Monthly Archive: January 2013

Einführung in die islamische Philosophie (Teil 1)

Literatur:
Majid Fakhry: A history of Islamic philosophy, London/New York 1970 (und sp?tere Auflagen)
Gotthard Strohmaier: Denker im Reich des Kalifen, Jena/Berlin 1979
Henry Corbin: History of Islamic philosophy, London/New York 1993 (englische übersetzung der franz?sischen Ausgabe von 1964/1974)
S. H. Nasr, O. Leaman: History of Islamic philosophy, I – II, London/New York 1996

Inhaltsverzeichnis

I. Die Voraussetzung: Philosophie am Ausgang der Antike

  1. Philosophie im Islam
  2. überblick über die sp?tantike Philosophie
  3. Porphyrios
  4. Jamblichos
  5. Die Schule von Athen
  6. Die Schule von Alexandria
  7. Die Schule von Gaza

II. Die übernahme des Erbes

  1. Die griechisch- arabischen übersetzungen
  2. al- Kind? (Alkindus, gestorben um 870 n. Chr.) und seine Schule
  3. ar- Raz? (gestorben um 930 n. Chr.)

III. Die Ausarbeitung einer islamischen Philosophie

  1. al -Farab? (Alpharabius, gest. 950 n. Chr.)
  2. Isma’?liten und Ihwan as- Safa’
  3. Ibn S?na (Avicenna, gest. 1037 n. Chr.)

IV. Das Ringen um den rechten Weg

  1. al- Ghazal? (Algazel, gest. 1111 n. Chr.)
  2. Ibn Bagga (Avempace, gest. 1138 n. Chr.)
  3. Ibn Tufail (gest. 1185 n. Chr.)
  4. Ibn Rushd (Averroes, gest. 1198 n. Chr.)

V. Die Begegnung mit anderen Kulturkreisen

  1. Islamische Philosophie und jüdische Philosophie
  2. Islamische Philosophie und christliche Scholastik

VI. Das hohe Mittelalter: der Triumph Ibn S?nas

  1. Philosophie im Zeichen Ibn S?nas
  2. Theologie im Zeichen Ibn S?nas
  3. Die Begegnung von Philosophie und Mystik

VII. Ein geschichtsphilosophischer Entwurf: Ibn Hald?n

VIII. Philosophie im Osmanischen Reich

IX. Philosophie im Iran

  1. Die Kontinuit?t der Tradition
  2. Mulla Shadra (gest. 1640)

X. Neuere Tendenzen

  1. Das Interesse an Europa
  2. Die Besinnung auf das eigene Erbe

I. Die Voraussetzung: Philosophie am Ausgang der Antike

1. Philosophie im Islam

Mit der Frage, was das Gute sei oder was gut ist, stiessen die islamischen auf die griechischen Philosophen – vor allem auf Aristoteles. Die griechischen Werke wurden übersetzt. Die Rezeption und die Entwicklung einer eigenen Philosophie verhalf zu einem Aufschwung und einer Blüte der Wissenschaften (vgl. der Traum al- Ma’múns, 813 – 833).

  • Was heisst Philosophie im islamischen Kulturkreis? “Die Philosophie ist das Wissen um die ewigen, universalen Dinge, ihr Sein, ihr Wesen und ihre Ursachen – in dem Masse, wie der Mensch es zu fassen vermag.” (al- Kind?, 9. Jahrhundert) “Das Ziel der Philosophie besteht darin, das Wesen aller Dinge zu begreifen – in dem Masse, wie es den Menschen m?glich ist.” (Ibn S?na, frühes 11. Jahrhundert)Islamische Philosophie will gem?ss der aristotelischen Definition von Philosophie keine Teilgebiete behandeln (keine Teilwissenschaften wie Theologie, islamisches Recht oder Logik usw.) sondern sie lehrt universal, was zu wissen sei.
  • Methode: Erkenntnis durch den Verstand, mit der Einschr?nkung “soweit es den Menschen m?glich ist”. Offenbarung ist Ausgangspunkt für andere Wissenschaften (Religion, Recht). Erst in einem zweiten Schritt n?hert man sich an die Offenbarung heran.
  • Quellen: Philosophie der Antike bis zum Neuplatonismus. Aristoteles ist die Autorit?t. Auf die Ergebnisse früherer Philosophen wird aufgebaut.
  • Zeitpunkt: Der Islam entsteht im frühen 7. Jahrhundert. Die islamische Philosophie beginnt im 9. Jahrhundert.
  • Personen: Unter der Herrschaft des in Bagdad von 813 bis 833 regierenden Kalifen al- Ma’mún wurde die übersetzung griechischer Schriften unterstützt. übersetzer der griechischen Texte ins Arabische waren die Syrer – also griechisch gebildete Christen in arabischer Kultur. Sie waren massgeblich beteiligt an der Entwicklung der islamischen Philosophie.

Das Verh?ltnis der Philosophen zum Islam hat verschiedene Komponenten. Die Wirkungsfelder von Islam und Philosophie sind zun?chst mal getrennt. Die Berufsbilder von Theologen (—> Juristen, islamisches Recht) und Philosophen (—> eher ?rzte) sind schon anders. Dann gibt es eine theoretische Ebene zur Offenabrung (Frage der überordnung, Unterordnung oder Trennung). Weiter gibt es natürlich ein pers?nliches Verh?ltnis zum Islam und die Frage, ob man sich mit der Philosophie wirklich aus der Offenbarung heraushalten kann. Hier gibt es eine gewisse Parallele zum lateinischen Mittelalter, aber auch gewaltige Unterschiede:

  • Unterschiedliche Voraussetzungen bei den Offenbarungen (das Neue Testament enth?lt schon viel Neuplatonismus)
  • Kulturelles Umfeld verschieden
  • Hellenismus wird zu einem ganz anderen Zeitpunkt kennengelernt mit ganz anderen Akzenten
  • Intensit?t der Begegnung beim Islam viel gr?sser (diese Aussage kann auch bezweifelt werden)
  • Unterschiedliche Rezeption

2. überblick über die sp?tantike Philosophie

Zeit Vertreter
200 Plotin (270)
300 Porphyrios (305)
Jamblichos (330)
400 Schule von Athen
Proklos (485)
Schule von Alexandria

Ammonios (520)

500 Schule von Gaza
600

Plotins Enneaden kommen nicht geschlossen bei den islamischen Philosophen an. Vor allem Buch IV und V üben einen grossen Einfluss aus.

3. Porphyrios (234 – 305)

Porphyrios aus Tyros (vorderasiatisches Gebiet; heute Sur, Libanon) kam über Athen nach Rom und wurde Plotins Schüler, dessen Werke er überlieferte (Herausgeber der “Enneaden”). Porphyrios vertritt eigentlich auch die Lehre Plotins, setzt aber andere Akzente, welche grosse Auswirkungen auf die islamische Philosophie ausübten:

  • Die Rolle Aristoteles: Porphyrios kennt Aristoteles aus Alexander von Aphrodisias Kommentar und Interpretation zu Aristoteles. Porphyr erl?utert in seinem Buch “Eisagoge, Einführung in die Logik des Aristoteles von Porpohyrios” die aristotelischen Begriffe ‘Gattung’, ‘Art’, ‘Unterschied’, ‘Eigenschaft’ und ‘Akzidenz’. Er vertritt die Meinung, dass eine Harmonie zwischen Aristoteles und Platon besteht, diese sich einig sind.
  • Die Seele: Porphyr spekuliert nicht so sehr über die Hypostasen und die Rückfindung. Ihn interessiert mehr die menschliche Seele als die Weltseele. Diese ist in der Materie verhaftet und muss sich befreien. Zwischen der Seele und der Materie sieht er als vermittelnde Instanz das Pneuma, gewissermassen als Fahrzeug der Seele im Weg entlang der Hypostasen hinab und hinauf. Die Askese gilt ihm als Vorbereitung zur M?glichkeit des Erkennens (“de abstinentia”).
  • Philosophiegeschichte: Porphyr war einer der besten Kenner der antiken Philosophie. Seine Philosophiegeschichte hat auch ihren Weg ins Arabische gefunden. Dahinter steht die Meinung, dass die Philosophie eine Bewegung ist, die sich bei ?lteren Vertretern genauso findet wie bei Plotin. Pythagoras als Hauptzeuge für die Askese ist sein wichtigster Philosoph.

4. Jamblichos (330)

Jamblichos zeigt ein ungeheures Interesse an Religion, Orakel und Magie. Seine Schrift “Chald?ische Orakel” ist eine Anleitung zur Beschw?rung von Helios und zur Einwirkung auf die G?tter. Es geht darum, etwas über die Zukunft zu erfahren. Diese Beschw?rung wird zu einer Wissenschaft, der Theurgie. Die Erkenntnis wird h?her durch die Theurgie.

Plotin kannte die Orakel auch, zeigt aber kein Interesse am Thema. Porphyrios verbietet sie nicht – aber Jamblich h?lt es für ein Gebot, sich mit ihnen zu befassen. Auch er beansprucht Pythagoras zur Rechtfertigung für den Ausbruch aus dem als zu eng empfundenen rationalen Korsett.

Jamblichos gilt als grosser Systematiker. Er reglementierte für die Ausbildung genau, welche Texte in welcher Form zu lesen sind. Die wichtigsten Texte waren 12 Dialoge von Platon. Von dieser Seite her war er die Zentralfigur für die Zeit danach, denn wenn sich im Islam etwas auf Platon bezog, dann war es etwas aus den 12 Dialogen, die Jamblichos festgelegt hatte. Die Methode zur Erschliessung eines Textes war ein Fragenkatalog, welcher die Aussagen auf Ethik, Physik und Metaphysik prüfen sollte. Auch diese Methode machte Schule.

5. Die Schule von Athen

  • Plutarch von Athen (gestorben 431/432)
  • Syrianos (gestorben ca. 438)
  • Domnios
  • Proklos (gest. 485)
  • Marinos (485 – ca. 490)
  • Isidoros (ab 490)
  • Zenodotos
  • Damaskios (mit Simplikios und Priskianos Lydos, bis 529)

Grundzug der Schule war die Meinung, dass eine Harmonie zwischen Aristoteles und Platon bestehe. Die beiden Philosophen erg?ntzen sich, so die Meinung – es kommt ganz auf das Thema an, an wen man sich h?lt. Das Zentrum dieser Philosophie sind Texte über das G?ttliche. Man h?lt sich also eher an Platon.

Proklos Lehre macht ihren Weg zum Islam und fliesst von dort ins lateinische Mittelalter. Er flechtet die Hypostasenreihe auf und bildet Triaden:

Sein, Leben, Geist
Ruhe, Hervortreten, Rückkehren

Der mittlere Begriff impliziert die beiden ?usseren. Jeder Begriff muss bei Platon irgendwo vorkommen. Diese Vorgehensweise st?sst bei den Christen auf reges Interesse in Bezug auf die Trinit?t. Proklos folgt Jamblich sowohl in der Frage, wie ein Text auszulegen sei als auch in der Religion (zwei Wege zur Erkenntnis: Theurgie und Philosophie). Man weiss, dass er sich die ?gyptischen religi?sen Feiertage aufgeschrieben hat. Proklos verankert sich in der Kultur der Antike und macht Offensive gegen das Christentum. Seine letzte antike Verteidigung der Ewigkeit der Welt wird auch im Islam immer wieder zitiert.

Diese Offensive hat Proklos selbst nicht geschadet, wohl aber der Schule nach ihm. 529 erl?sst Kaiser Justinian das Edikt, alle Schulen zu schliessen, an denen der Unterricht nicht von Christen durchgeführt wird. Dies trifft mehrere Schulen. Die Schule von Athen aber ist prominent wegen ihrer Vertreter (Damaskios usw.).
Die Schule soll man sich nicht mit einem fortlaufenden Unterricht bis 529 vorstellen. Je nach Oberhaupt der Schule gab es unregelm?ssigen Unterricht. Die Philosophen kommen nach der Schliessung überein, nach Persien zu emigrieren und lehren am Hofe Chosroes. Nach etwa einem Jahr kehren sie unter seinem Schutz wieder ins R?mische Reich zurück. Danach verliert sich ihre Spur für uns, obwohl sie noch einige Schriften ver?ffentlicht haben.

6. Die Schule von Alexandria

  • Hierokles (nach 400)
  • Hermias (bis ca. 470)
  • Ammonios (ca. 470 – 520)
    • Asklepios (der Arzt)
    • Johannes Philoponos (ca. 475 – 565)
    • Schule von Gaza
  • Eutokios
  • Olympiodor (ca. 525 – nach 565)
  • Elias
    Ab Elias ist die Leitung der Schule offenbar in christliche H?nde übergegangen. Dies hat aber keine Konsequenzen auf das Programm der Schule
  • David
  • Stephanos (bis ca. 610, danach in Byzanz)

Es hat immer wieder einen Austausch zwischen den Schulen von Alexandria und Athen gegeben. Die Schule von Alexandria passt sich dem Christentum besser an als diejenige von Athen. Die grunds?tzlichen Koordinaten sind dieselben, aber Alexandria ist offener gegen aussen. Alexandria lehrt vielfach dasselbe wie Athen, hat aber nicht den Bezug zur antiken Religion.

Ammonios (Schüler des Proklos) wird zur pr?genden Gestalt der Schule. Er wird bekannt als Mann, der den Kompromiss mit den Autorit?ten der Kirche gesucht hat. Das Konkordat zwischen dem Patriarchen Athanasios II und ihm bringt der Schule die Freiheit, ihren Unterricht weiter fortzusetzen. Dafür macht Ammonios Konzessionen in der Lehre: Er versucht die Kluft zwischen dem Gott des Aristoteles (Gott=causa finalis) und dem des Platon (causa efficiens) zu überwinden und dem Christentum anzugleichen. In Athen ?rgert man sich darüber. Das geringe Interesse Alexandrias an der Religion erm?glichte den Abschluss des Konkordats. Ammonios hat damit die Philosophie weiter verbreitet.

Stephanos ist wieder ein Arzt. Dieses Schema hat sich langsam angebahnt: Man heile den K?rper und die Seele. Diese Liaison wird in Byzanz und im Islam weiterleben. Um 610 wird Stephanos an die kaiserliche Akademie nach Konstantinopel abberufen. Hier hat er zum Aufschwung der Philosophie beigetragen. Das heisst, dass es die Schule von Alexandria bereits nicht mehr gab, als die Araber nach nach Alexandria kamen. Es waren nicht die Araber, welche die Bibliothek angezündet haben.

Johannes Philoponos wurde in Alexandria geboren und studierte an der Schule. Er war Schüler und Gehilfe des Ammonios. Er ist sowohl Philosoph als auch Theologe. Er schreibt Kommentare zur Genesis und zur Trinit?t (“De Trinitate”), was zu dieser Zeit etwas heikel ist. Seine Lehre wird 628 als ketzerisch verurteilt. Dies hat dazu geführt, dass er eher im Islam rezipiert wurde. In seinem Buch “Gegen Proklos” zeigt er sich als guten Kenner des Neuplatonismus, deutet diesen aber christlich um. Das Werk ist uns vollst?ndig erhalten, wogegen das Werk “Gegen Aristoteles” nur noch durch Bemerkungen bei anderen Autoren bekannt ist. Er deckt darin offenbar die Schw?chen in Aristoteles’ Argumentation durch neue Erkenntnisse in der Wissenschaft auf (Astronomie).

Der Einfluss in den Islam kommt unter den drei Schulen eindeutig von Alexandria – sowohl im Lektüreplan als auch didaktisch. Unterrichtet wurde in den F?chern Logik, Ethik, Physik, Theologie und Mathematik. Der Neuplatonismus war verh?ltnism?ssig wenig interessiert an der Politik. Vernachl?ssigt werden die Ethik (man liest Epiktet und Pythagoras). Mathematik (Euklid usw.) ist abh?ngig vom jeweiligen Schulleiter. In der Logik (“Organon”), Physik (“Physik”) und Theologie (“Metaphysik”) liest man Aristoteles. Die “Metaphysik” dient eher als übergang, denn die eigentliche Theologie entnimmt man Platon —> Prolegomena (Einführungen). Der alexandrinische Lehrplan sieht folgendermassen aus:

I. Aristoteles

A. Logik
  1. Die “Isagoge” des Porphyrios
    • Einführung in die Philosophie (4 Fragen)
    • Einführung in die “Isagoge”
    • Lektüre des Textes
  2. Die “Kategorien”
    • Biographie des Aristoteles
    • Einführung in die aristotelische Philosophie (10 Fragen)
    • Einführung in die “Kategorien” (7 Fragen)
    • Lektüre des Textes
  3. “De interpretatione”
    • Einführung in “De interpretatione”
    • Lektüre des Textes
  4. “Analytica priora”
    • usw.
B. Physik
  1. Die “Physik”
    • Einführung in die “Physik” (7 Fragen)
    • Lektüre des Textes
  2. “De caelo”
    • usw.
C. Metaphysik
  1. Die “Metaphysik”
    • Einführung in die “Metaphysik” (7 Fragen)
    • Lektüre des Textes

II. Platon

A. Einführung
  1. Biographie Platons
  2. Einführung in die platonische Philosophie (10 Fragen)
B. Ausgew?hlte Dialoge (12 Dialoge)
  1. “Alkibiades I”
    • Einführung in den “Alkibiades I” (8 Fragen)
    • Lektüre des Textes
  2. “Gorgias”
    • Einführung in den “Gorgias” (8 Fragen)
    • Lektüre des Textes
  3. “Phaidon”
  4. “Kratylos”
  5. “Theaitetos”
  6. “Sophistes”
  7. “Politeia”
  8. “Phaidros”
  9. “Symposion”
  10. “Philebos”
  11. “Timaios”
  12. “Parmenides”

7. Die Schule von Gaza

  • Aeneas (floruit um 500)
  • Zacharias (gestorben vor 553)
  • Prokop (gestorben ca. 540)

Die Schule von Gaza ist stark mit derjenigen von Alexandria verbunden. Sie versucht aber nicht eine Fortsetzung, sondern deren ‘Irrtum’ zu widerlegen. Das Werk “Theophrast” von Aeneas ist in einem platonischen Stil geschrieben – der Inhalt ist das Gegenteil. Zacharias schreibt in “Ammonios, oder über die Erschaffung der Welt” gegen die These der Ewigkeit der Welt. Prokop sieht die Lehre von der Prophetie als Lehre vom Intellekt.

II. Die übernahme des Erbes

1. Die griechisch- arabischen übersetzungen

Die Muslime nehmen das auf, was in Alexandria bereitgestellt wird. Um 610 wird Alexandria von den Arabern erobert. Es gibt aber kein unmittelbares Anknüpfen an das Erbe Alexandriens. Vorerst hat man keinerlei Interesse an der Schule, auch nicht irgend etwas zu zerst?ren. Es geht erst mal um die Verwaltung und die übersetzung der Verwaltungslisten in Griechenland und Persien. Der Austausch der Kultur beginnt erst im 8. Jahrhundert. Gründe des Interesses:

Interesse seitens der Herrscher
Es geht in der Dynastie der Abbasiden um die Legitimation der Herrscherschaft, die sich als Nachfolge der Griechen pr?sentieren soll. In ihrem propagandistischen Vorgehen verkünden die Herrscher, dass die Byzantiner dekadent seien und ihnen deshalb das Erbe zukomme.

  • al- Manschur (754), der Gründer Bagdads
  • al- Ma’mún (ab 813)
Praktische Notwendigkeit
Man kann sich Vorteile aus der Kenntnis antiker Wissenschaften holen: Mathematik (Berechnung der Sternen, Zeitmessung für die Gebetszeiten), Mechanik, Agrikultur. Auch das islamische Recht brauchte Regeln für die Argumentation, ebenso die Theologie. Beide Wissenschaften sind stoisch ausgerichtet. Zuerst sind es Gelehrte, die sich treffen und diskutieren. Sp?ter will man es genauer wissen und macht sich hinter die antiken Bücher. Philosophie ist erst mal eine Hilfswissenschaft und nützlich für die Methodenlehre. Es kommt aber ab Mitte des 8. Jahrhunderts zu einer unheimlichen Dynamik, bei der viele Bücher übersetzt werden.

Dieser Prozess wurde durch den iranischen und vor allem auch durch den syrischen Kulturraum vorbereitet. Die syrischen Christen spalten sich in Nestorianer und Jakobiten auf. Es sind Personen, welche eine gl?nzende Bildung haben und dreier Sprachen m?chtig sind. Die kleine Sekte der Nestorianer findet ihren Weg bis nach China. Sie beginnen ziemlich früh, ab dem 5 Jahrhundert, mit übersetzungen. Die Jakobiten bleiben eher in Syrien. Sie sind dem Griechischen l?nger verpflichtet durch ihre N?he zu Byzanz und beginnen ab dem 6. Jahrhundert mit übersetzungen. Die griechisch- arabischen übersetzungen erfolgte in verschiedenen Etappen (etwa von 750 bis 950):

  • 1. Phase (ca 750 – 820)
      Die Philosophie steht noch nicht im Vordergrund

    • Ibn al- Muqaffa’
    • Theodor ab? Qurra, schreibt in drei Sprachen
  • 2. Phase (ca 820 – 850)Der Kreis um den Philosophen al- Kind?:
      Dieser braucht übersetzungen und erteilt Auftr?ge. Die übersetzer bilden Gruppen in der Bibliothek.

    • Ibn Na’ima
    • Ustat
    • Yachyá ibn al- Bitr?q
  • 3. Phase (ca 850 – 900)Die Schule des Hunain ibn Ishaq:Hunain ibn Ishaq
      arbeitet methodisch anders: Er stützt sich nicht nur auf einen Text, sondern sammelt alles Material, das er finden kann. Er macht Studien über die Grammatik. Erst dann wagt er sich an die eigentliche übersetzung des Textes. Alle übersetzer der Schule kennen noch Griechisch.

    • Hunain ibn Ishaq
    • Ishaq ibn Hunain
    • Hubais
  • 4. Phase (ca. 900 – 950)Der Kreis um den Philosophen al- Farab?:
      Hier finden wir nur noch syrische Christen, die kein Griechisch mehr k?nnen. Sie übersetzen vom Syrischen ins Arabische.

    • Ab? Bisr Matta
    • Yachya ibn ‘Ad?
Methode der übersetzer
Das Niveau ist bei allen übersetzern durchg?ngig hoch. Eine methodische Sicherheit wird in der 3. Phase bei Hunain ibn Ishaq erreicht:

  1. Sammeln
  2. Kollationieren
  3. Textedition erstellen
  4. Vergleich mit syrischen Texten
  5. übersetzen ins Arabische
Bedeutung der übersetzungen für die arabische Sprache
Nicht nur Vermittlung, sondern Neusch?pfung einer wissenschaftlichen Sprache. Die arabische Sprache verfeinert sich innerhalb zwei bis drei Generationen enorm. Die Sprache der Philosophie wird geschaffen.
Resultat
übersetzungen von allen Werken Aristoteles, den antiken Schulen und Kommentaren dazu. Platons Wirkung ist nur kurz und interessiert vor allem in der Politik. Man kennt ihn eher durch das “Kompendium platonischer Philosophie” von Galen. Man kennt keine Stoa als Text, ebenso keine Vorsokratiker und Epikur. Man fragt die “alten Weisen” eher sachbezogen nach Themen.

Der Neuplatonismus ist ein Sonderfall:
Obwohl der Neuplatonismus als unmittelbarer Vorg?nger der arabischen Philosophie gelten kann, gibt es keinen Text, der unver?ndert ins Arabische übertragen worden w?re. Es gibt Paraphrasen über die “Enneaden” IV, V, VI und VII, bekannt als die “Theologie des Aristoteles”. Auch Proklos “Institutio theologica” existiert um etwa 840 in zwei Paraphrasen:

  • “Liber de causis”, Aristoteles zugeschrieben
  • “Proclus Arabus”, (Proklos oder Alexander von Aphrodisias zugeschrieben)

Daneben wandert ein Haufen Nebenüberlieferungen und Popul?rphilosophie ins Arabische, wie zum Beispiel “Das Buch des Ammonios über die Ansichten der antiken Philosophen”. Dies ist ein Buch über Metaphysik, wobei alle antiken Philosophen herbeigezogen werden. Darin diskutieren diese Dinge, welche sie nie gesagt haben über Themen, welche sie so nie behandelt haben. Das Buch soll den Eindruck vermitteln, es gebe eine alte Weisheit.
Ein solches Buch kann zur Hauptquelle eines anderen Philosophen, zum Beispiel Sahrastání, werden (als Vorlage diente das Werk Hippolytos von Rom über die H?resien).

Zusammenfassend kann man über die griechisch- arabischen übersetzungen sagen:

  • Man begegnet einer ?lteren Kultur und setzt sich auf vielschichtige Weise damit auseinander, mit einer
  • ungew?hnlichen Dynamik, auf
  • zwei Ebenen: Einerseits wissenschaftlich hochstehend als Kern (Schulen mit Platon, Aristoteles usw.). Andererseits geschieht eine Umformulierung im Moment der Aneignung und zwar so früh, dass es die sp?teren Philosophen nicht merken.
  • Die islamische Philosophie w?chst auf breitem Boden

2. Abú Yúsuf al- Kind? (Alkindus, 800 – 870)

Kind?, beseelt von den neuen M?glichkeiten, war überaus an der Metaphysik interessiert und nahm aktiv am übersetzungsprozess teil. Er selbst kannte zwar die griechischen und syrischen Originaltexte nicht, gab aber Vorschl?ge und erteilte Auftr?ge. Seine Textbasis hat sich st?ndig ge?ndert, das heisst er hatte mit der Zeit mehr Texte zur Verfügung. Kind? hat den Neuplatonismus unmittelbar bearbeitet und in einen religi?sen Kontext gestellt, der für ihn akzeptabel war. Sein Anliegen war es, eine philosophische Grundlage für die spekulative Theologie der Mutasiliten zu schaffen, die sp?ter von den Imamiten, einer schiitischen Gruppe, übernommen wurde.

Biografie

Al- Kind? (auch Alkindus) wurde in Kufa geboren und studierte in Basra und Bagdad (heute Irak). Er stammt aus einer reichen Familie aus dem altarabischen K?nigsgeschlecht der Kinda. Dies erm?glicht ihm Privilegien in jeder Hinsicht: er ist ausgezeichnet gebildet in allen Wissenschaften seiner Zeit (Zeit des al- Ma’mún, dem F?rderer der Wissenschaften) und einer der frühen muslimischen Studenten der griechischen Philosophie des Altertums. Um etwa 840 wird er Prinzenerzieher in Bagdad. Nach dem Wechsel im Kalifat um 847 wird er jedoch vom Hof verbannt und seine Bibliothek konfisziert. Dieser Bruch wird heute folgendermassen interpretiert:

Privat
Konkurrenz mit Músá bin Sákirs S?hnen. Neid am Hofe, Streit um Gunst usw.
Religionspolitisch
Kind? hat rationale Argumente im Vordergrund, welche zu dieser Zeit ziemlich unpopul?r geworden sind. As- Safi’i (820) Vertritt die die Meinung dass das, was in Koran und Hadith steht, nicht rational erfassbar ist. Es steht in der Zeit also zur Debatte, ob man Philosophie betreiben soll oder nicht.
Werke

Wie auch immer die Lebensumst?nde waren, al- Kind? hat geschrieben bis zu seinem Lebensende. Sein Werk umfasst über 270 Arbeiten. Die zumeist kürzeren Abhandlungen befassen sich mit Themen der Philosophie, Medizin, Mathematik, Optik und Astrologie. Einige seiner Werke wurden w?hrend des Mittelalters ins Lateinische übersetzt und beeinflussten die christlichen Gelehrten Europas.

  1. “über die Definitionen und Beschreibungen der Dinge”Kl?rt Begriffe und ist nützlich als Einführung in seine Philosophie
  2. “über die erste Philosophie”Nicht vollst?ndig erhalten. Den Rahmen bildet Aristoteles (in der übersetzung Ustats.“Wir (=Muslime) dürfen uns nicht sch?men, die Wahrheit anzunehmen, woher sie auch kommt; sei es von früheren Generationen oder von fernen V?lkern.” (al-Kind?)
    • Für Kind? gibt es keinen Konflikt zwischen Religion und Philosophie. Beide Wissenschaften suchen die Wahrheit, und Wahrheit kann es nur eine geben
    • Die Welt ist endlich und geschaffen in der Zeit (—> Philoponos)
    • Sein Beweisgang bis Gott ist neuplatonisch
    • Gott steht über allem (Negative Theologie des Neuplatonismus)
    • Letzte Seite des Buches: “Creatio ex nihilo”

    Kind? ist st?rker am Islam gebunden als seine Nachfolger.

  3. “über die Anzahl der Bücher des Aristoteles”Was ist Wissen? Was ist g?ttliches, was menschliches Wissen?
    • Menschliches Wissen: Langer Prozess, mit Mühsal erworben
    • G?ttliches Wissen: Vollkommen. Offenbarung ist unantastbar und sagt all das, was der Mensch nur mühsam und unvollst?ndig erarbeiten kann

    Die Lehre des Koran wird als heiliges, die Philosophie als menschliches Wissen gedeutet.

    Weiteres Thema: Gott hat den Leib als etwas Neues und Unverg?ngliches erschaffen. Nach dem Tod wird der Leib ein zweites Mal für die Ewigkeit geschaffen —> Suhre 36, Vers 78 ff.
    Lange Zeit folgt Alkindus der Philosophie, an entscheidender Stelle steht aber ein klares Bekenntnis zum Islam.

  4. “über den vollkommenen, ersten, wahren Handelnden und den, der unvollkommen und im übertragenen Sinne handelt”Gegenüberstellung zwischen Gott und dem Menschen. Ausserdem eine Hinführung zu der These, dass Gott etwas aus dem Nichts erschaffen kann (creatio ex nihilo).
  5. “Die Lehre von der Seele; Zusammenfassung nach dem Buch Aristoteles’, Platons und der übrigen Philosophen”Die Seele ist vom K?rper getrennt. Den Menschen überkommen immer wieder Zorn und Begierden, doch diese Affekte sollen mit der rationalen Seele beherrscht werden. Man soll die k?rperlichen Begierden hinter sich lassen und die Seele reinigen mit dem Ziel, gott?hnlich zu werden. Dann muss die Seele nicht sterben.
    Die bekannte Einteilung der Seele in drei Seelenteile steht mit der platonischen Tradition in Verbindung. Auch die Str?mung des Hermetismus (2. bis 4. Jahrhundert) findet sich im Text wieder. So kann man vermuten, dass Kind? die Str?mungen der platonischen Tradition verarbeitet hat, aber nicht unbedingt voneinander unterscheiden konnte. Speziell bei Kind? ist die These, dass der Leib nicht verg?nglich ist, sondern mit der Seele in die Ewigkeit eingeht.
  6. “über den Intellekt”Das Thema hat keinen Konflikt mit der Religion. Kind? geht von Aristoteles’ “De anima” aus und stellt die Frage, was denn eigentlich der Intellekt sei, ob er zum Beispiel individuell oder überindividuell sei. Kind? kennt auch die entsprechenden Texte von Alexander von Aphrodisias und Philoponos. Der Intellekt hat nach al- Kind? vier Teile:
    • Der aktive Intellekt (intellectus agens)Dieser ist der prim?re Intellekt und das universale Prinzip aller sekund?ren Intellekte. Er enth?lt die Ideen, also alle geistigen Inhalte. Er ist das überindividuelle, geistige Wesen.
    • Der potentielle Intellekt (intellectus potentialis/ materialis)Die Denkf?higkeit der einzelnen Seele. Die Erkenntnisf?higkeit, welche bei der tabula rasa aktiviert werden kann.
    • Der aktualisierte Intellekt (intellectus adeptus)Das Verm?gen des einzelnen Menschen zu denken. Das Verm?gen, das Erworbene zu aktivieren. Der Zustand, dass man eigentlich etwas kann, dies aber gerade nicht ausübt (zum Beispiel der Zustand im Schlaf).
    • Der sichtbare Intellekt (intellectus demonstrativus)Die Stufe, in der man sein K?nnen tats?chlich ausübt. Der Intellekt wird dadurch sichtbar.

    Aus den zwei Aufteilungen des Aristoteles sind hier deren vier geworden. Aristoteles wird neuplatonisch umgedeutet: Die Dauert?tigkeit vom intellectus agens ist die Garantie für den intellectus adeptus.
    Die sp?teren Philosophen knüpfen an dieses Schema an, auch im lateinischen Mittelalter.

  7. “über die Ursache des Werdens und Vergehens”
  8. “über die Darlegung der Endlichkeit des Weltk?rpers”
  9. “über den Aufweis, dass sich die Natur der Himmelssph?re von den Naturen der vier Elemente unterscheide”7), 8) und 9) enthalten eine aristotelisch gepr?gte Kosmologie. Kind? kennt Philoponos‘ Aristoteleskritik. Auch seine Welt ist endlich (eigentlich eine aristotelische Welt, mit dem Unterschied, dass diese entstanden ist).
  10. “über den Aufweis, dass sich der ?usserste Himmelsk?rper vor Gott niederwerfe”Kind? geht von folgenden Voraussetzungen aus:
    • Der Koran hat immer recht
    • Wenn man den Koran richtig versteht, besteht auch kein Unterschied zur Philosophie

    Als Beispiel die Auslegung von Suhre 55, Vers 6: B?ume und Sterne werfen sich vor Gott nieder. Wie soll das geschehen? al- Kind? meint, die Stelle meine ‘gehorchen’. Die Voraussetzungen für ‘gehorchen’ sind Leben und Vernunft. Schon in Aristoteles Kosmologie sind diese Eigenschaften für Sterne und B?ume gegeben. Somit kann man mit Aristoteles den Koran besser verstehen. Kind? übertr?gt die Bedeutung und veredelt diese mit Philosophie.

Bei al- Kind? gibt es drei Ebenen:

Thema

Quelle

Zum Vergleich: Alexandria

Ontologie Aristoteles Physik (Sph?re unterhalb des Mondes)
Spezielle Metaphysik Neuplatonismus Traditionelle Theologie
Eigentliche Theologie Offenbarung Christliche Theologie (Philoponos)

Dies ist ein sp?tantikes System! Zusammenfassend kann man bei Kind? festhalten:

  • Er verarbeitet sofort alle Str?mungen, welche ihm begegnen
  • Für ein System reicht seine Zeit nicht
  • Für die letzten Entscheidungen wird die Religion so eingebaut, dass ihre Grunds?tze nicht gest?rt werden
  • Philosophie betreibt al- Kind?mit einer religi?sen Anbindung, die einzigartig ist und sp?ter im Islam nicht mehr vorkommen wird

Sp?tere Denker, die an al- Kind? orientiert sind:

  • Sarahsí (835 – 899)
  • Balchí
    Al- Kind?, Sarahsí und Balchí hatten ein grosses Interesse an Geographie
  • Ishaq al- Isrá’?lí (bis 955)
    Einer der ersten orientalischen Autoren, die ins lateinische Mittelalter eingeflossen sind (übersetzt von Constantinus Africanus: “Ysaac”) und der Beginn des Neuplatonismus im Judentum.
  • ‘Amirí (bis 992)

3. Ab? Bakr ar- Raz? (bis 925)

Auch der Iraner Ar- Raz?, ein hochangesehener Arzt, der in Bagdad lebte, verfasste etwa 150 Schriften und galt als der strikteste Rationalist unter den islamischen Philosophen. Ar- Raz? kümmerte sich im Gegensatz zu al- Kind? in keiner Weise um Religion. Er lehrte, dass Gott den Menschen die Vernunft gegeben habe und versuchte eine systematische Kritik von Bibel und Koran. Er galt dann auch als Ketzer und H?retiker im Islam. Deshalb sind wohl seine philosophischen Bücher, im Gegensatz zu seinen medizinischen (Standardlehrbücher über Jahrhunderte), weitgehend verloren. In seiner Schrift “Zweifel an Proklos” kritisiert er den neuplatonischen Gedanken der Ewigkeit der Welt. Ar- Raz? kannte offenbar Demokrit und Epikur. In seiner “Abhandlung über die Metaphysik” lehrt Ar- Raz? einen Atomismus mit fünf urewigen Prinzipien der Welt:

  • Der Sch?pfer (Gott)
  • Die Universalseele (ewiges Prinzip des Lebens)
  • Die erste Materie (atomistisches Verst?ndnis von Materie)
  • Der absolute Raum (mit Vakuum)
  • Die absolute Zeit (atomistisches Verst?ndnis der Zeit)

Man nimmt an, dass diese fünf Prinzipien vom “Timaios” abgeleitet sind – nebst anderen Elementen, wie zum Beispiel der Befreiung der Seele durch Erkenntnis und Erfahrung. Die Weltseele ist der Mittelpunkt seiner Philosophie – sie ist es, welche alles in Gang bringt. Gott schuf die Welt aus Barmherzigkeit gegenüber der Seele.
Ar- Raz? ist kein Atheist. Entscheidend ist für ihn, wie man zu Gott in Kontakt tritt. Religion ist nicht nur überflüssig, sie ist sogar sch?dlich, denn sie ist ein Irrweg. Die Rückführung zu Gott geschieht durch Erkenntnis, die jedem Menschen offen steht. Seine Kritik an der Religion umfasst unter anderem folgende Argumente:

  • Die Religion lehrt, dass Gott perfekt ist. In der Offenbarung findet man das Gegenteil davon.
  • Die meisten Kriege auf der Welt lassen sich auf Konflikte zwischen den Religionen zurückführen.
  • Die Propheten sind Betrüger: Moses, Jesus und Mohammed (“de tribus impostoribus”). Der wahre Imam ist Sokrates.

Ar- Raz? stellt in seiner Ethik Sokrates als grosses Vorbild in den Mittelpunkt. In seinem Werk “Die philosophische Lebensführung” verteidigt sich ar- Raz? gegen den Vorwurf , er rede zwar von Sokrates, aber handle überhaupt nicht gem?ss seiner Tugend:

1. Vorwurf
Ar- Raz? verhalte sich anders als Sokrates, Pflege Umgang mit den Reichen und achte auf seinen Geldverdienst. Sokrates sei ein armer, asketischer Mann gewesen.
2. Vorwurf
Selbst wenn ar- Raz? in allen Punkten Sokrates folgte, würde er nichts sinnvolles tun. Sokrates habe von Askese und Einsamkeit gesprochen, aber Aristoteles lehre den Umgang mit anderen Menschen.

Das Bild des asketischen Sokrates ist verschmolzen mit Diogenes. Diese Verschmelzung beginnt in der Sp?tantike und wird im Islam dominant. Ar- Raz? verteidigt sich:

1. Argument
Das Bild des Sokrates sei einseitig. In der Jugend lebte Sokrates asketisch und zurückgezogen. Sp?ter nicht mehr: er sei Krieger gewesen, habe geheiratet und Kinder bekommen (dieses Bild entspricht dem Kenntnisstand der damaligen Zeit).
2. Argument
Seine Lebensführung stimme mit dem reifen Sokrates überein – als Ideal, das er zu erfüllen versuche.

Nun folgen in seiner Schrift sechs Grunds?tze seiner Philosophie:

  1. Es gibt ein Leben nach dem Tod. Ob man danach glücklich ist oder nicht, h?ngt von diesem Leben ab.
  2. Der Mensch ist nicht für das Vergnügen geschaffen worden, sondern um
    • Wissen, Erkenntnis und
    • Gerechtigkeit

    zu erlangen.

  3. Die menschliche Natur will sinnliche Genüsse. Der Verstand zeigt oftmals, dass es besser ist, auf den direkten Genuss zu verzichten, um sp?ter einen h?heren Gewinn zu erreichen.
  4. Gott hat die Welt aus Barmherzigkeit geschaffen und will deshalb, dass auch die Menschen barmherzig sind – auch zu den anderen Kreaturen (Ar- Raz? ist beispielsweise gegen die Jagd).
  5. Man soll nicht nur andern keinen Schmerz zufügen, sondern auch sich selber nicht überm?ssig (—> gegen Askese und Selbstverstümmelung der Sufis).
  6. Gott hat jedem genügend Mittel für das Leben mitgegeben, und zwar in Bezug auf
    • den Lebensunterhalt und
    • die Erkenntnisf?higkeit

In dieser Ethik finden sich Platon und Epikur – überh?ht durch einen Gottesbegriff (Theismus in philosophischem Rahmen). Es geht um einen auf Gott ausgerichteten Ausgleich (Harmonie). Man dient Gott, indem man ihn nachahmt (“… in dem Masse, wie es dem Menschen m?glich ist”).

Bei al- Kind? muss sich die Philosophie in die Religion einordnen. Bei ar- Raz? ist dies nicht mehr der Fall. Wenn die Philosophie ernsthaft betrieben werden will, muss sie sich von der Religion l?sen. Auf lange Sicht haben aber weder ar- Raz?noch al- Kind? einen tieferen Einfluss auf die sp?tere islamische Philosophie ausgeübt.

III. Die Ausarbeitung einer islamischen Philosophie

1. Ab? Nasr al- Farab? (Alpharabius, ca. 873 – 950)

Al- Farab?, auch unter dem Namen Alpharabius bekannt, ist der erste bekannte islamische Philosoph, der den Primat der philosophischen Wahrheit über die religi?se Offenbarung stützt und behauptet, dass im Gegensatz zum Glauben der verschiedenen Religionen die philosophischen Wahrheiten auf der ganzen Welt dieselben seien. Damit setzt er die Grundkoordinaten neu.

Al- Farab? wurde in Farab, Turkistan (dem heutigen Usbekistan, N?he Taschkent), als Sohn türkischer Eltern geboren. Zun?chst studierte er in Chorasan (im Iran) und danach in Bagdad, wo er syrische Christen (Nestorianer) als Lehrer hatte, die auch mit der griechischen Philosophie gut vertraut waren (vor allem mit der Logik). Seine Lehrer kamen nicht aus der Richtung al- Kind?s. Sie haben sich u. a. durch die übersetzung der alexandrinischen Texte ins Arabische verdient gemacht. Schliesslich kam al- Farab? an den Hof von Sayf al- Dawla, dem Herrscher Aleppos in Syrien.

Der Stellenwert der Religion ist relativ gering bei al- Farab?. Sein erstes Interesse gilt der Logik, dann der Grammatik. In seinen metaphysischen Ansichten ist al- Farab? stark vom Neuplatonismus Plotins beeinflusst. Er postuliert ein g?ttliches Wesen, welches die Welt aus seiner rationalen Intelligenz heraus geschaffen hatte. Da Gott als erste Ursache sich selbst erkennender Geist ist, wird er als formgebendes Vorbild aller Realit?t verstanden. Die Welt als Produkt des st?ndigen Denkens Gottes ist ewig, weil Gott ewig ist. Al- Farab? glaubt, dass diese rationale Kraft zugleich als unsterblicher Teil in der menschlichen Existenz verankert sei. Daher erhebt er ihre Entwicklung zum h?chsten Ziel des Menschen. Das Seiende wird in einem Stufenmodell vorgestellt:

  1. Gott
  2. zehn Intellekte (Sph?rengeister oder eine Art transzendentale, geistige Wesenheiten)
  3. menschliche Vernunft
  4. Seele
  5. Form
  6. Materie

Diese Stufen beschreiben zugleich den Prozess der menschlichen Erkenntnis und der Evolution des Denkens, und zwar erg?nzend, nicht etwa abl?send:

Stufe

Repr?sentation der Wahrheit

Entwicklung des einzelnen Menschen

Sprache Religionen Ern?hrung
5 Sinne
Ged?chtnis
Poesie Vorstellungskraft
Prosa Denkf?higkeit —> das Denken der Menge
Rhetorik
Grammatik Theologie Denkf?higkeit —> das Denken der Theologen
Mathematik
Physik
Dialektik (Platon)
Sophistik
Politik (Platon) Philosophie Denkf?higkeit —> das Denken der Philosophen
Demonstrative Logik (Aristoteles)

Nach diesem Stufenplan entwickelt al- Farab? in seiner Schrift “Der Musterstaat” eine politische Theorie des theokratischen Führerstaates. Darin passt er das platonische System (wie es in der “Politeia” und den “Nomoi” dargestellt ist) an die politische Situation des Islam an.

Von seinen rund 100 Werken sind viele, darunter auch seine Erl?uterungen zu Aristoteles, verloren gegangen. Andere sind nur in der mittellateinischen übersetzung erhalten geblieben. Neben seinen philosophischen Schriften stellte er in “Die Aufz?hlung der Wissenschaften” einen Wissenschaftskatalog zusammen, das erste islamische Werk, in dem der Versuch einer Systematisierung des menschlichen Wissens unternommen wurde:

  1. SprachwissenschaftDie Sprachwissenschaft hat nach al- Farab? zwei Aufgaben:
    • Behandelt die W?rter
      Bewahrt wird die Bedeutung des einzelnen Wortes und der zusammengesetzten Ausdrücke
    • Regelt den Gebrauch dieser W?rter
      Richtiger Gebrauch von einfachen und zusammengesetzten Ausdrücken, Orthografie, Aussprache, Rezitation, Betonung und Metrik

    Die Sprache ist also nach al- Farab? gegeben, sie muss nur noch richtig gebraucht werden. Auch gibt es viele Sprachwissenschaften —> sie behandelt also etwas, was die Menschen unterscheidet.

  2. LogikDie Logik untersucht etwas, was den Menschen gemeinsam ist. Sie untersucht das Denken, die innere Sprache des Menschen mit Regeln, die allen verbindlich sind. Aristoteles Teil IV des “Organon” dient al- Farab? als umfassende Methodenlehre.
  3. MathematikArithmetik, Geometrie, Optik, Astronomie, Musik, Mechanik, Statik (Gewichte) und Ingenieurwissenschaften
  4. Physik und MetaphysikIn der Physik will al- Farab? keine Frage offen lassen und ist daher ziemlich umfassend. Wo von Aristoteles nichts vorhanden ist, werden Pseudo- Schriften herangezogen: das “Steinbuch” oder “De plantis”. Die Metaphysik ist relativ blass. Auch hier wird mit der “Theologie des Aristoteles” eine Pseudo- Schrift eingearbeitet.
  5. Politik, Recht und TheologieDie Politik wird zum zentralen Element. Das Ziel ist ein Staat zu bilden, in dem die “Politeia” verwirklicht ist (medina=polis). Die Politik ist in jedem Staat gleich, egal auf welchem Recht oder auf welcher Theologie er sich abstützt. Das Recht und die Theologie garantieren nur, dass bestehende Staaten gut funktionieren. Der Staatenlenker soll Philosoph und Prophet sein (Platon und Mohammed), denn es geht um die Wahrheit. Nur der Prophetenphilosoph kann die Wahrheit allen Menschen im Staat zuteil werden lassen. Der Staatengründer hat die Aufgabe, die Menschen durch die Wahrheit zum Glück zu führen, denn Glück ist der Zweck des ganzen Gebildes (siehe “Die Erlangung des Glücks”).Der aktive Intellekt widerspricht sich nicht selber, deshalb kann er als Quelle der Wahrheit für Offenbarung und Philosophie gelten – deshalb kann beides wahr sein. Vollkommene Erkenntnis ist im Diesseits m?glich, denn der Mensch kann vom aktiven Intellekt aktiviert werden.
  • —> Emanzipation der Philosophie
    Die Philosophie dominiert bei al- Farab? eindeutig die Wissenschaften. Sie wird universal gedeutet und steht über den Einzelwissenschaften (im Gegensatz zu al- Kind?). Laut Farab? ist Medizin keine Wissenschaft, sondern ein Handwerk. Alchemie ist sowieso nur Unfug.
  • —> Neuordnung der Philosophie
    Al- Farab? macht keine Einteilung in theoretische und praktische Wissenschaften. Beides kommt in allen Wissenschaften vor: zuerst die Erfahrung, dann leitet man davon Regeln ab. Die Theorie ist h?her und das Ziel der Wissenschaft. Damit folgt er nicht mehr der aristotelischen Einteilung der Wissenschaften, sondern denkt eher modern.
  • —> Einteilung der Wissenschaften
    1. Universale Wissenschaft
      Philosophie: Logik, Mathematik, Physik, Metaphysik, Politik
    2. Partikulare Wissenschaft
      Arabische Sprachwissenschaft: Islamische Theologie, islamisches Recht
      Griechische Sprachwissenschaft: Christliche Theologie, christliches Recht
      Indische Sprachwissenschaft: …

Problematisch: Was al- Farab? schreibt, betrifft nicht den einzelnen Menschen, sondern immer eine Gemeinschaft. Das Schicksal des Individuums ist abh?ngig vom Staat, in dem es lebt (auch im Hinblick auf das Leben nach dem Tod).

2. Isma’?liten und Ihwan as- Safa’

Literatur:
Friedrich Dieterici. Die Philosophie bei den Arabern im X. Jahrhundert nach Christus. Gesamtdarstellung und Quellenwerke (16 B?nde). Hildesheim: Olms 1969

Ihwan as- Safa’ =die Lauteren Brüder. Diese Leute wahren wahrscheinlich in Basra beheimatet. Ihr Textkorpus ist das umfangreichste philosophische Werk aus dem islamischen Bereich. Die popul?re, einfache und zug?ngliche Form hatte eine grosse Breitenwirkung. Die Lektüre dringt dadurch auch in den Islam ein, wobei der sunnitische Islam dafür weniger ansprechbar war. Dia Schia (genauer: die Isma’?liya =die Siebener- Schia) hatte mehr Verwendung dafür:

Bis etwa 900 vertritt die Isma’?liya eine gnostische Lehre. Man spricht darin von Weltzeitaltern, die jeweils mit einem Propheten beginnen. Diese Kosmologie wird im 10. Jahrhundert durch die neuplatonische Philosophie überw?lbt (Nasaf?, 942):

  1. Gott (fiat…)
  2. Intellekt
  3. Seele
  4. Planeten
  5. Welt

In dieser Zeit sind auch die Schriften der Lauteren Brüder entstanden. Es sind 52 von einander unabh?ngige, abgeschlossene Schriften, in der die Philosophie zusammengefasst und dargestellt wird. Die Ausrichtung ist neuplatonisch im Zeichen des Pythagoras (entspricht ebenfalls dem Kenntnisstand der Zeit). Es ist der Versuch, dieses Wissen als Anleitung zum besseren Leben zu vermitteln —> L?uterung der Seele, auf dass die Menschen wie Brüder leben k?nnen. Der Tonfall der Texte ist würdevoll und initiiert eine Weisheit. In einer der Abhandlungen steht, dass vier Arten von Quellen benutzt worden seien:

  1. Mathematisch- naturwissenschaftliche Werke
    • Aristoteles
    • Pythagoras
    • Euklid
    • Ptolem?us
    • Porphyrios
  2. Thora, Evangelien, Koran und andere religi?se Schriften
  3. Bücher über die Physik, damit man die inneren Gegebenheiten der Dinge erkenne
  4. G?ttliche Bücher: Gemeint ist wohl eine intuitive Einsicht, die hinter diesen Büchern der Ihwan as- Safa’ steht

Auff?llig an diesen Texten ist die Aufforderung zur Askese (—> Sufismus, eine asketisch- mystische Richtung im Islam) und damit die Forderung zum Z?llibat, ebenso wie das Geschichtsbild der sieben Weltzyklen (—> Isma’?liya). über die Autorschaft hinter den Lauteren Brüdern gibt es verschiedene Theorien (zwei Philologen gelten als gesichert):

  1. Offizielle Doktrin der Fatimiden. Propagandistische Darstellung der Lehre der Isma’?liya (Y. Marquet)
  2. Der Versuch, im Islam neuplatonisch zu denken (S. Diwald)
  3. Der Textkorpus geh?rt zur Isma’?liya, aber ganz sicher nicht als offizielle Lehre, sondern zu einer Art Geheimbund (A. Bausani)
  4. Der Textkorpus geh?rt nicht zur Isma’?liya. Er will neuplatonisch sein als legitimer Nachfolger des sp?tantiken Neuplatonismus (I. R. Nelton)
  5. Der Versuch neu zusammenzufassen, was nach der politischen Erschütterung die Karmatiden noch glauben k?nnen (W. Madelung)

3. Ibn S?na (Avicenna, ca. 980 – 1037)

Der in der arabischen Welt unter dem Namen Ibn S?na bekannte persische Denker und Arzt stammte aus der N?he der usbekischen Stadt Buchara. Dort studierte der Sohn eines staatlichen Würdentr?gers (Verwaltungsposten) den Koran, Literatur, islamisches Recht, Mathematik und Philosophie. Seine Familie (Vater und Bruder) folgte der Isma’?liya. Der Legende nach ernannte ihn im Alter von 18 Jahren der Samanidenherrscher von Buchara als Anerkennung für seine grossartigen medizinischen F?higkeiten zum Leibarzt. Dieses Amt hatte er bis zum Fall des Samanidenreiches 999 inne, was ihm erlaubte, die Bibliothek der Samaniden zu benutzen. Hier will er viele Bücher gesehen haben, die es sp?ter nicht mehr gab. Die letzten 14 Jahre seines Lebens verbrachte er als wissenschaftlicher Berater und Arzt am Hof des Fürsten von Isfahan.

Avicenna vollbrachte herausragende Leistungen auf den Gebieten der Medizin und der Philosophie und gilt den Muslimen als einer der wichtigsten Denker aller Zeiten. Sein Werk “Kanon der Medizin” z?hlte im Mittleren Osten wie in Europa lange zu den bedeutendsten Lehrbüchern. Es enth?lt eine für damalige Verh?ltnisse einzigartige systematische Klassifikation, die das gesamte medizinische und heilkundliche Wissen der Epoche umfasst. Die erste lateinische übersetzung wurde im 12. Jahrhundert angefertigt, die hebr?ische Ausgabe wird auf 1491 datiert. Auf arabisch erschien die Schrift 1593 als zweites in dieser Sprache gedrucktes Buch überhaupt.

Avicenna kennt sowohl die Texte der Ihwan as- Safa’ als auch der anderen Isma’?liten. In Bezug auf al- Farab? und Aristoteles entwirft er seine Philosophie, welche die arabische Welt ausserordentlich gepr?gt hat. Eine Besch?ftigung mit Philosophie und Metaphysik im Islam nach 1200 ist immer auch eine Besch?ftigung mit Avicenna. In seiner Trennung zwischen Essenz und Existenz übt er ab 1200 einen grossen Einfluss in Europa aus, namentlich auf Thomas von Aquin. Als rationeller Philosoph hat er es verstanden, die ihm vorliegenden Probleme zu vereinen und neu zu systematisieren. Er wird nach Aristoteles zum neuen Vorbild der systematischen Philosophie erkoren. Avicennas Schwerpunkte sind von Anfang an die Metaphysik und die einzelne Seele des Menschen, womit er auch eine Verbindung zwischen Philosophie und Islam schafft (Kompensation der Schw?chen des al- Farab?). Seine Durchsetzungskraft beruht auf diesen “transformierten Teilen des Islam” (Kritik des Averroes). Die Werke Avicennas (Auswahl):

  • 997: “Kompendium über die Seele”
  • ca. 1000: “Fragen und Antworten” (mit/ gegen al B?run?)
  • 1001: “Die Philosophie für ‘Arud?”
  • 1002/ 3: “Das Verfügbare und das Gültige” sowie “Fr?mmigkeit und Sünde”
  • 1013: “Der Ursprung und die Bestimmung”
  • 1014: “Der Zustand der menschlichen Seele”
  • 1020 – 27: “Die Heilung”
  • 1027: “Die Rettung”
  • 1027: “Die Philosophie für ‘Ala'”
  • ca. 1028: “Die ?stlichen” oder “Die ?stliche Philosophie”
  • 1028 – 29: “Die gerechte Beurteilung”
  • 1030 – 34: “Die Hinweise und Erinnerungen”
  • 1037: “über die rationale Seele”

“Die Hinweise und Erinnerungen” ist das Buch, welches die orientalische Rezeption massgebend beeinflusst hat. Avicennas im Westen bekanntester Titel heisst hingegen “Die Heilung” (Kitab ash-Shifa) und enth?lt eine Sammlung von Abhandlungen über aristotelische Logik, Metaphysik, Psychologie, Naturwissenschaften und andere Themen. Avicennas eigenes Konzept verbindet Ideen des Aristoteles mit dem Gedankengut des Neuplatonismus.

Autobiographie

Avicenna beschreibt in seiner Autobiographie das Curriculum seiner Zeit:

  1. Studium des Koran
  2. Literatur
  3. Jurisprudenz
  4. Mathematik
  5. Philosophie

Er berichtet über seinen Erkenntnisfortschritt, den er von frühester Jugend an besonders schnell und sicher auf h?chstem Niveau vollzieht, gem?ss seinem Satz “… in dem Masse, wie es den Menschen m?glich ist.” Avicenna spricht damit die Intuition an, womit er die h?chste Form der Rationalit?t meint. In seinem Buch “Die Rettung” beschreibt er diese Intuition: Sie vollzieht sich in der Verbindung des potentiellen Intellektes mit dem aktiven Intellekt und stellt somit die bestm?gliche Art des Erkennens dar. Die st?rkste rationale Seele erfasst alles intuitiv in kürzester Zeit, wie er das in seiner Autobiographie eindrücklich schildert. Er nennt drei Beispiele, die er in einer Situation der geistigen Blockade anwendet. Diese k?nnen überheblich wirken – gemeint sind aber M?glichkeiten, sich dem aktiven Intellekt zu ?ffnen:

  • Das Beten in der Moschee
    Beispiel dafür, wie Avicenna die Religion an einem bestimmten Platz einbaut
  • Trinken von Wein
    Medizinischer Gedanke. Wein gilt (im Masse) als Medikament
  • Das Tr?umen
    Illumination durch den aktiven Intellekt

Konsequenzen für die Prophetie: Der aktive Intellekt schenkt dem Propheten Bilder und Vorstellungen durch die Intuition. Der Koran ist etwas, das die Philosophie in verschlüsselter Form darstellt. Die Philosophie kann diese Bilder auswerten, auslegen und begründen:

  1. Form: Imagination (Symbole und Bilder)
  2. Form: Intuition (rationaler Teil, Intellekt)

Dabei gilt Avicenna die Philosophie als die h?here Form der Erkenntnis. Aber die Auslegung der Offenbarung geschieht bei ihm in religi?ser Sprache, mit Respekt vor dem Koran. Der Kenner des Koran wird abgeholt und für die Philosophie gewonnen. Beispiel Suhre 24, Vers 35 (Lichtvers): “Gott ist das Licht von Himmel und Erde …”. Für Avicenna ist das Licht die Illumination, die Erkenntnis. Das Feuer der aktive Intellekt und die Nische, welche beleuchtet werden kann, ist der potentielle Intellekt.

Metaphysik

Der Gottesbeweis ist für Avicenna wichtig. Damit steht er in einer Tradition:

  1. Aristoteles: Metaphysik XII, Die Bewegung
  2. Al- Kind?: Neuplatonischer Beweis
  3. Islam: Seiendes wechselt st?ndig in seinen Zust?nden. Seiendes besteht deshalb aus Atomen und deren Akzidenzien. Akzidenzien sind in der Zeit entstanden. Keines der seienden Dinge kann vor den Akzidenzien bestanden haben. Das heisst, auch die Dinge sind geschaffen in der Zeit. Wenn alles in der Zeit entstanden ist, muss es einen Urheber geben

Die ersten beiden Gottesbeweise werden von Avicenna nicht aufgegriffen. Der islamische Beweis geht von zwei Axiomen aus:

  1. Axiom: Alle Dinge müssen Akzidenzien haben
  2. Axiom: Alle Akzidenzien sind in der Zeit entstanden

Dem in der Zeit Entstandenen steht allein Gott, der Ewige, gegenüber. Avicenna meint, entscheidend sei, dass Seiendes wesenhaft Kontingentes ist, also eigentlich nicht sein müsste. “In der Zeit entstanden” steht gegenüber “ewig”, Kontingenz gegenüber Gott. Darauf aufbauend entwickelt er seinen eigenen Gottesbeweis: Seiendes muss entweder m?glich oder notwendig sein. Wenn aber etwas m?glich ist, dann h?ngt es von etwas Notwendigem ab, welches es m?glich gemacht hat (3. Axiom: Kontingentes h?ngt von etwas aus sich heraus Notwendigem ab). Also ist Gott dasjenige, was notwendigerweise existiert. Dabei ist das Wirken ein essentielles Attribut der Ursache, damit die Notwendigkeit gegeben ist —> Gleichzeitigkeit (Koexistenz) der Kontingenz mit der Notwendigkeit.

Die Freiheit Gottes (unter Umgehung der causa secunda direkt etwas herzustellen) hat für Avicenna keine beweiskraft. Die Parallele zur Theologie ist also vorhanden, das Ergebnis war aber sowohl für islamische als auch christliche Theologen nicht ganz das gewünschte: Einschr?nkung der Allmacht Gottes, Sch?pfung nicht im Sinne der Offenbarung, sondern im Sinne des Neuplatonismus. Avicenna legt seine Kosmologie auch ziemlich nach dem Vorbild des al -Farab? an.

Als Grundlage für den Gottesbeweis dient Avicenna die Unterscheidung zwischen Existenz und Essenz. Auch Aristoteles hat die beiden Begriffe verwendet, wenn es um das Denken oder um die Logik ging, nicht aber für die Ontologie. Denn dass die Substanzen existieren, ist Ausgangspunkt der aristotelischen Philosophie. Anders bei Avicenna: die Existenz ist nicht notwendigerweise mit der Essenz verbunden:

  1. Die konkrete, partikulare Existenz
  2. Der universale Begriff, die Existenz in der Vorstellung
  3. Das Wesen einer Sache —> Essenz

Essenzen sind kontingent. Gott bildet eine Ausnahme, da es zu seinem Wesen geh?rt, dass er ist. Hier erscheint eine neue Dichotomie: selbst?ndiges Sein – abh?ngiges Sein. Damit ist die alte Substanzenlehre des Aristoteles zerst?rt.

Seelenlehre

Der Mensch hat immer ein Bewusstsein seiner Existenz. Dieses Bewusstsein ist nicht k?rperlich begründet, denn es ist zum Beispiel auch im Traum vorhanden. Man stellt sich unter seinem Selbst auch nicht seine K?rperteile vor. Also ist dieses Bewusstsein die Seele. Ohne diese unk?rperliche Kraft würde der Mensch auseinander brechen. Mit dem “fliegenden Menschen” macht Avicenna ein ?hnliches Gedankenexperiment wie Descartes nach ihm: Man ist sich immer seiner Selbst bewusst und braucht dazu keine Beziehung zur Umwelt. Im Unterschied zu Descartes ist dieses Sein aber kein Ergebnis, welches man durch Zweifel feststellt, sondern ein apriorischer Begriff.

Die Seele geht nach Avicenna aus dem aktiven Intellekt hervor und bleibt fortan immer bestehen als etwas Unzerst?rbares. Damit mündet seine Psychologie auch wieder in einer Erkenntnistheorie:

  1. Der potentielle Intellekt
  2. Der Intellekt mit Disposition (Notwendigkeit, M?glichkeit, Sein und einige Axiome)
  3. Der aktuelle Intellekt
  4. Der erworbene Intellekt —> Vereinigung mit dem aktiven Intellekt

Avicenna kommt dem Islam zwar nahe, kümmert sich aber keinesfalls darum, dessen Lehre zu erfüllen. Er folgt in zentralen Punkten dem Islam, lehnt aber zum Beispiel die Auferstehung des Leibes ab. Er verwendet islamische Begriffe und füllt diese mit neuem Inhalt. Dies musste fast zwangsl?ufig Kritik hervorbringen:

IV. Das Ringen um den rechten Weg

1. Al- Ghazal? (Algazel, ca. 1058 – 1111)

Der vom Sufismus gepr?gte al- Ghazal? (lat. Algazel) schwebt zwischen Bewunderung und Ablehnung des Avicenna. Geboren wurde al- Ghazal? in Tus bei Meshed (Persien, heute Nordosten Irans). Seine Familie waren fromme Leute. Seine Ausbildung war diejenige eines islamischen Gelehrten: Koran und Kommentare, islamisches Recht und Hilfswissenschaften (zum Beispiel Grammatik) und die Biografien früherer Gelehrter. Da er als Gelehrter einen ausgezeichneten Ruf hatte, wurde al- Ghazal? 1091 von Nizam al-Mulk, dem Wesir des Seldschuken-Sultans, als Professor an die Nizamiya-Universit?t in Bagdad berufen.

Ziemlich bald aber hat al- Ghazal? zwischen 1091 bis 1095 mit Zweifeln zu ringen: Ist dieser wissenschaftliche Betrieb an seiner Universit?t wirklich dazu angetan, zu Gott zu führen oder nur um zu blenden? Kann man überhaupt etwas sicher erkennen? Falls ja, woher holt man sich die Erkenntnis?

  • Angebot 1: Islamische TheologieDie Theologie hat nach al- Ghazal? vor allem die Aufgabe, den Glauben zu verteidigen. Sie ist sinnvoll, st?sst aber nie ganz zu den eigentlichen Gründen vor. Al- Ghazal? hat sich deshalb bemüht, die Theologie seiner Zeit durch aristotelische Argumentation im Niveau zu heben.
  • Angebot 2: Philosophie (al- Farab?, Avicenna)Gegenüber der Philosophie hat al- Ghazal? eine ambivalente Haltung: Einerseits scheint sie ihm hochstehend und überlegen, andererseits abwegig und irreführend. Er m?chte einerseits, dass Avicenna studiert wird, andererseits will er zeigen, dass Avicenna nicht recht hat:
    • 1094: “Die Absichten der Philosophen” (Keine Kritik, nur Beschreibung der Philosophie des Avicenna, was al- Ghazal? im lateinischen Mittelalter den Ruf als besten Avicenna- Schüler eingebracht hat)
    • 1095: “Die Inkoh?renz der Philosophen” (Eigentliche Kritik)

    Gegen die elit?re Position des Ibn Bagga wendet er ein, wenn die Philosophie nicht für die Massen gut sei, dann sei sie es überhaupt nicht.

  • Angebot 3: Isma’?liya (politisch stark zu der Zeit)Lehnt al- Ghazal? ab, da man Erkenntnis nicht durch irgendeinen Imam bekomme, der einen in Geheimnisse einweiht.
  • Angebot 4: Mystik (Sufik)Nach al- Ghazal? ist das kontemplative Leben der beste Weg für einen Gl?ubigen. Nicht alle Sufis sind ernstzunehmen, aber es ist die beste Art, tugendhaft zu leben.

Im Jahr 1095 gibt al- Ghazal? aufgrund dieser pers?nlichen Glaubenskrise die Stelle auf, verl?sst seine Familie und wird Sufi. Die Krise des al- Ghazal? ist eine beispielhafte Dokumentation für die Konflikte seiner Zeit, die auch andere Menschen erleben. Er war sich der Beispielhaftigkeit seiner Auseinandersetzung bewusst, weshalb er dieses Ringen um den rechten Weg autobiografisch beschrieb in seinem Werk “Der Erretter aus dem Irrtum” (1007). Darin postuliert er die “Gewissheit” als zentralen Begriff seiner Erkenntnislehre im Wahrheitsbewusstsein. Diese Gewissheit lernt man weder in der Erziehung durch die Eltern noch durch die Religion. Als weitere Quellen bieten sich nach al- Ghazal? die Evidenzen der Sinneswahrnehmung und der Denknotwendigkeiten (Axiome). Dabei unternimmt er zwei skeptische Schritte:

  • 1. skeptischer SchrittDie Sinneswahrnehmung ist nur vordergründig zul?ssig, denn sie kann leicht get?uscht werden. Im Grunde genommen ist alles Illusion.
  • 2. skeptischer SchrittSchlafen/ Wachen: Der Wachzustand bietet auch keine Gew?hr, dass die Axiome gültig sind. Das ganze Diesseits k?nnte einem Schlaf entsprechen. Das Bewusstsein ist ausserstande, die Wirklichkeit zu erfassen.

Daraus folgt: Man arbeitet immer mit Voraussetzungen, die zweifelhaft sind. Ein Beweis l?sst sich nicht führen, wenn man die Axiome nicht anerkennt. Das Eingreifen Gottes ist demnach notwendig, um zur Erkenntnis zu gelangen. Al- Ghazal?s mystisches Sp?twerk “Die Nische der Lichter” (Interpretation der 24. Koransure) vergleicht das wirkliche Wissen mit einem Lichtstrahl, den Gott als Gnadengeschenk in das Herz der Menschen sendet. Das Objekt der Erkenntnis (Gott) wird nicht erschlossen, sondern man wird von ihm erschlossen (Parallele bei Augustin).

Da für al- Ghazal? die Philosophie ein grosses Problem ist – sie kann mal wahr, mal falsch sein – sucht er einen mittleren Weg und erarbeitet eine Theologie, welche im Vergleich zur alten Theologie umfassender und tragf?higer ist. Al- Ghazal? geht von der Gotteserfahrung aus und baut darauf seine Argumentation auf. In seinem Buch “Die Wiederbelebung der religi?sen Wissenschaften” (1099) beschreibt er seine Gesamtansicht von der Religion, in der er Elemente aus den drei, ehemals als gegens?tzlich erachteten Erkenntnisquellen vereint: Tradition, Vernunft und Mystizismus. Das Werk wurde neben dem Koran als bedeutendstes Buch des Islam angesehen. Al- Ghazal? übte damit grossen Einfluss auf die nachfolgenden Denker aus und trug zu wesentlichen Ver?nderungen bei:

  • Die Philosophie wurde von al- Ghazal? in Form der Logik an die Theologie herangeführt und integriert,
  • Theologie und Mystik mit grossem Erfolg zusammengebracht und
  • die Philosophie ver?ndert.

Bezeichnend ist der Titel seines Werkes “Der innere Widerspruch der Philosophen”, in welchem er 20 Thesen gegen die Inkoh?renz in der Philosophie (vor allem Teilen al- Farab?s und Avicennas) vorbringt:

  1. Widerlegung ihrer Lehre von der Anfangslosgkeit der Welt;
  2. Widerlegung ihrer Lehre von der Endlosigkeit der Welt, der Zeit und der Bewegung;
  3. Er?rterung ihrer vorget?uschten Aussage, Gott sei Sch?pfer der Welt und die Welt sei von ihm gemacht: dass dies bei ihnen eine blosse Metapher ohne Wahrheitsgehalt sei;
  4. Er?rterung ihrer Unf?higkeit, den Beweis für die Existenz des Sch?pfers der Welt zu erbringen;
  5. Er?rterung ihrer Unf?higkeit den Beweis darüber zu führen, dass nur ein Gott sei und dass es nicht zwei Wesen geben k?nne, deren Existenz notwendig und ohne Ursache sei;
  6. Widerlegung ihrer Lehre, Gott habe keine Eigenschaften, wie etwa Allwissen und Allmacht;
  7. Widerlegung ihrer Aussage, dass es nicht m?glich sei, dass der Erste mit einem Anderen an einem Genus teilhabe, und er sich von ihm im Hinblick auf die Spezies unterscheide;
    Die Punkte 6 und 7 zielen auf den neuplatonischen Begriff des Einen, über das nichts ausgesagt werden kann.
  8. Widerlegung ihrer Aussage, dass der Erste einfach (ohne Eigenschaften) existiere, d. h. dass er reine Existenz sei;
  9. Er?rterung ihrer Unf?higkeit den Beweis zu erbringen, dass der Erste unk?rperlich sei;
  10. Er?rterung ihrer Unf?higkeit den Beweis zu führen, dass die Welt einen Sch?pfer und eine Ursache habe;
  11. Darlegung der Unf?higkeit derjenigen unter ihnen (der Philosophen), die der Ansicht sind, der Erste kenne zwar anderes ausser sich selbst, aber nur Gattungen und Arten im universellen Sinne;
    Zielt auf das Problem der Pr?destination
  12. über ihre Unf?higkeit den Beweis zu führen, dass Er auch sich selbst kenne;
  13. Widerlegung ihrer Aussage, dass Gott – erhaben sei Er – keine singularia kenne;
  14. über ihre Unf?higkeit den Beweis zu erbringen, dass der Himmel ein Lebewesen sei, das Gott in freiwilliger Bewegung gehorche;
  15. Widerlegung ihrer Aussage, dass es für die Himmelsbewegung einen Zweck gebe;
  16. Widerlegung ihrer Aussage, dass die Seelen der Himmel um alle in dieser Welt geschehenden singularia wüssten;
  17. Die Verknüpfung zwischen dem, was man gew?hnlicherweise als Ursache bezeichnet und dem, was man für die Wirkung h?lt, ist für uns nicht notwendig;
    Aufbau des Kapitels:
    • Prolog: Exposition des Themas
    • I. Die erste Stufe (maqám) der Erkenntnis
      Die Kausalit?t liegt bei Gott
    • II. Die zweite Stufe der Erkenntnis
      Die h?here Ursache wirkt durch Emanation auf die niedere Ursache je nach Disposition des Substrates
      1. Der erste Weg
        Occasionalismus: Gott kann unter Umgehung der causa secunda direkt etwas herstellen. Auswirkung auf die Erkenntnistheorie: Erkenntnis, weil Gott die Korrelation zwischen Wissen und der Wirklichkeit herstellt (kein genius malignus wie bei Descartes diskutiert)
      2. Der zweite Weg
        Kontingenz und M?glichkeit von Wundern. Eigentlich eine rationale Erkl?rung für Wunder, da Gott wirken kann, wie er will (‘Wunder’ nur aus Sicht der Menschen)
    • III. Die dritte Stufe der Erkenntnis
      Die Grenzen der Allmacht Gottes: Der Satz vom Widerspruch, Implikationsverh?ltnisse (Spezielles erm?glichen was im Allgemeinen nicht vorhanden ist), physikalische Verh?ltnisse (keine Wandlung der Akzidenzien bei gleichem Substrat)
  18. Die Untauglichkeit rationaler Beweisführung darüber, dass die menschliche Seele als geistige Substanz in sich selbst existiere, keinen Sitz im K?rper habe und weder selbst K?rper noch einem K?rper eingepr?gt sei und weder mit einem K?rper in Verbindung stehe noch von ihm getrennt sei;
  19. Widerlegung ihrer Aussage, dass die menschlichen Seelen nicht vergehen k?nnten, nachdem sie einmal existierten, und dass sie ewig seien und ihre Verg?nglichkeit unvorstellbar sei;
  20. Beweisführung, dass sie (die Philosophen) zu Unrecht die Auferstehung der menschlichen K?rper, die Rückkehr der Seelen in die K?rper, die materielle Existenz der H?lle, des Paradieses, der Paradiesjungfrauen und alles andere leugneten, was den Menschen im Jenseits versprochen ist.

Al- Ghazal? richtet sich nicht allgemein gegen die Philosophie, sondern macht sich einerseits daran, die neuplatonischen Theorien der anderen moslemischen Philosophen zu widerlegen. Diese widersetzten sich den religi?sen Lehren von der Sch?pfung, der Unsterblichkeit der Seele und der g?ttlichen Vorsehung (Thesen 1, 13 und 20 bedeuten ‘Unglaube’). Immer wenn er den Ausdruck ‘Widerlegung’ gebraucht, setzt er sich von den Philosophen ab (—> H?resie).
Andererseits kritisiert er deren Argumentation: Wenn er Dinge wie ‘Unf?higkeit’ anführt, ist er mit den Philosophen einer Meinung, ?rgert sich aber über deren Beweisführung (—> Methodik). Das heisst, in mindestens 8 Punkten teilt er die Thesen der Philosophen und hebt sich damit auch nicht in seinem bedeutendsten Werk von der Philosophie ab. Al- Ghazal? tr?gt im Gegenteil dazu bei, dass sich die Philosophie ihres – zu der Zeit etwas dogmatischen – Standpunktes bewusst wird. Es ist die Einsicht, dass man mit der menschlichen Vernunft nicht alles erkennen kann.

In seinen Widerlegungen hat al- Ghazal? mit zwei islamischen Traditionen umzugehen:

  1. Der Aufbau der WeltDie Frage danach, was ein Seiendes ist. Die Theologen behaupten, jedes Ding, das geschaffen ist, muss entweder etwas K?rperliches oder ein Akzidenz sein. K?rperliches besteht aus Atomen. Akzidenzien k?nnen nicht für sich existieren, sondern bedarfen eines Substrates —> Die Theologie war stark physikalisch interessiert (Weltmodell) —> Metaphysik.
  2. Die Dauer von SeiendemSeiendes existiert so lange, wie Gott ihm das Akzidens ‘Dauer’ gibt. ‘Dauer’ ist nicht stabil, sondern muss in jedem Moment von Gott erhalten werden (atomistisches Zeitmodell, welches von der anerkannten aristotelischen Definition abweicht).

Diese Punkte wirken sich auf die Kausalit?t aus: Ein Seiendes kann nichts bewirken, sondern nur Gott, welcher alles zentral steuert. Gott hat sich nicht an die physikalischen Gesetze zu halten, sondern tut es, weil er es so will; die Gewohnheit Gottes sorgt dafür, dass die Ereignisse stabil ablaufen. Naturwissenschaft beschreibt also die Gewohnheit Gottes. An Stelle eines kausalen Gesetzes ist Gott getreten, d. h. die Kausalit?t geht vom Sch?pfer aus.
In der europ?ischen Philosophiegeschichte hat man das sp?ter Occasionalismus genannt, weil Gott bei Gelegenheit eines Ereignisses etwas bestimmtes unternimmt. Diese Theorie hat bis ins europ?ische 17. Jahrhundert gewirkt:

  • Moses Maimonides
  • Thomas von Aquin: “Loquentes in lege Maurorum”. Thomas argumentiert dagegen
  • Malebranche reagiert im 17. Jahrhundert auf den Descart’schen Leib/ Seele- Dualismus (Problem der mentalen Verursachung) mit der These der islamischen Theologen: Gott Verursacht beides

Die Verknüpfung aus Kapitel 17 kommt also zustande, weil Gott diese nach seiner Festlegung erschafft. Geschaffenes ist Kontingentes – die Dinge k?nnten auch anders sein und sind deshalb zu hinterfragen. Diese Kontingenz steht damit gegenüber der aristotelischen Notwendigkeit in der Kausallehre.

Die philosophische Wirkung al- Ghazal?s war nicht so gross, da der Text “Die Inkoh?renz der Philosophen” sehr kompliziert ist und wohl nicht in seiner Ganzheit verstanden wurde. Mit dem Erfolg des theologisch einflussreichen al- Ghazal? enden die rationalistischen Bestrebungen im Osten Arabiens. Im islamischen Spanien blühte die arabische Philosophie für kurze Zeit noch einmal auf. Das 12. Jahrhundert bedeutet für die islamische Philosophie ein Scheideweg. Drei Modelle stehen zur Verfügung:

  • Altes Modell: al -Farab?
    Dieser orientiert sich stark an Aristoteles und ist deshalb sperrig zum Islam
  • Avicenna
    Avicenna orientiert sich ebenfalls an Aristoteles und macht starke Konzessionen an den Islam
  • Al- Ghazal?
    Brachte die Philosophie ins Wanken mit dem Zugest?ndnis, dass man Teile davon dringend brauche (zum Beispiel die Logik)

Der Schauplatz hat sich vom Iran/ Irak nach Spanien verlegt. In Spanien gab es zuvor nur jüdische Philosophen. Die ersten islamischen Philosophen waren:

  • Ibn Masarra (bis 931)
    Was vor 1970 über Ibn Masarra geschrieben wurde, kann man als falsch deklarieren. Man weiss nicht viel von ihm. Es gibt jedoch zwei bekannte Thesen:
    1. Es gibt nach Ibn Masarra zwei Formen des Wissens in Gott: Das Wissen über die ewige geistige Welt und das zeitliche Wissen über die sinnliche Welt. Daraus abgeleitet wird die Lehre des freien Willens. Da der Mensch frei ist, kann auch Gott nicht vorher wissen, was er tun wird. Hier besteht ein Spannungsfeld zwischen der Allmacht Gottes und dem freien Willen des Menschen.
    2. Gottes Macht ist Gottes Thron. Es ist diese Macht, welche die Welt regiert. Gottes Wesen bleibt dabei unberührt und hat keinen Kontakt zur Welt. Das vorher erw?hnte Spannungsfeld soll damit aufgehoben werden, wirkt also wie ein bewusster Verzicht Gottes auf die Vorsehung.
  • Ibn Hazm (bis 1064)
    Im Anschluss an Avicenna versuchte Ibn Hazm die Logik zur Koranauslegung zu nutzen. Er lehrte, dass die Offenbarung unabh?ngig von einer besonderen Sprache (und also das Arabische nicht notwendig die Sprache der Offenbarung) sei.
  • Ibn al- ‘Arab?

2. Ibn Bagga (Avempace, um 1095 – 1138)

Trotz seiner vielf?ltigen Leistungen und Einflüsse ist von seinem Leben wenig bekannt. Er wurde am Ende des 11. Jahrhunderts in Zaragoza geboren. Zu dem Zeitpunkt herrschten die muslimischen Hudiden in Spanien. Im Alter von 20 Jahren begann er seine politische Karriere. Unter den muslimischen Berbern, den Almorassiden, die Zaragoza im Jahre 1110 von den Hudiden eroberten, wurde er zweimal Wesir. Zweimal kam er auch ins Gef?ngnis, zuerst wegen Verrats und sp?ter wegen Ketzerei. Nachdem seine Heimatstadt Zaragoza im Jahre 1118 von den Christen erobert wurde, ging er erstmals nach Sevilla und Granada und dann ins Exil. Er starb verh?ltnism?ssig jung in Fes (Nordafrika) im Jahre 1139.

Avempace war der erste bedeutende Philosoph des islamischen Spanien. Sowohl Ibn Khaldun wie auch Moses Maimonides verglichen ihn mit Averroes, al -Farab? und Avicenna. Avempace bezieht sich direkt auf Aristoteles, was vor ihm noch kein Spanier gemacht hat. Sein Kommentar zur “Physik” ist nicht ins Lateinische übersetzt worden, aber Averroes wurde übersetzt und dieser hat viel aus Avempaces Kommentar zitiert. Ebenso verfasste er Kommentare zur “Logik”, eine “Opera metaphysica” und ein Buch über die Seele, in welchem er sich an Aristoteles orientiert. Seine drei Hauptwerke sind:

  • “Abschiedsbrief”
  • “Abhandlung über die Einheit von Geist und Mensch”
  • “Weisung für den Einsamen”

In allen drei Werken vertritt er die Ansicht, dass des Menschen h?chstes Lebensziel und Glückseligkeit in dem ‘Kontakt’ (d. h. der Einheit) zwischen Seele und dem aktiven Intellekt begründet ist (al -Farab?s 10 Intellekte stecken dahinter). Den aktiven Intellekt versteht Avempace als Ausstrahlung des Ersten Bewegers. Er ist das h?chste g?ttliche Wesen, das sich der Mensch vorstellen kann. Diese F?higkeit bleibt nur einigen Auserw?hlten, zum Beispiel den Philosophen, vorbehalten. Der g?ttliche ‘Kontakt’ ist nur aufgrund einer geistigen Entwicklung m?glich, wobei eine Hierarchie geistiger Stadien durchlaufen werden muss, die von der materiellen Welt zum rein Geistigen aufsteigt. Ein System dieser Art ist zum grossen Teil dem Neuplatonismus verhaftet, wobei es nicht so sehr religi?se Betrachtungen einbezieht als vielmehr reine Philosophie und Logik. Avempaces Begriff des g?ttlichen ‘Kontakts’ stand in krassem Gegensatz zu dem, was die muslimischen Zeitgenossen – mit Ausnahme der muslimischen Mystiker, der Sufi – unter g?ttlicher Einheit verstanden, n?mlich ein Stadium, das in einem Menschenleben unerreichbar ist.

In “Weisung für den Einsamen” werden, in der Tradition von al -Farab? und Platon, die Bedingungen behandelt, die ein tugendhafter Mensch (oder der wahre Philosoph) erfüllen muss, um sein volles Potential auszusch?pfen. Ein solcher Schritt ist entweder das Agieren in einem korrupten Staat als “unbequemes Unkraut” (wie Sokrates) oder der Rückzug in eine Welt der Einsamkeit und des Nachdenkens, damit man nicht ins Verderben gezogen wird. Politik ist also bei Avempace nur noch ein Ideal in einem idealen Staat.

Neben seinen philosophischen Beitr?gen komponierte Avempace Volkslieder und Verse und widmete sich auch mit Leidenschaft dem Studium der Mathematik, Astronomie und Botanik.

3. Ibn Tufail (Abubacer, 1105 – 1185)

Ibn Tufail vertritt die selbe Reserve des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft wie Avempace. Ibn Tufail war Staatssekret?r bei den Almohaden. Deren Herrscher Abu Yusuf wünschte Kommentare zu Aristoteles und vergibt den Auftrag Tufail. Dieser organisiert den jungen Averroes, welcher diese Kommentare verfasst.

Literarisch bedeutsam ist der Arzt Ibn Tufail durch seine Erz?hlung “Der lebt und der Sohn des Wachsamen ist” (gemeint ist der aktive Intellekt). Es ist die Geschichte von einem auf einer einsamen Insel ausgesetzten Waisenkind, das autodidaktisch in empirisch- induktiver Methode das Studium der Natur (Botanik, Mineralogie) beginnt, dann durch einen Wesir von der Nachbarinsel mit den Lehren des Propheten bekannt wird und schliesslich auf eine bewohnte Insel übersiedelt, um dort sein Wissen zu verkünden. Er versucht zu ermitteln, was ein Kaspar Hauser erlebt – was das Lebensprinzip ist – und endet bei der Seele.

Dass die Erkenntnis mit dem Verstand zu finden sei, ist nicht das Problem der Philosophie, sondern dasjenige der Theologie: Man hat in der islamischen Theologie lange darüber gestritten ob es akzeptabel sei, dass man auch ohne Offenbarung zu Gott finden k?nne. Die beiden Schulen

  • Mu’tazila (pro) und
  • As’ariya (kontra)

nehmen in der Frage die Gegenpositionen ein. Ibn Tufail l?st den Konflikt zwischen al- Ghazal? und der Philosophie, indem er die Philosophie esoterisch deutet und sie auf diese Weise mit al- Ghazal? verbindet. Sein Buch ist also der Versuch, eine Linie herzustellen zwischen der Sufik und der Philosophie.

Die Wirkung Ibn Tufails ist speziell: In der islamischen Welt ist kaum eine Rezeption über sein eigenes philosophisches Werk vorhanden. In Europa wird das Werk erst in der Neuzeit entdeckt. Im Jahre 1671 erfolgt die übersetzung ins Lateinische, was eine Welle der Begeisterung und Rezeption ausl?st. Der Ausl?ser dieser Rezeption ist das Zeitalter, welches sich für die Vernunft interessiert und Spinoza, der die lateinische übersetzung 1671 liest und die holl?ndische übersetzung in Auftrag gibt. Es folgen weitere übertragungen ins Englische (1674) und Deutsche (1728). Aber der Blick der Rezeption legt sich nur auf das Thema der Vernunft fest. Auch die Literatur zieht nach: 1719 erscheint “Robinson Crusoe”.

4. Ibn Rushd (Averroes, 1126 – 1198)

Averroes gilt als einer der bedeutendsten islamischen Denker des Mittelalters. Darüber hinaus besass er hervorragende Kenntnisse in der Medizin, der malikitischen Rechtslehre und der Theologie. Er stammte aus dem spanischen Córdoba, wo sein Vater, ein Richter, ihn in muslimischem Recht unterwies. Hier studierte er auch Theologie, Philosophie und Mathematik bei Ibn Tufail; der islamische Arzt Avenzoar erschloss ihm das Gebiet der Medizin. 1169 wurde Averroes in Sevilla zum Richter ernannt, ab 1171 bekleidete er dasselbe Amt in Córdoba. Ab 1182 schliesslich diente er als Leibarzt des Kalifen von Marokko und des muslimisch besetzten Teils von Spanien, Abu Yaqub Yusuf.

In seinen Schriften r?umt Averroes der Vernunft den Vorzug vor dem Glauben ein. Diese Ansicht führte 1195 dazu, dass Abu Yusuf Yaqub al Mansur ihn verbannte. Erst kurz vor seinem Tod wurde er rehabilitiert. Ibn Rushd zufolge drücken sich metaphysische Wahrheiten entweder in den Lehren des Aristoteles und der sp?tantiken Neuplatoniker oder – aber im vereinfachenden und allegorischen Stil der biblischen Offenbarungen – durch die Religion aus. Zwar behauptet Averroes nicht, dass beide einander widersprechen müssen, doch legten einige christliche Denker seine Worte in diesem Sinne aus und polemisierten über eine doppelte Wahrheit. Auf jeden Fall enthielt er Sprengstoff: Eine Reihe pointierter Thesen widersprachen der Theologie des lateinischen Westens. So wies Averroes den Gedanken einer innerzeitlichen Sch?pfung der Welt zurück, da diese keinen Anfang habe. Gott ist die ?Erste Ursache”, der Unbewegte Beweger, der M?glichkeit zu Wirklichkeit werden l?sst. Die einzelne menschliche Seele geht aus der unsterblichen g?ttlichen hervor.

Averroes verfasste ausführliche Kommentare zur Gesamtheit der Aristotelischen Werke und zeigte erstmals im Detail, was es hiess, sich an Aristoteles zu orientieren. Diese Kommentare wurden ins Lateinische und Hebr?ische übersetzt und beeinflussten sowohl die christliche Scholastik und Philosophie des europ?ischen Mittelalters als auch die jüdischen Denker dieser Epoche. Sein bedeutendstes Werk tr?gt den Titel “Tahafut al-Tahafut” (arabisch: “Widerlegung der Widerlegung”) und richtet sich gegen das Werk von Al- Ghazal?, worin er die M?glichkeit von Wissenschaft verteidigt: Jedes Wissen enthalte allgemeine und notwendige Inhalte, und auch Al- Ghazal? habe seinen Versuch, alle metaphysische Gewissheit zu zerst?ren, für allgemein gültig und gewiss gehalten. Die geschichtliche Stellung des Averroes kann begriffen werden als Wiederherstellung des Wirklichkeitsgehalts eines streng begrifflichen Denkens, als Verteidigung einer wissenschaftlichen Metaphysik (gegen Al- Ghazal?) und als Unterscheidung des reinen Aristotelismus von Mischformen.

[Hier geht es zu —> Teil 2]

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