Beispiel ein Orakel: Der Wahrsager versucht etwas zu deuten, was gar nicht zu deuten ist. Der Spruch “erkenne dich selbst” meint, dass kein Mensch seinem Schicksal entrinnen kann. Auch heute halten viele Menschen verschiedene Krankheiten für eine Strafe Gottes (AIDS) und demzufolge, dass eine kranker Mensch auf übernatürliche Weise geheilt werden kann. Man kann hier zwischen Fatalismus und Determinismus unterscheiden. Der Fatalismus ist der Glaube an die Vorherbestimmung. Die Zukunft bleibt dieselbe, ganz gleich, was man unternimmt oder wie sehr man sich dagegen str?ubt. Determinismus (auch kausaler Determinismus) meint, dass alle Ereignisse durch frühere Ereignisse verursacht wurden. Alle früheren Ereignisse bilden eine Kette, und alle zukünftigen Ereignisse werden Teil dieser Kette. Jedes Ereignis bestimmt das n?chste (Domino).

Die Sophisten

Die Sophisten (=“gelehrte Person”) verdienten ihr Geld damit, Bürger der Stadt zu unterrichten. Sie waren Skeptiker und lehnten alles ab, was sie für unn?tige philosophische Spekulation hielten. Die Sophisten reisten viel umher und behaupteten, es gebe keine absoluten Normen für Recht und Unrecht.

Protagoras (ca. 487 – 420) behauptete, der Mensch sei das Mass aller Dinge. Denn: ?Von den G?ttern vermag ich nichts festzustellen … denn vieles hindert ein Wissen hierüber: Die Dunkelheit der Sache und die Kürze des menschlichen Lebens.“ Voilà, ein erster Agnostiker.

Sokrates

Sokrates (470 -399) gab gern vor, nichts zu wissen und stellte vor allem zu Anfang eines Gespr?chs nur Fragen. Im Laufe der Diskussion brachte er dann oft den andern dazu, die Schw?chen seiner überlegungen einzusehen. Gerade dadurch, dass er den Unwissenden spielte, zwang er die Menschen dazu, ihre Vernunft anzuwenden (sokratische Ironie). Im Gegensatz zu den Sophisten glaubte er, die F?higkeit zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden, liege in der Vernunft und nicht in der Gesellschaft. Es gibt also ewige Regeln und Normen für das menschliche Handeln. Er war ein ausgepr?gter Rationalist. Richtige Erkenntnis führt zu richtigem Handeln.

Er nannte sich Philosoph (Liebhaber der Weisheit) und nicht wie die Sophisten eine weise Person. ?Ich weiss, dass ich nichts weiss“ – aber einer, der nicht nachgibt, der unermüdlich versucht, Wissen zu erlangen. Die sokratische Definition von Philosophie ist folgende: Man kann sich mit Philosophie auf falsche und auf richtige Art befassen. Die falsche (sophistische) Art w?hlt den Intellekt als Diener der niedrigeren Seelenteile (Aggression, Lust). Die richtige (sokratische) Art ist das Sterben und Totsein im Sinne von Herrschaft der Seele über den Leib. Dies wird verstanden als ?usserste Unabh?ngigkeit, veranschaulicht durch das Bild des Todes (im Phaidon).

Platon

Platon (427 – 347) war 29 Jahre alt, als Sokrates den Schierlingsbecher leerte. Gründete seine eigene Schule in einem Hain, der den Namen des Sagenhelden Akademos trug, die Akademie. Als erstes ver?ffentlichte er Sokrates’ Verteidigungsrede vor dem Gerichtshof.

Platons Ideen: Alles in der Natur fliesst, auch die Grundstoffe gehen in Aufl?sung über. Aber dahinter steht eine zeitlose Form, eine Idee (ein Bild), die ewig und unver?nderlich ist. (Die Vorsokratiker lieferten keine Erkl?rung dafür, wie die kleinsten Teilchen immer wieder z.B. zu einem Pferd werden). Er glaubte an eine eigene Wirklichkeit hinter der Sinnenwelt. Wir nennen eine solche Zweiteilung der Wirklichkeit Dualismus. Von der Sinnenwelt kann man nie sicheres Wissen haben, nur eine unsichere Meinung, weil sie sich st?ndig ver?ndert (vgl. auch Heisenbergsche Unsch?rferelation). Sicheres Wissen kann man nur von demjenigen haben, das man mit der Vernunft erkennt (Mathematik, Bsp. idealer Kreis). Die Seele existiert schon in der Ideenwelt, bevor sie sich im K?rper niederl?sst. Ein Mensch erinnert sich deshalb noch vage an die Ideenwelt. Seine Seele hat eine Sehnsucht (Eros), wieder in ihre vollkommene Ideenwelt zu gelangen. Was man in der Natur sieht, sind nur Reflexe dessen, was in der Ideenwelt existiert (H?hlengleichnis in der Politeia).

Platon hatte für seine Zeit ein sehr positives Frauenbild, pl?dierte für Besitzlosigkeit der Herrscher des Staates – welche die Philosophen sein sollten – und seinen W?chtern. Ausserdem fand er die Kindererziehung viel zu wichtig, um sie den Familien zu überlassen.

Aristoteles

Aristoteles (384 – 322) war zwanzig Jahre lang Schüler an Platons Akademie. Er wollte in den Begriffen aufr?umen. Die lebendige Natur (Naturprozesse) interessierte ihn am meisten. Aristoteles beschrieb eine aufsteigende Skala des Lebens von Pflanzen und Tieren bis zum Menschen. Er war Europas erster grosser Biologe (systematische Nomenklatur) und begründete die Logik als Wissenschaft . Platon hat seinen Verstand benutzt, Aristoteles dagegen auch seine Sinne. Aristoteles übte Kritik an Platons Ideenlehre indem er sagte, Platon habe alles auf den Kopf gestellt. Die Idee existiere erst nach der Erfahrung, die wir machen (die Eigenschaften der Dinge). Die Idee sei somit auch nicht trennbar von den Dingen. Was in der Seele des Menschen liege, sind nur Reflexe der Gegenst?nde der Natur. Der Mensch hat zwar eine angeborene Vernunft, aber keine angeborenen ?Ideen“. Die Wirklichkeit ist eine Einheit aus Form (Eigenschaften) und Stoff (Material). Im Stoff liegt immer die M?glichkeit, eine bestimmte Form zu erlangen. Jede Ver?nderung in der Natur ist demzufolge eine Umformung des Stoffes von der M?glichkeit zur Wirklichkeit. Aristoteles ging auch bei unbelebten Dingen und Prozessen von einer Zweckursache (Absicht) aus. Die Natur teilte er ein in eine zweidimensionale Trittleiter. An oberster Stelle steht Gott, der alle Bewegungen in Gang gesetzt hat.

Ethik: Da des Menschen Form sowohl eine Pflanzen-, Tier- und Vernunftseele sei, gebe es auch drei Formen des Glücks: Lust und Vergnügungen, das Leben als freier Bürger, der Forscher und Philosoph. Alle drei Formen geh?ren zusammen, damit der Mensch ein glückliches Leben führen kann. Er lehnte jede Form von Einseitigkeit ab (Gleichgewicht und M?ssigung). Sein Frauenbild war leider nicht so positiv. Die Frau sei ein unvollst?ndiger Mann, passiv, nur empfangend (Vorstellung des Homunculus). Dies ist bedauerlich, weil Aristoteles’ Frauenbild zur vorherrschenden Meinung des Mittelalters wurde.

Interessant ist Aristoteles’ Konzept der vier Kausalit?ten: Erkl?ren heisst soviel wie Ursachen aufzeigen. Der Begriff “Ursache” ist vieldeutig. Wenn jemand sagt, Voraussetzung für den Bau eines Hauses sei die Verfügbarkeit von Stein, Marmor, Holz und Glas gewesen, so nennt Aristoteles das die Stoffursache (causa materialis). Erst die Anstrengung der Bauarbeiter kann den Aufbau des Hauses verwirklichen. Diese Kr?fte nennt er die Wirkursache (causa efficiens). Der Bauplan ist die Formursache (causa formalis) und die letzte Ursache dafür, dass überhaupt ein Haus geplant wurde, liegt darin, dass es zu bestimmten Zwecken taugt – die Zweckursache (causa finalis). Auch heute wird dieser Ansatz in der naturwissenschaftlichen Diskussion verwendet.

Hellenismus und Sp?tantike

Durch seine vielen Feldzüge verbindet Alexander der Grosse (356 – 323) ?gypten und den ganzen Orient bis hin nach Indien mit der griechischen Zivilisation zu einer internationalen Gemeinschaft (Makedonien, Syrien und ?gypten). Es erfolgt eine Vermischung der religi?sen (Synkretismus), philosophischen und wissenschaftlichen Vorstellungen. Athen bleibt Hauptstadt der Philosophie, w?hrend Alexandria mit seiner riesigen Bibliothek zur Metropole der Wissenschaft wird. Nachdem immer mehr Grenzen und Trennlinien verwischt wurden, empfinden viele Zweifel und Unsicherheit auf ihre Lebenssicht. Die Sp?tantike ist dann auch gepr?gt von religi?sen Zweifeln, kultureller Aufl?sung und Pessimismus (?Die Welt ist alt“). Die Ethik wird zum wichtigsten philosophischen Projekt.

Die Kyniker

Um 400 v. Chr. von Antisthenes begründet. Er war Schüler von Sokrates. Die Kyniker betonten, dass wirkliches Glück bedeute, sich nicht von zuf?lligen und verg?nglichen Dingen abh?ngig zu machen. Ausserdem brauche sich
ein Mensch keine Sorgen um Gesundheit, Leiden und Tod zu machen. Auch soll ihn nicht das Leiden anderer bekümmern. Zynismus meint heute aber nur noch den Aspekt der Gefühllosigkeit gegenüber dem Leiden anderer Menschen. Der bekannteste Kyniker war Diogenes in der Tonne.

Die Stoiker

Ihr Begründer war Zenon um etwa 300 v. Chr., der seine Zuh?rer in einem S?ulengang versammelte (=stoa). Wie Heraklit dachten sie, dass alle Menschen an derselben Weltvernunft (logos) teilhaben und jeder Mensch ein Mikrokosmos sei, der den Makrokosmos widerspiegelt. Das führt zum Gedanken an ein allgemeingültiges Recht, dem Naturrecht. Das Naturrecht gründet auf der zeitlosen Vernunft der Menschen und des Universums und ist deshalb unver?nderlich. Hier stehen die Stoiker also mit Sokrates gegen die Sophisten. das Naturrecht gelte für alle Menschen. So wie es keinen Unterschied zwischen dem einzelnen Menschen und dem Universum gibt, besteht auch kein Gegensatz zwischen Geist und Stoff. Wir nennen diesen Gedanken Monismus. Alles folgt den unwandelbaren Prozessen der Natur, deshalb muss der Mensch lernen, sich mit seinem Schicksal zu vers?hnen. Nichts geschieht zuf?llig. Alles soll der Mensch mit gr?sster Ruhe hinnehmen. Hier sehen wir den Einfluss der Kyniker. Die Stoiker waren ausgesprochene Kosmopoliten, waren offen für die zeitgen?ssische Kultur und interessierten sich für Politik. Einige von ihnen waren bekannte Staatsm?nner wie Marc Aurel (121 – 180). Besonders der Rhetoriker, Philosoph und Politiker Cicero (106 – 43 v. Chr.) trug dazu bei, griechische Kultur und Philosophie in Rom zu verbreiten und pr?gte den Begriff des Humanismus. Humanismus steht für eine Weltanschauung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Seneca (4 v. Chr. – 65 n. Chr.) schrieb, der Mensch sei dem Menschen heilig, was der Nachwelt zu einem Schlagwort des Humanismus wurde.

Die Epikureer

Aristippos war auch Schüler des Sokrates. Er hielt es für das Ziel des Lebens, soviel sinnlichen Genuss wie m?glich zu erlangen. Das h?chste Gut ist die Lust, das gr?sste übel der Schmerz. Deshalb wollte er eine Lebenskunst entwickeln, die jeder Form von Schmerzen ausweicht.

Epikur (341 – 270) gründete um etwa 300 v. Chr. in Athen eine Schule, angeblich in einem Garten (?Gartenphilosophen“). Er entwickelte Aristippos Lustethik weiter und kombinierte sie mit Demokrits Atomlehre (Seelenatome). Das lustvolle Ergebnis einer Handlung muss immer von ihrer Auswirkung her beurteilt werden. Ein kurzfristig lustvolles Resultat soll man auch mit einer intensiveren Lust auf l?ngere Sicht vergleichen. Ausserdem ist Lust nicht unbedingt dasselbe wie sinnlicher Genuss. Voraussetzung für den Genuss des Lebens sind Selbstbeherrschung, M?ssigkeit und Gemütsruhe. Epikurs Garten war eine Art Wohngemeinschaft, ein Nothafen für viele Menschen mit religi?sen ?ngsten. Der Mensch brauche sich keine Sorgen über den Tod zu machen. Solange man ist, ist der Tod nicht da, und sobald er da ist, ist man nicht mehr. Die G?tter brauche man nicht zu fürchten. über den Tod brauche man sich keine Sorgen zu machen. Das Gute sei leicht zu erlangen, das Furchtbare leicht zu ertragen.

?Das angeblich schaurigste aller übel also, der Tod, hat für uns keine Bedeutung; denn solange wir noch da sind, ist der Tod nicht da; stellt sich aber der Tod ein, so sind wir nicht mehr da. Er hat also weder für die Lebenden Bedeutung noch für die Abgeschiedenen, denn auf jene bezieht er sich nicht, diese aber sind nicht mehr da.“

An diese Konzeption der Lust war das Christentum v?llig unf?hig anzuknüpfen. Der Epikureismus musste deshalb verdammt werden.

Das Christentum

Man kann sagen, dass die christliche Kirche am Ostermorgen mit den Gerüchten über Jesus’ Auferstehung einsetzte. Von nun an konnten die Menschen auf die ?Auferstehung des Fleisches“ und das ewige Leben hoffen. Achtung: Hier geht es nicht um die Unsterblichkeit der Seele. Das ist eine griechische (indogermanische) Vorstellung. Im Christentum gibt es nichts, was von sich aus unsterblich w?re. Das Christentum hat einen semitischen Hintergrund und wurde bei
seiner Ausformung von der hellenistischen Philosophie gepr?gt. Merkmale des semitischen Hintergrundes sind der Monotheismus, das lineare Geschichtsbild mit Gottes Handeln in der Geschichte, der Abgrund zwischen Gott und seiner Sch?pfung und die Betonung des H?rens von Gottes Wort (Gebet, Predigt, Schriftlektüre).

Jesus von Nazareth

Viele Menschen zu Jesus’ Zeit warteten auf einen Messias. Jesus unterschied sich dadurch von andern, die als Messias auftraten, indem er zugab, kein milit?rischer oder politischer Führer zu sein. Er verkündete eine Vernunftreligion, der die Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen das H?chste war. Er erkl?rte “Gottes Reich” als Liebe zu den Mitmenschen, Fürsorge für die Schwachen und Vergebung für alle, die gefehlt haben. Mit seinen strengen ethischen Forderungen in der Bergpredigt wollte er zeigen, dass kein Mensch vor Gott gerecht sein kann. Er sagte den Menschen, dass ihre Sünden vergeben sind. Dies auszusprechen war unerh?rt, weil in der jüdischen Vorstellung nur Gott Sünden vergeben konnte. Seine Verkündigung bedeutete eine Befreiung vom erstarrten Judentum. Es dauerte nicht lange, bis sich die Schriftgelehrten gegen Jesus erhoben. Seine Erl?sungsbotschaft bedrohte so viele Interessen und Machtpositionen, dass er wie Sokrates aus dem Weg ger?umt werden musste. Genau wie Sokrates oder Buddha hat auch Jesus selber nichts von seiner Lehre aufgeschrieben.

Paulus

Interessant ist, dass Paulus den Jesus nie getroffen, gesehen oder gekannt und trotzdem das Christentum wie kein anderer gepr?gt und beeinflusst hat. Dies nachhaltig und, wie ich meine, sehr zum Schaden einer ursprünglich akzeptablen Lehre. Wenige Jahre nach Jesus Tod wurde der Pharis?er Saulus zum Christentum bekehrt und nannte sich fortan Paulus. Er war von Anfang an ein Fanatiker, der seine offenbar als defizit?r empfundene Pers?nlichkeitsstruktur verlieren und in einer Gottheit aufgehen wollte. In seiner Bekehrung sehe ich absolut keinen Sinneswandel, nur einen Paradigmenwechsel. Aber vielleicht bin ich zu hart, denn ohne ihn k?nnten heute all die kranken und bedauernswerten Vereinigungen wie zum Beispiel Freie Evangelische Gemeinden nicht in ihren selbsterschaffenen, sozialen Ghettos dahinvegetieren. Hier m?chte ich meinen trüben Ausflug in die Religion beenden und mich wieder erfreulicheren Kapiteln zuwenden.

Der Neuplatonismus

Plotin (ca. 205 – 270) zog von Alexandria nach Rom und brachte eine Heilslehre mit, die dem Christentum ernsthafte Konkurrenz machte. Der Neuplatonismus orientiert sich vor allem an Platons Ideen. Plotin sieht die Welt zwischen zwei Polen eingespannt, auf der einen Seite steht g?ttliches Licht, auf der andern die absolute Finsternis (die im Grunde gar keine Existenz hat, sie ist nur Abwesenheit von dem ?Einen“). Das Licht des ?Einen“ (Gott) bestrahlt die Seele, w?hrend der Stoff die Finsternis ist, die keine eigentliche Existenz hat. Die Formen in der Natur haben einen schwachen Widerschein des ?Einen“. Im Gegensatz zu Platons Zweiteilung der Wirklichkeit (Substanzdualismus) pr?gt Plotins Gedankengang ein Ganzheitserlebnis. Alles ist eins, denn alles ist Gott.

Die Mystik

Ein mystisches Erlebnis bedeutet, sich in Einheit mit Gott oder der ?Weltseele“ zu erleben. Im Verschmelzen erlebt der Mystiker, dass er sich selber verliert: ?Als ich war, war Gott nicht. Jetzt ist Gott, und ich bin nicht mehr“. Das was der Mystiker verliert (sich selbst), erlebt er als unendlich viel geringer als das, was er gewinnt (das Weltall, die Weltseele). Wir finden in allen grossen Weltreligionen mystische Richtungen, die trotz aller kulturellen Unterschiede auff?llige ?hnlichkeiten aufweisen. Erst bei der Deutung der Erlebnisse macht sich der Unterschied bemerkbar. In Ermangelung der physischen Selbstt?ung entstand im christlichen Kontext ein interessantes Ph?nomen. Eine Art von Selbstt?tung, die man als mystische Selbstt?tung bezeichnen k?nnte: sich selbst und der Welt absterben, um schon in diesem Leben die Glückseligkeit des Jenseits zu erfahren.

Das Mittelalter

Um 313 wurde unter Konstantin das Christentum als Religion anerkannt, um 380 zur Staatsreligion des R?mischen Reiches. Im vierten Jahrhundert wurde Rom sowohl von aus dem Norden herandr?ngenden Volksst?mmen als auch innerer Aufl?sung bedroht. Im Jahre 330 verlegte Konstantin die Hauptstadt nach Konstantinopel, das er selbst an der Einfahrt zum Schwarzen Meer gegründet hatte. 395 wurde das R?mische Reich aufgeteilt; in das Ostr?mische Reich mit Konstantinopel (Byzanz) und in das Westr?mische Reich mit Rom als Zentren. Nordafrika und der Mittlere Osten entwickelten eine arabisch- moslemische
Kultur und übernahmen die alte hellenistische Stadt Alexandria. Das alte R?mische Reich wurde also in drei Teile geteilt. 476 ging der Westr?mische Staat zugrunde, das Ostr?mische Reich existierte bis 1453. Um 529 wurde Platons Akademie geschlossen und im selben Jahr der Benediktinerorden gegründet, der erste grosse M?nchsorden. Im Mittelalter bildete sich das Schulwesen aus mit seinen Klosterschulen, Domschulen und Universit?ten. Ausserdem die verschiedenen Nationen mit St?dten, Burgen, Volksmusik und Volksdichtung: Europa war keine r?mische Provinz mehr. Dass das Christentum die Wahrheit bedeute, nahmen die Philosophen des Mittelalters fast als gegeben hin. Trotzdem war die Philosophie im Mittelalter unheimlich vielf?ltig und vielschichtig. Zentrale philosophische Themen wurden einfach in einem christlichen Kontext diskutiert. Natürlich kam auch die Frage auf, ob man sich den christlichen Wahrheiten mit Vernunft n?hern kann, ob sich Glauben und Wissen vereinen lassen. Schon im Mittelalter war ausserordentlich aufkl?rerisches Gedankengut vorhanden. Unter Mittelalter versteht man eigentlich die Zeit, die zwischen zwei Epochen liegt. Dieser polemische Ausdruck kam in der Renaissance auf. Das Mittelalter dauerte etwa tausend Jahre. Offenbar brauchte es diese Zeit, bis das Christentum das Volk durchdringen konnte.

Augustinus

Augustinus (354 – 430) versuchte sich an vielen religi?sen Str?mungen, ehe er zum Christen wurde. Er besch?ftigte sich stark mit dem Problem des B?sen, wurde von stoischer Philosophie und vor allem vom Neuplatonismus gepr?gt. Ihm erschienen die Parallelen zwischen Platons Philosophie und dem Christentum so auffallend, dass er sich fragte, ob Platon Teile des Alten Testaments gekannt haben k?nnte (zweifelhaft). Man kann sagen, Augustinus war der neuplatonische Bischof. Seine Lehre: Ehe Gott die Welt erschuf, existierten die ?Ideen“ in Gottes Gedanken. Kein Mensch habe Gottes Erl?sung verdient, aber dennoch hat Gott einige auserw?hlt, die von der Verdammnis gerettet werden sollen. Dies stehe im voraus fest, der Mensch steht in Gottes Hand. Der sp?te Augustinus hat also ein fatalistisch- deterministisches Weltbild. Dennoch verneint er nicht, dass der Mensch einen freien Willen hat. Nur habe Gott schon vorausgesehen, wer gerettet wird und wer nicht. Das B?se bestehe in der Abwesenheit Gottes und entsteht durch den Ungehorsam der Menschen. Es gehe in der Geschichte darum, wie der Kampf zwischen dem Gottesstaat (Reich Gottes) und dem irdischen Staat in jedem Menschen ausgetragen wird. Gott brauche die Geschichte, um seinen
Gottesstaat zu errichten. Augustinus’ Gottesstaat wurde dann sp?ter der Kirche gleichgesetzt: ?Es gibt kein Heil ausserhalb der Kirche“.

Thomas von Aquin

Thomas von Aquin (1225 – 1274) war der wichtigste Philosoph des Hochmittelalters. Er hat Aristoteles auf die gleiche Art ?christianisiert“, wie Augustinus den Platon. D. h. sie wurden so gedeutet, dass sie nicht mehr als Bedrohung für die christliche Lehre betrachtet werden konnten. Die christlich- europ?ische Wiederentdeckung von Aristoteles schuf auch ein neues Interesse an naturwissenschaftlichen Fragestellungen. Thomas von Aquin hat die Synthese zwischen Glauben und Wissen, zwischen Philosophie und Christentum geschaffen. Es gibt für ihn eine Reihe natürlicher theologischer Wahrheiten, die auch durch die Vernunft erlangt werden k?nnen (Gottesbeweise). Thomas glaubte also an zwei Wege, die zu Gott führten. Der eine über Glauben und Offenbarung, der andere über Vernunft und Sinne. Wenn also Aristoteles etwas aufzeige, das man mit der Vernunft als richtig erkenne, dann widerspreche das auch nicht der christlichen Lehre. Es gibt also eine offenbare und eine natürliche Theologie. Genauso stehe es in der Moral. Der Mensch kann in der Bibel lesen, wie er nach Gottes Willen leben soll, oder auf sein Gewissen h?ren. Leider übernahm Thomas von Aquin auch Aristoteles Frauenbild. Die Frau war demnach eine Art unvollkommener Mann. Die Kinder erbten nur die Eigenschaften des Vaters, die Frau wurde als passiv und empfangend angesehen.

William von Ockham

Im Gegensatz zu den andern Philosophen des Mittelalters, die eher vom Rationalismus angetan waren, war William von Ockham (ca. 1280 – 1348) ein Empirist. William von Ockham interessierte sich mehr für Aristoteles‘ Erkenntnistheorie und naturwissenschaftlichen Werke als für dessen Logik, was für ihn nicht mehr als eine interessante Spielerei war. Er meinte, dass man Gottes Existenz eben nicht rational mit absoluter Sicherheit beweisen kann. Man müsse einfach an ihn glauben. Alles was existiert, gibt es nur als einzelnes Ding. Ideen existieren deshalb auch nur im Kopf von Menschen, nicht in einer Ideenwelt im Sinne Platons. Damit geh?rt William von Ockham zu denjenigen mittelalterlichen Philosophen, die
das moderne Denken vorbereiteten.

Die Renaissance

Nur wenige Jahre nach dem Tod Thomas von Aquins begannen sich Philosophie und Wissenschaft langsam von der Theologie zu befreien, was den Weg für die Renaissance und die Reformation bereitete. Immer mehr Denker betonten, dass man sich Gott nicht mit dem Verstand n?hern k?nne. Es ging also nicht mehr darum, das christliche Mysterium zu verstehen, sondern sich Gottes Willen zu unterwerfen.

Es gibt drei Erfindungen, die für die Renaissance von entscheidender Bedeutung waren: Kompass, Schwarzpulver und Buchdruckerkunst. Mit Hilfe des Kompass war Handel und damit engerer Kontakt zu den Arabern in Spanien und der byzantinischen Kultur im Osten angesagt. Auf diese Weise wurde das Wissen der griechischen Kultur wiederentdeckt, was zu einem erneuten Studium der klassischen Bildung führte. “Pferde werden geboren”, hiess es, “Menschen werden nicht geboren, sie werden gebildet”. Der Leitspruch der Renaissance lautete “ad fontes”, und die wichtigste Quelle war der Humanismus der Antike. ?hnlich wie in der Antike setzte ein übergang von der Naturalien- zur Finanzwirtschaft ein. Zusammen mit dem Pulver war die Renaissance auch die Zeit der Entdeckungsreisen und Eroberungen. Die Buchdruckerkunst half, die Gedanken des Renaissance- Humanismus zu verbreiten und die Kirche als Wissensmonopol zu stürzen.

Die Renaissance führte zu einem neuen Bild des Menschen: Die Humanisten nahmen den Ausgang vom Menschen selber, nicht mehr wie im Mittelalter von Gott. Der Mensch war nicht nur für Gott da, sondern auch um des Menschen willen. Viele glaubten, weil Gott unendlich sei muss er überall und damit auch in der Natur anwesend sein. Diese Auffassung wird als Pantheismus bezeichnet. Die Natur galt jetzt als positiv, und der Mensch konnte sie beeinflussen und beherrschen. Der Humanismus der Renaissance war stark vom Individualismus gepr?gt. Das Ideal war ein Mensch, der sich mit allen Bereichen des Lebens, der Kunst und der Wissenschaft befasst. Man hatte damals fast das Gefühl, dass die Welt neu erwacht sei; es begann eine einzigartige Blütezeit. In der Wissenschaft wurde die empirische Methode entwickelt, das geozentrische Weltbild des Mittelalters begann zu br?ckeln.

W?hrend der Renaissance florierte aber auch etwas, das man als Antihumanismus bezeichnen k?nnte: eine autorit?re Kirchen- und Staatsmacht als Reaktion auf deren Machtgerangel – ich m?chte hier auf die Konfessionalisierung hinweisen. Die Folge waren Hexenprozesse, Scheiterhaufen, blutige Religionskriege, Aberglauben und die brutale Eroberung Amerikas.

Die Philosophie der Renaissance, die mit Descartes ihren Anfang nahm, kann sich in Bezug auf Qualit?t und Wirkung nicht mit der mittelalterlichen oder modernen Philosophie messen. Die Renaissance- Philosophen besch?ftigten sich mit der Neubelebung der Ideen aus der Antike, vor allem jenen von Platon und der Stoiker. Die grossen Errungenschaften sind die neue wissenschaftliche Methode und der rasante Fortschritt auf technologischem Gebiet, die sich noch stark auf die folgenden Epochen auswirkten. Deshalb seien hier ausnahmsweise nicht Philosophen, sondern Naturwissenschafter erw?hnt:

Andreas Vesalius

Der fl?mische Arzt Andreas Vesalius ver?ffentlichte 1543 sein Werk “de humani corporis fabrica”. Im Mittelalter waren die Theorien des griechischen Arztes Galen vorherrschend. Vesalius betonte die Bedeutung des Sezierens und seine Anatomiestudien offenbarten zahlreiche Diskrepanzen zwischen Galens Lehren und seinen eigenen Beobachtungen.

Nikolaus Kopernikus

Nikolaus Kopernikus gab 1543 sein wissenschaftliches Werk “De revolutionibus orbium coelestium” heraus. Darin postulierte er seine revolution?re Theorie, dass die Erde sich um die Sonne bewege. Mit dieser heliozentrischen Weltsicht stellte Kopernikus das mittelalterliche Weltbild des Ptolem?us auf den Kopf. Die Auswirkungen gingen weit über die naturwissenschaftliche Bedeutung hinaus: Sie leugnete die traditionelle christliche Auffassung, wonach der Menschheit ein besonderer Platz in der Mitte des Universums und im Mittelpunkt der Sch?pfungsgeschichte gebührt. Diese Sicht wurde dann auch heftig von protestantischer und katholischer Seite abgelehnt und verfolgt.

Noch heute spricht man von einer kopernikanischen Wende, wenn das Weltbild eines Menschen durchgeschüttelt und tiefgreifend ver?ndert wird. In diesem Sinne gibt es nichts Besseres, was man jemandem wünschen kann.

Galileo Galilei

Galileo Galilei (1564 – 1642) konnte 1609 dank der Verbesserungen, die er am kürzlich erfundenen Teleskop vorgenommen hatte, zeigen, dass der Mond Gebirge aufweist und der Jupiter vier kleine Monde besitzt. Auch gelang es ihm mit Hilfe des Tr?gheitsprinzips zu zeigen, dass Aristoteles Lehre zur Bewegung und damit die Einw?nde gegen eine rotierende Erde falsch waren. Damit versetzte er den Gegnern des Kopernikus einen weiteren Schlag. An seinen Beobachtungen der Bewegung einer horizontal abgeschossenen Kanonenkugel
entdeckte Galilei das Spiel von sowohl horizontalen wie vertikalen Kr?ften.

Isaac Newton

Diese Experimente waren die Voraussetzung für Isaac Newtons Definition der drei Bewegungsgesetze und dem Gesetz der universellen Schwerkraft. Galilei verwarf Keplers Annahme, dass die Schwerkraft über grosse Entfernungen und zwischen Himmelsk?rpern wirksam sei. Erst mit Newton wurde akzeptiert, dass die Gravitationsgesetze für das gesamte Universum gelten.

Die Reformation

Die neu erworbene intellektuelle Freiheit führte dazu, dass Philosophie und Naturwissenschaften sich allm?hlich von der Theologie lossagten. Dadurch wurde auch die Kirche selbst kritisch betrachtet.

Martin Luther

Am Anfang des 16. Jahrhunderts sagte Martin Luther den korrupten Gepflogenheiten der Kirche den Kampf an. Er richtete sich gegen den Ablasshandel und forderte eine Rückkehr zum frühen Christentum des Neuen Testaments. Luther war der Ansicht, die Gl?ubigen br?uchten weder Kirche noch Geistliche als Vermittler, um Gottes Gnade zu empfangen: “Die Schrift allein”. Er übersetzte die Bibel ins Deutsche und schuf damit auch die Grundlage der hochdeutschen Schriftsprache. Jeder Mensch sollte die Bibel lesen k?nnen.
Obwohl für Luther der einzelne Mensch wichtig ist, so ist er doch kein Humanist. Seine Ansichten sind vollkommen im Mittelalter verhaftet. Er ist der Auffassung, dass der Mensch von Natur aus verdorben und Erl?sung nur durch den Glauben und Gottes Gnade m?glich sei.

Luther, Ulrich Zwingli und Jean Calvin brachen mit der katholischen Kirche, w?hrend gem?ssigte Denker wie Erasmus von Rotterdam eine Reform von innen anstrebten.

Das Barock

Das 17. Jahrhundert war gepr?gt von der Spannung zwischen einerseits lebensbejahender Weltsicht der Renaissance und andererseits Weltverneinung mit religi?ser Zurückgezogenheit. In der Kunst begegnet man üppigen, kontrastreichen Formen. Im Leben einer pomp?sen Lebensentfaltung (Eitelkeit), gleichzeitig Klosterbewegungen (Betonung der Verg?nglichkeit). Schlagw?rter:

  • “carpe diem” – Nutze den Tag!
  • “memento mori” – Bedenke, dass du sterben musst!
  • “To be, or not to be – that is the question”– An einem Tag wandeln wir auf Erden – am n?chsten sind wir verschwunden.

Ausserdem war das 17. Jahrhundert von enormen Klassenunterschieden gepr?gt. Beispiel ist der Adel von Versailles (Louis XIV) und die Armut des Volkes (jede Prachtentfaltung beruht auf Machtentfaltung). Das Theater war im Barock nicht nur Kunstform, es war ein Symbol für seine Zeit: “Das Leben ist ein Theater”.

Idealismus und Materialismus ziehen sich durch die gesamte Geschichte der Philosophie, aber nur selten treten sie gleichzeitig so deutlich hervor wie im Barock. Der Idealismus h?lt das Dasein für im Grunde geistiger Natur. Der Materialismus führt alle Ph?nomene auf konkrete stoffliche Gr?ssen zurück. Der Materialismus wurde durch die neue Naturwissenschaft st?ndig best?rkt. Newton lieferte die letzten Bausteine zum mechanistischen Weltbild.

Rationalistisches Denken war schon bei Sokrates und auch im Mittelalter stark vertreten, aber für die Philosophie des 17. Jahrhunderts recht typisch. Der Rationalist glaubt an die Vernunft als Quell des Wissens und oft auch an gewisse angeborene Ideen des Menschen, die unabh?ngig von jeglicher Erfahrung existieren. Je klarer eine solche Vorstellung ist, desto sicherer ihre Existenz. Die tonangebenden Rationalisten des 17. Jahrhunderts waren der Franzose Descartes, der Niederl?nder Spinoza und der Deutsche Leibniz. Im 18. Jahrhundert wurde der Rationalismus einer immer tiefer schürfenden Kritik ausgesetzt. Mehrere Philosophen vertraten den Standpunkt, dass der Mensch überhaupt keine Bewusstseinsinhalte haben kann, solange er noch keine sinnlichen Erfahrungen gemacht hat. Die wichtigsten Erfahrungsphilosophen waren Locke, Berkeley und Hume – alle drei Briten. Deswegen unterscheidet man gerne zwischen dem englischen Empirismus und dem kontinetalen Rationalismus.

Pierre Simon Laplace

Der franz?sische Mathematiker Pierre Simon Laplace (1749–1827) meinte, wenn einer Intelligenz die Position aller Stoffpartikel zu einem gewissen Zeitpunkt bekannt w?ren, dann w?re nichts unsicher – die Zukunft und die Vergangenheit würden ihr offen vor Augen liegen. Diese Ansicht ist heute der Chaostheorie gewichen, beide haben aber denselben materialistischen Grundgedanken. Laplaces Ansicht ist zus?tzlich deterministisch gepr?gt.

Thomas Hobbes

Die Menschen zu Thomas Hobbes’ (1588–1679) Zeiten waren fasziniert von Maschinen und Uhrwerken, die scheinbar automatisch funktionierten. Hobbes war als typischer Vertreter der mechanistischen Weltauffassung der Meinung, dass alles im Universum mechanischer Natur sei – auch der menschliche Geist. Heutzutage sind die Menschen fasziniert von Computern und viele teilen diese materialistisch- mechanistische Ansicht von Hobbes. Sie behaupten, der Geist sei nichts anderes als das Gehirn; das Gehirn nichts anderes als ein komplexer neuronaler Computer. Zur Erkl?rung der Arbeitsweise von Gehirn und Bewusstsein mussten im laufe der Zeit schon viele Modelle herhalten: Vom Hydraulikwerk (Descartes), einer Fabrik (Spinoza), der Telefonzentrale bis zum Computernetzwerk.

Zentralstück der materialistisch- mechanistischen Anthropologie von Hobbes ist aber die Lehre von der Unfreiheit des Willens und von dem alles menschliche Handeln steuernden Selbsterhaltungstrieb. Richtungsweisend wirkte seine auf dem Naturrecht beruhende Staats- und Gesellschaftstheorie: Im Naturzustand sind alle Menschen mit dem gleichen Recht auf alles ausgestattet; es herrscht der Kampf aller gegen alle (“homo homini lupus”). Der Rechtsverzicht zugunsten des Staates (“Leviathan”, 1651) dient der Sicherung des Friedens und der Rechtsgüter; er ist Grundlage des Gesellschaftsvertrages.

René Descartes

Als typischer Rationalist erkannte René Descartes (1596 – 1650) nach umfassenden Studien, dass auf das überlieferte Wissen aus dem Mittelalter kein Verlass war und beschloss, seine eigene Philosophie zu entwickeln. Er berichtet, dass er von nun an nur noch das Wissen suchen wollte, das er in sich oder im grossen Buch der Welt finden konnte. Er trat ins Heer ein, was ihm Gelegenheit gab, sich an verschiedenen Orten in Mitteleuropa aufzuhalten.

Descartes ist der Begründer der Philosophie der neueren Zeit. Nach der berauschenden Neuentdeckung von Mensch und Natur in der Renaissance entstand abermals das Bedürfnis, die zeitgen?ssischen Gedanken in einem koh?renten philosophischen System zu vereinen (Roter Faden: Platon —> Aristoteles —> Thomas von Aquin —> Descartes —> Spinoza und Leibniz —> Locke und Berkeley —> Hume und Kant). Descartes besch?ftigt vor allem die Fragen nach der Sicherheit unserer Erkenntnis und das Verh?ltnis zwischen K?rper und Seele. Viele seiner Zeitgenossen ?usserten einen ausgepr?gten philosophischen Skeptizismus. Sie waren der Meinung, der Mensch solle sich eingestehen, dass er nichts weiss. Descartes suchte nach einer anderen L?sung. Als Mathematiker war er bestrebt, philosophische Wahrheiten nach derselben Methode zu beweisen wie einen mathematischen Lehrsatz – anhand der Vernunft. Er warf er alle Vorurteile und unbewiesenen Annahmen über Bord und stellte fest, dass es erschreckend wenig gibt, das über jeden Zweifel erhaben ist: “cogito, ergo sum”. Eines konnte er sich sicher sein, n?mlich dass er zweifelt. Aber wenn er zweifelt, dann denkt er und dann muss auch feststehen, dass er ein denkendes Wesen ist. Und dieses denkende Ich ist wirklicher als die physische Welt. Descartes sah wie Platon und Aristoteles eine Zusammenhang zwischen Denken und Existenz. Wenn die Vernunft etwas deutlich erkennt, dann ist das die Wirklichkeit. Er unterteilt die ?ussere Wirklichkeit in qualitative Eigenschaften (Vernunft, Seele, das Denken) und quantitative Eigenschaften (Sinnenwelt, Ausdehnung oder Materie). Die Wirklichkeit besteht aus zwei Substanzen. Durch diesen Dualismus muss aber eine Erkl?rung gefunden werden, wie der Geist einen mechanischen Prozess in Gang setzen kann. Auch heute noch ist die Geist/ K?rper- Debatte ein zentrales Problem der Philosophie.

Baruch de Spinoza

Wenige Philosophen neuerer Zeit sind wegen ihrer Gedanken dermassen geschm?ht und verfolgt worden und wenige haben Meinungsfreiheit und religi?se Toleranz energischer verteidigt wie Baruch de Spinoza (1632 – 1677). Er meinte, nur leere Rituale und erstarrte Dogmen hielten Juden- und Christentum noch am Leben und war der Erste, der die historisch- kritische Betrachtungsweise postulierte. Er wurde als Atheist verschrien, obwohl er im Grunde zutiefst religi?s war. Die vielen Widerst?nde, mit denen er zu k?mpfen hatte, brachten ihn schliesslich dazu, ein stilles Leben zu führen und auch sein Hauptwerk, “Die Ethik mit geometrischer Methode begründet”, wurde erst nach seinem Tod ver?ffentlicht. Gegen Ende seines Lebens wurde Spinoza ein Lehrstuhl an der Universit?t Heidelberg angeboten. Er lehnte jedoch ab, weil er um seine intellektuelle Freiheit fürchtete.

Seinen Lebensunterhalt verdiente Spinoza mit dem Schleifen von optischen Gl?sern, was etwas Symbolisches hat: Eine der Haupts?ulen in seiner Philosophie ist es, die Welt aus dem Blickwinkel der Ewigkeit zu betrachten: “sub specie aeternitatis”. Wir sind Teil eines riesigen Ganzen, das Raum und Zeit umspannt. Alles, was existiert, ist Natur und wir sind ein winziger Teil davon. Gott=Natur! (Pantheismus). Gott steht nicht neben seiner Sch?pfung, Gott ist die Welt. Alle Dinge, die sich abspielen und alle Gedanken, die gedacht werden, bringen Gott oder die Natur zum Ausdruck. Denn alles ist eins, es gibt nur eine Substanz. Gott ?ussert sich durch die Naturgesetze – die innere Ursache für alles Geschehen. Gott ist zwar kein Marionettenspieler, aber das menschliche Leben wird von den Naturgesetzen gelenkt (ein gewisser Determinismus). Jedes Individuum ist Teil dieser Natur (Teil von Gott) und kann sich innerhalb seiner Naturgesetze (seiner M?glichkeiten) entfalten (—> Bild des Baumes). Deshalb muss sich der Mensch von seinen Gefühlen und Empfindungen distanzieren, gewissermassen eine h?here, g?ttliche Perspektive einnehmen und alle Dinge zusammenh?ngend im überblick erfassen. Nur so kann er (stoische) Ruhe finden und glücklich werden.

Descartes wollte die mathematische Methode auf die philosophische Reflexion anwenden. Spinoza steht in derselben rationalistischen Tradition. Mit der “geometrischen Methode” versteht er eine Vorgehensweise, die aus strengen Schlüssen aufgebaut sein soll. Im Gegensatz zu Descartes ist in Spinozas monistischer Auffassung Gott nur eine Substanz. Denken und Ausdehnung sind zwei Erscheinungsformen unter vielen, die er als Gottes Attribute bezeichnet.

John Locke

Die klassische Formulierung einer empiristischen Haltung stammt von Aristoteles: Nichts ist im Bewusstsein des Menschen, was nicht zuvor in den Sinnen gewesen ist. Dies beinhaltet eine klare Kritik an Platon. John Locke (1632 – 1704) greift diese Worte wieder auf und verwendet sie gegen Descartes. In seinem Werk “An Essay Concerning Human Understanding” versucht er zu kl?ren, woher die Menschen ihre Vorstellungen nehmen und ob den menschlichen Sinnen zu trauen ist. Locke ist davon überzeugt, dass das Bewusstsein eine “tabula rasa” ist, ehe man etwas empfindet. Aber das Bewusstsein nimmt die ?usseren Eindrücke nicht passiv auf, sondern verarbeitet die einfachen Sinnesideen durch Nachdenken, Glaube und Zweifel. Auf diese weise entstehen “Reflexionsideen”. Er unterscheidet zwischen Empfindung und Reflexion. Aber letztlich verdankt der Mensch alles Wissen über die Welt seinem Sinnesapparat. Begriffe bestehen aus vielen gebündelten Sinnesempfindungen (der “Apfel” ist grün, frisch, saftig und s?uerlich süss). Wissen, das sich nicht auf einfache Sinneseindrücke zurückführen l?sst, ist deshalb falsches Wissen und muss verworfen werden (zum Beispiel Begriffe wie “Engel”, “Ewigkeit” oder “Substanz”).

In der Frage, ob den menschlichen Sinnen zu trauen ist, reicht er Descartes die Hand. Er unterscheidet zwischen prim?ren (Ausdehnung, Gewicht, Form usw.) und sekund?ren (Farbe, Geruch, Klang usw.) Sinnesqualit?ten. Auch in anderen Bereichen l?sst Locke das zu, was er als “intuitives” oder
“demonstratives” Wissen bezeichnet und vertritt den Naturrechtsgedanken, indem er gewisse ethische Grundregeln allen Menschen als gegeben voraussetzt. Ein ebenso rationalistischer Zug an ihm ist sein Glaube, es liege in der menschlichen Vernunft, dass es einen Gott gibt.

Indem Locke den Vorrang der Sinneswahrnehmungen gegenüber den vermeintlich “eingeborenen Ideen” postulierte, trat er zugleich für die Freiheit des individuellen Bewusstseins ein. Er ist ein früher Kritiker jeglicher moralischer Vorurteile und gesellschaftlicher Zw?nge. Er setzte sich für Toleranz ein, besch?ftigte sich mit der Gleichheit der Geschlechter und meinte, die Unterdrückung der Frau sei eine willkürliche, m?nnliche Einrichtung und k?nne deshalb auch ge?ndert werden (—> John Stuart Mill). Ebenso sprach er sich für die Gewaltentrennung im Staat aus, womit er die Tyrannei verhindern wollte wie im Frankreich von Louis XIV (—> Montesquieu). Mit diesen Gedanken z?hlt Locke zu den Vertretern des Liberalismus.

George Berkeley

“To be, or not to be” ist nicht die ganze Frage. Die Frage ist auch, was der Mensch ist. George Berkeley (1685 – 1753) war irischer Bischof und als Philosoph der konsequenteste Empiriker. Er erlebte den immer konkreteren Materialismus seiner Zeit als Bedrohung des christlichen Glaubens, dass Gott alles in der Natur schafft und erh?lt. In seinem Werk “A Treatise Concerning the Principles of Human Knowledge” meint Berkeley, dass die Dinge auf der Welt genau so sind, wie der Mensch sie empfindet, dass sie aber keine wirklichen Dinge sind. Er h?lt die physische Welt, Materie und Stoff, nicht für die Realit?t. Das einzige, was existiert, ist die
menschliche Empfindung über Materie und Stoff. Wenn man voraussetzt, dass der eigenen Empfindung über die Welt wirklich eine
dahinterliegende “Substanz” zugrunde liegt, zieht man voreilige Schlüsse. Dazu gibt es überhaupt keinen erfahrungsm?ssigen Beleg. Die wahre Ursache hinter den menschlichen Empfindungen und Ideen ist nach Berkeley “Geist” oder Gott, “der alles in allem wirkt und durch den alles besteht”. Gott ist intim im Bewusstsein anwesend; die ganze Natur und das menschliche Dasein ruhen in Gott, er ist die einzige Ursache für alles, was existiert. Der Mensch kann also bloss wissen, dass er aus “Geist” besteht. Berkeley bezweifelt auch, dass Zeit und Raum eine absolute oder selbst?ndige Existenz haben.

David Hume

David Hume (1711 – 1776) wuchs in Edinburgh auf und verspürte schon in jungen Jahren “eine unüberwindliche Abneigung gegen alles ausser gegen Philosophie und allgemeine Gelehrsamkeit”. Offenbar bedeutete dieser Hang zur Philosophie eine Abkehr von der strengen calvinistischen Religion seiner Umgebung. Sein wichtigstes Werk (“Traktat über die menschliche Natur”, 1739) erschien , als Hume 28 Jahre alt war. Als Empiriker betrachtet es Hume als seine Aufgabe, alle unklaren Begriffe und wirren Gedankenkonstruktionen seiner Zeit abzuschaffen. Er will zurück zum ursprünglichen menschlichen Empfinden der Welt und meint, dass keine Philosophie jemals hinter die t?glichen Erfahrungen führen werde oder Verhaltensregeln geben k?nne, die anders sind als die, die man durch Nachdenken über das t?gliche Leben erhalten kann: “Greifen wir irgendeinen Band heraus, etwa über Gotteslehre oder Schulmetaphysik, so sollten wir fragen: Enth?lt er irgendeinen abstrakten Gedankengang über Gr?sse oder Zahl? Nein. Enth?lt er irgendeinen auf Erfahrung gestützten Gedanken über Tatsachen und Dasein? Nein. Nun, so werft ihn ins Feuer, denn er kann nichts als Blendwerk und T?uschung enthalten”.

Hume betont, dass sowohl prim?re Sinneseindrücke als auch Vorstellungen einfach oder zusammengesetzt sein k?nnen. Menschliche Vorstellungen k?nnen zusammengesetzt sein, ohne dass in der Wirklichkeit etwas entsprechendes existiert (zum Beispiel “Gott”, “Himmel” und “H?lle”). AuchDescartes Vorstellung eines Ichs oder Pers?nlichkeitskerns verwirft Hume. Er spricht von einem
“Bündel verschiedener Bewusstseinsinhalte, die einander mit unbegreiflicher Schnelligkeit folgen und best?ndig in Fluss und Bewegung sind”. Hume war ein Agnostiker und hielt jeden Versuch, religi?sen Glauben mit der menschlichen Vernunft zu beweisen, für rationalistischen Unsinn (so zum Beispiel die Frage nach einem Leben nach dem Tod, der Existenz Gottes oder der Unsterblichkeit der Seele). Hume l?st die allerletzte Verbindung zwischen Glaube und Wissen auf: Die Erwartung, dass eines aufs andere folgt, liege nicht in den Gegenst?nden selber (Naturgesetze), sondern in unserem Bewusstsein (Gewohnheit). Dinge, die zeitlich aufeinander folgen, müssen nicht einen urs?chlichen Zusammenhang haben. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben der Philosophie, übereilte Schlussfolgerungen zu hinterfragen (—> Aberglaube).

Hume glaubt nicht, dass man die Vernunft als Ma?stab für die Ethik nehmen kann, sondern das Gefühl (“humanity”). Er lehnt deshalb jegliche Konstruktionen, die vom Sein auf das Sollen schliessen sowie den Naturrechtsgedanken ab. Eine auffallend ?hnliche Analyse des menschlichen Bewusstseins und eine Ablehnung eines unver?nderlichen Pers?nlichkeitskerns wurde bereits 2500 Jahre vorher von Buddha postuliert. Buddha betrachtet das Leben als ununterbrochene Reihe von mentalen und physischen Prozessen, die den Menschen immer wieder ver?ndern. Von nichts k?nne ich sagen, “das geh?rt mir”; und von nichts k?nne ich sagen, “das bin ich”. Von daher gibt es kein Ich oder unver?nderliches Selbst. “Dem Verfall unterworfen sind alle zusammengesetzten Dinge”, soll Buddha vor seinem Tod gesagt haben.

Die Aufkl?rung

Die meisten Aufkl?rungsphilosophen glauben – wie die Humanisten der Antike – an die menschliche Vernunft. Die franz?sische Aufkl?rungszeit wird deshalb auch als Rationalismus bezeichnet. Die Naturwissenschaft hatte festgestellt, dass die Natur vernünftig eingerichtet war. Nun hielten es die Aufkl?rungsphilosophen für ihre Aufgabe, auch eine Grundlage für Moral, Ethik und Religion zu schaffen, die dem Vernunftgedanken Rechnung tragen sollte. Es ist die Grundüberzeugung der Aufkl?rung, dass die autonome menschliche Vernunft die einzige und letzte Instanz ist, die über Methoden, Wahrheit und Irrtum jeder Erkenntnis ebenso entscheidet wie über die Normen des ethischen, politischen und sozialen Handelns. Ihr Instrument ist die Kritik; wesentlich war die Forderung nach Freiheit der Meinungs?usserung, Toleranz gegenüber anderen Meinungen und der Naturrechtsgedanke (—> Menschenrechte). Mit dem Glauben an die Vernunft verbindet sich der Glaube an den unbegrenzten Fortschritt. Das die Aufkl?rung kennzeichnende starke Interesse an Fragen der Erziehung folgt unmittelbar aus ihrer gesellschaftsver?ndernden Absicht. Die Philosophie richtet ihr Interesse vor allem auf die Erkenntnistheorie, die hier erstmals zur Erkenntniskritik wird und sich so von der klassischen Metaphysik abwendet.

Imanuel Kant

Für Imanuel Kant (1724 – 1804) ist seine christliche überzeugung eine wichtige Grundlage für seine Philosophie. Wie Berkeley will auch er das Fundament des christlichen Glaubens retten. Er hat die Aufkl?rung in der “Kritik der reinen Vernunft” definiert. Sie bedeutet die Abkehr von der Orthodoxie in der Religion, die damals üblich war, die Abkehr von Dogmen und Zeremonienbindung. Kant hat das Bedürfnis nach Rechtfertigung des Glaubens mit Vernunft. Die Vernunftreligion sei allen Menschen gemein. Zur moralisch notwendigen Unterstützung postuliert er – vernunftgem?ss, wie er meint – drei praktische Voraussetzungen:

  1. Der Mensch hat eine unsterbliche Seele
  2. Es gibt einen Gott
  3. Der Mensch hat einen freien Willen

Das ist eine rein praktische Angelegenheit und vollkommen zu trennen von jeder Beweisbarkeit durch Vernunft. Trotzdem betrügt sich Kant selbst, indem er dieses vernunftgem?ss grenzüberschreitende Argument zul?sst (siehe unten).

Zur Erkenntnistheorie: Im Ausgangspunkt stimmt Kant Hume und den Empirikern darin zu, dass alle Erkenntnis auf den Sinneserfahrungen beruht. Aber er stimmt auch den Rationalisten darin zu, dass in der menschlichen Vernunft wichtige Voraussetzung dafür liegen, wie wir die Welt um uns auffassen. Das Bewusstsein ist eine kreativ formende Substanz. Zeit und Raum sind die beiden “Formen der Anschauung” des Menschen. Diese Formen kommen in unserem Bewusstsein vor jeglicher Erfahrung. Im Gegensatz zu Hume meint Kant, dass das Kausalgesetz immer und absolut gilt, weil die menschliche Vernunft alle Geschehnisse als Verh?ltnis zwischen Ursache und Wirkung betrachtet. Der Mensch kann niemals wissen ,wie die Dinge “an sich” sind – er kann nur wissen, wie sich die Dinge für ihn zeigen. Zum Ausgleich kann der Mensch ohne jede Erfahrung sagen, wie die Dinge von der Vernunft aufgefasst werden. Gerade in den grossen philosophischen Fragen operiere die Vernunft ausserhalb der Grenzen dessen, was der Mensch erkennen k?nne. Dort hat die Vernunft kein Sinnesmaterial, das sie bearbeiten kann. Die Erkenntnistheorie hat dafür zu sorgen, dass sich die Erkenntnisse nicht über die Sinneserfahrungen erheben.

Kant meint, die F?higkeit zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden, ist ebenso angeboren wie alle anderen Eigenschaften der Vernunft. Alle Menschen fassen die Ereignisse als kausal auf – und alle haben auch Zugang zum selben universellen Moralgesetz, welches dieselbe Gültigkeit hat wie die physikalischen Naturgesetze. Dieses Gesetz ist formal, Kant formuliert es als kategorischen Imperativ, und zwar auf verschiedene Weise:

  1. “Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.”
    oder anders formuliert:
    “Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetz werden sollte.”
  2. “Handle so, dass du die Menschheit , sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloss als Mittel brauchest.”

Die moralische Handlung muss das Ergebnis einer überwindung sein (Pflichtethik). Dies ist eine formale Richtlinie, die im Grunde alle ethischen
Wahlm?glichkeiten umfasst. Es l?sst sich mit der Vernunft nicht beweisen und ist doch unumg?nglich. Man kann das, was das Gewissen sagt, nicht beschreiben – aber trotzdem “wissen”.

Gem?ss Kant hat der Mensch eine Doppelnatur: als empfindendes Wesen ist er ganz den unwandelbaren Kausalgesetzen ausgeliefert. Die Empfindungen stellen sich notgedrungen ein und pr?gen den Menschen, ob er will oder nicht. So gesehen hat der Mensch keinen freien Willen. Aber als Vernunftwesen hat er darüber hinaus Anteil an der Welt, wie sie unabh?ngig von seinen Empfindungen ist. Wenn der Mensch dieser praktischen Vernunft folgt, hat er einen freien Willen. Kants Ethik ist eine Gesinnungsethik: nicht die Konsequenzen einer Handlung sind wichtig, sondern die Einstellung ist entscheidend, ob etwas als moralisch richtig bezeichnet werden kann – und damit verbunden die Handlung in Freiheit.

Kant ist es damit gelungen, einen Weg aus dem Labyrinth zu zeigen, in welches die Philosophie durch den Streit zwischen Rationalisten und Empirikern geraten war.

Die Romantik

Die Romantik ist die letzte der grossen Epochen. Als st?dtisches Ph?nomen ist sie das Zeitalter des europ?ischen, besonders des deutschen Geisteslebens, der Literatur und Kunst vom Ende des 18. bis zur Mitte (in der Musik bis zum Ende) des 19. Jahrhunderts. Sie steht im Gegensatz zur Aufkl?rung und kann als Reaktion auf die einseitige Glorifizierung der Vernunft und auf das mechanistische Weltbild aufgefasst werden. Charakteristisch ist u. a. die Betonung der Gefühlskr?fte
(Gefühl, Phantasie, Erleben und Sehnsucht), des volkstümlichen und nationalen Elements, die Verbindung der Künste untereinander und zwischen Kunst und der Wissenschaft, die historische Betrachtungsweise, die Neuentdeckung des Mittelalters und die Ausbildung von Nationalliteraturen.

Viele Romantiker verstehen sich als Kants geistige Erben. Kant hat erkl?rt, welche Grenzen es für die menschliche Erkenntnis gibt und wie wichtig der Beitrag des Ichs zur Erkenntnis ist. Die Romantiker werten die Wichtigkeit des Individuums noch mehr auf und bekennen sich zu einer fast hemmungslosen Glorifizierung des Ichs. Kant zufolge spielt der Künstler frei mit seiner Erkenntnisf?higkeit. Die Romantiker glaubten nun, allein die Kunst k?nne den Menschen dem “Unaussprechlichen” n?herbringen. Einige verglichen den Künstler mit Gott, denn er schafft seine eigene Wirklichkeit. Der Dichter kann den Leser durch einen Illusionsbruch daran erinnern, dass sein eigenes Dasein illusionshaft ist. Dieses Stilmittel bezeichnet man als romantische Ironie.

In der Romantik lassen sich zwei Formen unterscheiden: Die Universalromantik besch?ftigt sich vor allem mit der Natur, der “Weltseele” und dem künstlerischen Genie. Die Nationalromantik kam etwas sp?ter und interessierte sich haupts?chlich für die volkstümliche Kultur (Geschichte, Sprache). Es gibt keine scharfe Grenze zwischen den zwei Formen: der “Weltgeist” war in der Volkskultur ebenso anwesend wie in Natur und Kunst. Die Romantik hat eine Renaissance des ganzheitlichen Denkens eingeleitet.

Friedrich Wilhelm Schelling

Friedrich Wilhelm Schelling (1775 – 1854) entwickelte eine spekulative Naturphilosophie (“Ideen zu einer Philosophie der Natur”, 1797), in welcher er versucht, die Trennung zwischen Geist und Materie aufzuheben. Die Natur sei der unsichtbare Geist, der Geist die unsichtbare Natur. Die Natur und das menschliche Bewusstsein sind Ausdruck vom “Weltgeist”. Die romantische Natursicht ist von der Auffassung der Natur als einheitlicher Organismus gepr?gt. So sieht Schelling eine Entwicklung von den Steinen bis hin zum menschlichen Bewusstsein und verweist dabei auf schrittweise überg?nge von der leblosen Natur zu komplizierten Lebensformen. Sp?ter entwickelt er eine ?sthetik (“Philosophie der Kunst”, 1802/03), die in eine Identit?tsphilosophie mündet. Natur und Geist, Subjekt und Objekt sind unterschiedliche Erscheinungsformen eines identischen Absoluten. In der Sp?tzeit vollzieht er die Wendung zu einer mystischen Religionsphilosophie (“Philosophie der Offenbarung”, 1854).

Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831) entwickelt eines der bedeutendsten Systeme der abendl?ndischen Philosophie. Er vereinigt darin fast alle Gedanken, die sich bei den Romantikern entwickelt haben, und führt sie weiter. Im Mittelpunkt dieses Systems steht der Weltgeist, welcher sich seiner selbst in drei Stufen bewusst wird, und zwar im dialektischen Dreischritt von These, Antithese und Synthese (Beispiel: Sein —> Nichtsein —> Werden). Auch Hegel verwendet den Begriff “Weltgeist”, meint aber damit die Summe aller menschlichen ?usserungen, denn nur der Mensch hat Geist. Der Weltgeist konkretisiert sich zuerst als subjektiver Geist im menschlichen Individuum. Dies bezeichnet Hegel als subjektive Vernunft. Ein h?heres Bewusstsein erreicht er als objektiver Geist in Familie, Gesellschaft und Staat, was Hegel als objektive Vernunft bezeichnet, denn es ist eine Vernunft, die im Zusammenspiel der Menschen erscheint. Die h?chste Form der Selbsterkenntnis erreicht der Weltgeist als absolute Vernunft in Kunst, Religion und Philosophie. Die Philosophie ist darunter die h?chste Form der Vernunft. In ihr reflektiert der Weltgeist über seine eigene Rolle in der Geschichte, er begegnet sich selber.

Hegels Philosophie ist vor allem eine Methode, um den Lauf der Geschichte zu begreifen. Alle philosophischen Systeme vor Hegel haben versucht, ewige Kriterien dafür aufzustellen, was der Mensch über die Welt wissen kann. Descartes, Spinoza, Hume und Kant haben über zeitlose Voraussetzungen für die Erkenntnis gesprochen. Hegel h?lt es für unm?glich, solche zeitlosen Voraussetzungen zu finden. Es gibt keine ewigen Wahrheiten und keine zeitlose Vernunft, weil sich die Grundlagen der menschlichen Erkenntnis von Generation zu Generation ?nderten. Der einzige Punkt, bei dem ein Philosoph ansetzen kann, ist die Geschichte. Etwas kann nur im Verh?ltnis zu einem historischen Zusammenhang richtig oder falsch sein. Auch die Vernunft ist etwas Dynamisches, ein Prozess. Man kann nicht ausserhalb des historischen Prozesses bestimmen, was am vernünftigsten oder wahrsten ist. Das hiesse die Gedanken aus ihrem Kontext reissen. Die Weltgeschichte sieht Hegel als notwendig fortschreitenden Prozess des absoluten Geistes. Die Vernunft ist progressiv: die Menschheit entwickelt sich weiter. In dieser Bedeutung kann er auch vom Gang des Weltgeistes in der Geschichte sprechen (—> Idealismus).

Mit Hegel nimmt die Zeit der grossen philosophischen Systeme ein Ende. Nach ihm schl?gt die Philosophie eine neue Richtung ein: an die Stelle der spekulativen Systeme treten Existenzphilosophien. Es geht nicht mehr so sehr darum die Welt zu interpretieren, sondern sie zu beeinflussen.

S?ren Kierkegaard

Die Auffassung von S?ren Kierkegaard (1813 – 1855) kann man im dialektischen Entwicklungsschritt als Antithese zu Hegels Betonung der Gemeinschaft sehen. Hegel geht es um die grossen Linien in der Geschichte. Kierkegaard meint, die Einheitsphilosophie der Romantiker und Hegels Historismus h?tten dem Individuum die Verantwortung für sein eigenes Leben abgenommen. Als Gegenposition stellt er dem System das Individuum gegenüber und sagt, dass die “objektiven Wahrheiten” der hegelianischen Philosophie für die Existenz des einzelnen Menschen nicht wesentlich sind. Die ganze Existenz muss in die philosophische Reflexion mit einbezogen werden. Bestimmend für sein Werk (grossenteils in Dialogform) sind die Kategorien der Existenz und Angst, der Freiheit und Entscheidung. Existenz begreift Kierkegaard als Synthese des Endlichen und Unendlichen, die sich in drei Stufen vollzieht – der ?sthetischen (Sinne, Lüste Stimmungen), ethischen (Moral) und religi?sen Stufe (das Christentum). Die dem Menschen gegebene Freiheit der Wahl l?st Angst und Verzweiflung aus, ein Ausweg ist durch die “Gnade Gottes” m?glich. Für Kierkegaard muss unterschieden werden zwischen der philosophischen Frage nach Gott und dem Verh?ltnis des Individuums nach derselben Frage. Für ihn ist Glaube der Glaube an das Absurde: credo quia absurdum – Dinge, die man mit der Vernunft erfassen kann, sind unwesentlich. Wichtig ist deshalb nicht, ob das Christentum wahr ist, sondern ob es für das Individuum wahr ist.

Der Naturalismus

Der Naturalismus vertritt eine Wirklichkeitauffassung, die ausser der Natur und der wahrnehmbaren Umwelt keine andere Wirklichkeit akzeptiert. Rationalistische Betrachtungsweisen oder irgendeine g?ttliche Offenbarung sind der naturalistischen Str?mung fremd. Der Naturalismus reichte von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis weit in das 20. Jahrhundert. Vertreter dieser Str?mung ist zum Beispiel Karl Marx, der darauf hingewiesen hat, dass das Bewusstsein ein Produkt der materiellen Basis einer Gesellschaft ist. Charles Darwin zeigt auf, dass der Mensch das Ergebnis einer langen biologischen Entwicklung ist. Diese Entwicklung folgt dem Muster der natürlichen Selektion im Ringen um die Existenz. Sigmund Freud meint, dass die Handlungen eines Individuums oft gewissen inneren Trieben folgt, die in seiner Natur liegen.

Karl Marx

Auch Karl Marx (1818 – 1883) ist in seiner Denkweise von Hegel gepr?gt, distanziert sich dann aber von ihm. Er ist der Ansicht, dass prim?r die materiellen Lebensbedingungen in einer Gesellschaft deren Denken und Bewusstsein bestimmen. Diese sind ausschlaggebend für die historische Entwicklung. Nicht die geistigen Voraussetzungen in der Gesellschaft führen zu materiellen Ver?nderungen (Kritik an Hegel), sondern die materiellen Verh?ltnisse bestimmen in letzter Konsequenz auch die geistigen. Die wirtschaftliche Kr?fte führen Ver?nderungen in allen anderen Bereichen herbei und treiben dadurch die Geschichte vorw?rts —> historischer Materialismus.

Die materiellen, ?konomischen und sozialen Verh?ltnisse der Gesellschaft bezeichnet Marx als deren “Basis”. Die Art und Weise des Denkens in einer Gesellschaft, deren politische Institutionen, Gesetze, Religion, Moral, Kunst Philosophie und Wissenschaft ist deren “überbau”. Der überbau einer Gesellschaft ist ein Reflex ihrer materiellen Basis, welcher diese wiederum beeinflusst. Sie stehen in einer Spannung und haben ein Wechselverh?ltnis —> dialektischer Materialismus.

Innerhalb der Basis kann man drei Ebenen unterscheiden:

  • Ganz unten die “natürlichen Produktionsbedingungen”
    Die naturgegebenen Verh?ltnisse: Vegetation, Rohstoffe,
    Bodensch?tze usw. Bildet den Rahmen, welche Produktion in der Gesellschaft
    m?glich ist. Setzt auch die Grenzen, welche Kultur entstehen kann.
  • Als n?chste Stufe die “Produktivkr?fte”
    Die Arbeitskraft der Menschen, die Arbeits- und Produktionsmittel
    (Werkzeuge, Maschinen usw.)
  • Als dritte Stufe die “Produktionsverh?ltnisse”
    Die Besitzverh?ltnisse, die Organisation der Arbeit, Arbeitsteilung
    usw.

In allen Phasen der Geschichte existiert ein Widerspruch zwischen zwei dominierenden Gesellschaftsklassen. Die herrschende Klasse bestimmt, was richtig und was falsch ist. Die Geschichte ist diejenige der Klassenk?mpfe. Sie spielt sich ab als Auseinandersetzung um die Produktionsmittel. Weil die Oberklasse niemals ihre Oberherrschaft freiwillig aufgibt, kann eine Ver?nderung nur durch Revolution herbeigeführt werden.

Arbeit: Wenn der Mensch arbeitet, greift er in die Natur ein und pr?gt diese; umgekehrt beeinflusst die Natur sein Bewusstsein (Wechselbeziehung). Auf diese Weise h?ngt die Erkenntnis des Menschen eng mit seiner Arbeit zusammen. Im kapitalistischen System arbeitet der Mensch für einen anderen, er ist gezwungen, seine Arbeitskraft zu verkaufen. Das Ergebnis seiner Arbeit geh?rt nicht ihm; somit wird er seiner eigenen Arbeit fremd, er verliert seine Menschenwürde —> Entfremdung.

Jean Paul Sartre

Als Philosoph steht Jean Paul Sartre (1905 – 1980) in der Tradition der Existenzphilosophie (“Das Sein und das Nichts”, 1943), deren Aussagen auch im Zentrum seiner literarischen Werke stehen. Mit dem Schlagwort “Existentialismus ist Humanismus” meint er, dass der Existentialismus ausschliesslich vom Menschen selber ausgeht. Dieser Humanismus sieht den Menschen anders und düsterer als in der Renaissance, denn Sartre ist ein atheistischer Existentialist. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich seiner Existenz bewusst ist. Physische Dinge sind nur “an sich”, w?hrend der Mensch auch “für sich” ist. Dabei geht die Existenz jeglicher Bedeutung dieser Existenz voraus, “die Existenz geht dem Wesen voraus”. Der Mensch muss sich selber, seine eigene Natur, sein eigenes Wesen erschaffen, da es ihm nicht einfach gegeben ist. Die Frage nach dem Sinn des Lebens macht keinen Sinn. Sartre meint aber, dass das Leben eine Bedeutung haben muss! Nur muss er diese Bedeutung, diesen Sinn, sein eigenes Dasein selber erschaffen. Der Mensch muss selber entscheiden, wie er Leben soll: “der Mensch ist zur Freiheit verurteilt”. Deshalb ist es um so wichtiger, welche Entscheidungen er f?llt.

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